Sozialstaat
Auf einer Baustelle für Wohnungen und Sozialwohnungen arbeiten Bauarbeiter am Rohbau / picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod

Opfer-Ökonomie - Der antisoziale Sozialstaat

Der Sozialstaat beruhte einst auf gegenseitiger Solidarität. Heute ist er ein System, das Opferstatus belohnt, Leistung entwertet und Verantwortung verdrängt. In dieser „Opferökonomie“ wachsen Helferklassen – und Leistungsträger werden demoralisiert.

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Prof. Dr. med. Aglaja Stirn ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin, Psychoanalytikerin, Gruppenanalytikerin und Sexualtherapeutin. Sie hat über verschiedene Themen publiziert, v.a. den Umgang mit dem Körper, Sexualmedizin und allgemeingesellschaftliche Themen.    

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Dr. Wolfgang Balzer ist promovierter Physiker. Ausbildung und erworbene Erfahrung – etwa bei Systemanalyse und Modellierung – haben zu einer Rundumsicht über den Tellerrand einzelner Fachgebiete hinaus geführt, die auch beim Blick auf allgemein-gesellschaftliche Themen nützlich ist.  

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Der Sozialstaat gehört zu den großen zivilisatorischen Errungenschaften westlicher Gesellschaften. Sein ursprünglicher Gedanke ist nicht bloße Umverteilung, sondern organisierte Solidarität innerhalb eines politischen Gemeinwesens. Er beruht auf der Vorstellung, dass Menschen nach ihren Fähigkeiten, Qualifikationen und Möglichkeiten zum gemeinsamen Ganzen beitragen – und im Fall von Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit oder Not auf Unterstützung zählen können.

Gerade weil Menschen unterschiedlich sind, konnte dieses Modell funktionieren. Nicht Gleichheit war sein tragendes Prinzip, sondern Fairness. Nicht jeder muss dasselbe leisten, aber jeder soll im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas beitragen. In dieser Balance liegt die moralische Stärke des Sozialstaats: Leistungsfähigere und Leistungsbereitere akzeptieren zusätzliche Lasten, weil sie die Gemeinschaft als die eigene empfinden – und weil sie davon ausgehen können, dass Hilfe, Anspruch und Verantwortung in einem nachvollziehbaren Verhältnis zueinander stehen.

Doch dieses Einverständnis ist nicht voraussetzungslos. Es hält nur so lange, wie Bürger das Gefühl haben, dass Rechte und Pflichten, Beiträge und Ansprüche, Belastung und Anerkennung noch in einem angemessenen Verhältnis stehen. Menschen vergleichen nicht nur Einkommen. Sie vergleichen auch Pflichten, Freiräume, Zumutungen, gesellschaftliche Wertschätzung und die moralische Behandlung unterschiedlicher Gruppen. Wird dieses Verhältnis dauerhaft als ungerecht empfunden, erodiert nicht nur die Zahlungsbereitschaft. Es schwindet auch die emotionale Bindung an das Gemeinwesen selbst.

Wer gehört zur Solidargemeinschaft?

Solidarität ist keine abstrakte Ressource, die sich beliebig ausdehnen lässt. Menschen empfinden Verantwortung nicht gegenüber allen in gleichem Maße. Nähe, Bindung, Loyalität, kulturelle Zugehörigkeit und Identifikation spielen eine reale Rolle. Eltern fühlen sich ihren eigenen Kindern stärker verpflichtet als fremden Kindern. Bürger empfinden regelmäßig eine größere Verantwortung für das eigene Gemeinwesen als für beliebige Fremde. Das ist keine moralische Anomalie, sondern anthropologische Normalität – und Ausdruck sozialer Bindung.

Der klassische Sozialstaat beruhte genau auf dieser Bindung. Er organisierte gegenseitige Unterstützung innerhalb einer politischen, rechtlichen und kulturellen Gemeinschaft. Hilfe war an Zugehörigkeit, Mitwirkung, Regelbindung und die Erwartung gekoppelt, dass alle Beteiligten die Ordnung grundsätzlich anerkennen, aus der sie Ansprüche ableiten.

Problematisch wird es, wenn Ansprüche stetig ausgeweitet werden, während Zugehörigkeit, Gegenseitigkeit und Loyalität immer weniger Bedeutung haben sollen. Dann wird die emotionale und moralische Grundlage des Sozialstaats geschwächt. Denn warum sollte jemand dauerhaft erhebliche Lasten für Menschen tragen, bei denen unklar bleibt, ob sie Teil derselben Solidargemeinschaft sind? Warum soll eine Gesellschaft immer größere Verpflichtungen übernehmen, wenn zugleich der Eindruck entsteht, dass Loyalität, Rechtsbindung, kulturelle Integration und Gegenseitigkeit keine Rolle mehr spielen?

Die gegenwärtige Politik behandelt Solidarität oft so, als wäre sie grenzenlos verfügbar: kulturunabhängig, voraussetzungslos und von jeder Bindung an Zugehörigkeit befreit. Doch genau damit wird dem Sozialstaat seine psychologische Grundlage entzogen. 

Wer ist eigentlich Opfer – und wer zu schwach, um beizutragen?

Moderne Demokratien sind sensibel geworden für Diskriminierung, Ausschluss und Benachteiligung. Das ist zunächst ein Fortschritt. Wenn jedoch Aufmerksamkeit vor allem an Verletzbarkeit gekoppelt wird, wenn Leid, Benachteiligung und Schwäche nicht nur Mitgefühl, sondern auch gesellschaftliche Aufwertung und Belohnung erzeugen, dann verändert sich das normative Gefüge. Der Opferstatus wird attraktiv. Er verleiht Sichtbarkeit, Zuwendung, Fürsprecher, materielle Ansprüche und Schonung. Das Problem ist nicht, dass es Opfer gibt. Das Problem ist, dass der Opferstatus bewirtschaftet wird.

Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Jeder ist in manchen Bereichen leistungsfähig, in anderen hilfsbedürftig; in manchen erfolgreich, in anderen begrenzt. Insofern ist jeder Mensch auch Opfer. In gesunden Gesellschaften werden diese Seiten miteinander saldiert. Menschen werden als ganze Personen gesehen. In der Opferökonomie jedoch wird diese Balance künstlich zerstört. Bei bestimmten Gruppen wird Stärke ausgeblendet und Schwäche maximal betont. Aus Schwäche wird Benachteiligung. Aus Benachteiligung wird ein Anspruch. Aus Anspruch wird ein Recht auf Versorgung.

Gleichzeitig geschieht bei den Leistungsträgern das Gegenteil. Dort werden nicht die Mühen, Opfer, Verzichte und Lasten gesehen, die Leistung überhaupt erst möglich machen, sondern nur die Leistungsfähigkeit. Aus dieser Leistungsfähigkeit wird dann eine moralische Pflicht abgeleitet, zu tragen, abzugeben und sich zu belasten. Dabei wird ausgeblendet, dass auch der Starke nicht nur stark ist, sondern ebenfalls Schwächen hat.

Die Logik der Opferökonomie

Unter Opferökonomie lässt sich ein System verstehen, in dem drei Rollen dauerhaft ineinandergreifen: Opfer, Helfer und Versorger. Die erste Gruppe umfasst jene, die als benachteiligt, diskriminiert, schwach oder schutzbedürftig definiert werden. Die zweite Gruppe besteht aus Anwälten, Sprechern, Betreuern, Verwaltern, Aktivisten, Funktionären und institutionellen Fürsprechern – einer professionellen Helferklasse. Die dritte Gruppe sind jene, die das System finanzieren: die Leistungsträger, die Versorgerklasse.

Die Leistungsträger werden in dieser Ordnung nicht mehr als Bürger, sondern als Energiequelle wahrgenommen. Sie sind notwendig, aber nicht geachtet. Man braucht sie, aber man respektiert sie nicht. Sie sollen produzieren, zahlen und moralisch stillhalten. 

Das Problem der Opferökonomie ist, dass ihre grundlegende Dynamik zu einem ständig wachsenden Ressourcenbedarf führt, den sie auf Dauer nicht decken kann, weil die dafür bestgeeignete Methode im diametralen Widerspruch zu ihrem zentralen Dogma steht: Sie müsste Leistung und Leistungsbereitschaft wertschätzen und belohnen, während das Opfernarrativ gleichzeitig das genaue Gegenteil fordert. Damit bleiben nur weniger effiziente und strukturell nicht nachhaltige Methoden. Schuldgefühle, historische Belastungsnarrative, Dauerappelle an Verantwortung, Umerziehung durch Sprache, Kultur und Medien. Die moralische Überhöhung des Schwachen und die Schuldzuschreibung an den Starken liefern eine scheinbar unerschöpfliche Quelle für immer neue Ansprüche – auch das Narrativ von auswegloser Dauerschuld und Dauerverpflichtung zur Versorgung all jener, die nicht so privilegiert sind.

Deutschland im Säuglingsmodus

Dass eine einmal etablierte Opferökonomie sich von selbst zurückbildet, ist unwahrscheinlich. Warum sollte eine Opferklasse den Status des Versorgtwerdens verlassen, wenn ihr ständig signalisiert wird, dass dieser Zustand nicht nur legitim, sondern auch belohnt und aufgewertet ist? Warum sollte eine Helferklasse daran arbeiten, ihre eigene Existenzgrundlage zu verkleinern? Ihre Macht, ihr Status und ihre materielle Absicherung hängen gerade davon ab, dass es immer neue Opfergruppen, Benachteiligungsnarrative und Diskriminierungsformen und damit immer neue Schutz- und Betreuungsansprüche gibt. Das System belohnt nicht Lösungen, sondern die Produktion immer neuer Problemdefinitionen.

Und mit jeder Ausweitung schrumpfen die Fähigkeiten der Gesellschaft. Der Bürger soll nicht mehr selbstverantwortlich handeln, sich qualifizieren, anstrengen, Risiken tragen, sich behaupten und reifen. Er soll betreut, angeleitet, abgefedert und versorgt werden. Der Staat tritt nicht mehr als Ordnungsrahmen auf, sondern als Nanny-Apparat. Wer Bedürftigkeit zum Kapital macht, muss Eigenverantwortung entwerten. Deutschland im Säuglingsmodus: hilflos, abhängig, unselbstständig und satt, maximal versorgt, minimal gefordert. Die fatale Konsequenz lautet: Was als Fürsorge daherkommt, produziert Unselbstständigkeit. Was als Schutz verkauft wird, erzeugt Abhängigkeit. Was als Humanität gefeiert wird, züchtet Unreife.

Lohn der Nicht-Arbeit – die Demoralisierung der Leistungsträger

Der antisoziale Sozialstaat mit seiner Opferökonomie hat allerdings ein fundamentales Problem: Er kann nur existieren, solange es genügend Menschen gibt, die arbeiten, leisten, verzichten, investieren und Wertschöpfung erzeugen. Sie lebt parasitär von genau dem Ethos, das sie zugleich untergräbt.

Die leistungsfähigsten Gesellschaften der Geschichte sind nicht durch Gleichgültigkeit gegenüber Leistung entstanden, sondern durch deren Wertschätzung – materiell, kulturell und sozial. Menschen strengen sich an, wenn sie erleben, dass sich Anstrengung lohnt. Wenn sie sehen, dass Verantwortung Anerkennung findet. Wenn sie spüren, dass Fleiß, Disziplin, Opferbereitschaft und Leistungswille Belohnung nach sich ziehen. Wenn sie jedoch erleben, dass alles Überdurchschnittliche und Privilegierte entwertet und zugleich ausgebeutet wird, entsteht eine zunehmende Demotivation in Bezug auf Leistung und Qualifizierung.

Wenn Nicht-Arbeit finanziell und gesellschaftlich ähnlich oder sogar attraktiver gestellt wird als Arbeit, wird damit Leistung und Arbeit entwertet. Es entsteht die Frage „Warum sich anstrengen?“ – nicht als Ausdruck von Faulheit oder gar bewusster Verweigerung, sondern von Rationalität. Folgerichtig ziehen sich die Leistungsbereiten zurück – erst psychisch, dann praktisch. Sie reduzieren ihre Leistung, meiden Verantwortung, geben Ambitionen auf oder verlassen innerlich das Gemeinwesen. Arbeit und Leistung ist kein Vergnügen, erfordert Verzicht und Anstrengung, ist auch erschöpfend und belastend. 

Wer arbeitet, übernimmt Verantwortung, erlebt immer häufiger, dass er nicht als Stütze der Gesellschaft, sondern als Problemfall behandelt wird: als privilegiert, verdächtig, moralisch in der Bringschuld. Erfolg erscheint nicht mehr als Ergebnis von Mühe, sondern als Legitimationsproblem. Wohlstand wird nicht als erarbeitete Leistung, sondern als Schuldquelle interpretiert – und bisweilen sogar bestraft, etwa durch Steuer- und Abgabenlast, Vermögensbesteuerung oder Erbschaftssteuer. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die ihre produktivsten Kräfte nicht motiviert, sondern demütigt. Eine Ordnung, die Leistung mit Neid, Misstrauen, Zusatzlasten und kultureller Geringschätzung beantwortet, darf sich nicht wundern, wenn Leistungsbereitschaft verschwindet. Es bleibt eine geschwächte Leistungsbereitschaft. 

Worte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sind in den vergangenen Jahren semantisch entstellt worden. Für viele Bürger klingen sie längst nicht mehr nach fairem Ausgleich und wechselseitiger Verpflichtung, sondern nach Umverteilung, Daueralimentierung, Schonung des Regelbruchs und Verachtung von Leistung. 

Noch schwerer wiegt der Verlust an Selbstachtung. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr wehrt, wenn auf ihre Kosten gelebt wird, wenn ihre Regeln missachtet, ihre Ordnung verhöhnt, ihre Sicherheit gefährdet und ihre Werte bekämpft werden, verliert seine Würde. 

Man kann ein Gemeinwesen nicht erhalten, wenn man seine tragenden Kräfte fiskalisch ausnimmt, kulturell verachtet und moralisch diszipliniert, während man Anspruchsdenken, Grenzüberschreitung und Verantwortungslosigkeit immer weiter entschuldigt und belohnt. Das Ergebnis ist ein antisozialer Staat. Der antisoziale Sozialstaat zerstört gerade das, was der Sozialstaat einst schützen sollte. Er beschädigt Leistungsfähigkeit, Bildung, Qualität und Verantwortung.

Eine Gesellschaft aber wird nicht stark, indem sie Schwäche fordert und fördert. Sie wird nicht gerecht, indem sie Leistung bestraft. Sie wird nicht menschlich, indem sie jede Grenze moralisch delegitimiert. Sie wird nur müde, wehrlos und schwach. Am Ende gilt: Man bekommt das, was man belohnt. Und eine Gesellschaft, die Nicht-Leistung, Opferstatus und Abhängigkeit belohnt, wird am Ende genau das hervorbringen.

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Pamina | Mo., 25. Mai 2026 - 12:03

diesen hervorragenden Artikel bitte Herrn Merz schicken? Hier liegt der Grund, warum immer mehr gutverdienende Menschen in Teilzeit gehen oder die Rente vorziehen. Man will das nicht länger mit Höchststeuern finanzieren und zieht sich ins Private zurück. Kenne ich einige. Der Sozialhilfestaat gehört radikal gekürzt. Nur noch Pauschalen, gedeckelt in der Gesamtsumme, jeder kann dann sein Leben einrichten wie er es braucht. Orientierung sollte finanziell maximal die Familie mit zwei Kindern sein. Wer Kinder im Bürgergeldbezug darüber hinaus zeugt, muss zusehen wie er hinkommt. Für EU-Ausländer Sozialhilfe erst nach 5 Jahren sozialversicherungspflichtigem Arbeiten. Ansonsten Bürgergeld auf maximal 5 Jahre begrenzen innerhalb von 15 Jahren.

Urban Will | Mo., 25. Mai 2026 - 12:17

Beitrages unterstreichen kann und muss: es fehlt die Botschaft, es fehlt das Benennen von Ross und Reiter, es fehlt die klare Analyse, warum wir da sind, wo wir sind, wer die Schuld trägt und wie man wieder heraus kommt.
Was hier beschrieben wird, ist Regierungsprogramm, das sollte so auch erwähnt werden. Einer Regierung, CDU-geführt, aber sozialistisch dominiert.
Und solange diese Regierung da ist, wird es so weitergehen, die Steuererhöhungen für die Leistungsträger, um diesen Irrsinn weiter am Leben zu erhalten, sind doch längst beschlossen und die Union wird sie durchwinken.
Eines fehlt wohl noch immer allen klugen Köpfen, die solche Beiträge zu schreiben vermögen: der Mut, endlich zu fordern, was überfällig ist.
Eine fundamentale Politikwende. Wie und mit wem die nur möglich wäre, weiß eh jeder. Nur sagen trauen tut sich keiner.
Und so geht es weiter gen Eisberg.
Das wissen auch Stirn und Balzer. Schade, dass Mut so eine verkümmerte Existenz führt in diesem Lande.

Allerdings reicht es auch nicht, denen zu applaudieren, die ein Problem benennen, und weitere Forderungen an diese zu stellen. Ich weiß nicht, wie Ihr persönlicher Beitrag aussieht - sicher sind Sie Mitglied einer Partei oder arbeiten in "zivilgesellschaftlichen" Organisationen? Demokratie ist jedenfalls kein Zuschauersport, und Minderheiten-Aktivisten konnten nur deshalb so viel gesellschaftlichen Einfluß bekommen, weil zu viele Bürger es dann doch zu anstrengend fanden, sich selbst in die Niederungen des Tuns zu begeben.

..daß die "Niederungen des Tuns" der tägliche Job ist oder sonst eine (vielleicht nicht bezahlte) regelmäßige Verantwortung der Familie gegenüber. Es gibt zudem viele Möglichkeiten, sich gesellschaftlich und kulturell (auch das ist wichtig) ehrenamtlich zu engagieren, denn das hält die Gesellschaft zusammen. Wie die Autoren schreiben, wächst aber der Unmut, wenn genau auf den Feldern des Tuns der 'Otto-Normalbürger' unter sich ist. Jeder schaue sich in seinem Verein und dessen Vorständen um...

Markus Michaelis | Mo., 25. Mai 2026 - 22:17

Ich denke, dass der Artikel ganz wichtige Punkte anspricht. Solidarität ist eine gegenseitige Verpflichtung und ich denke nicht, dass sich die ganze Welt mir gegenüber verpflichten will - ich wollte das auch nicht. Genauso wenig, wie die ganze Welt glaube ich meine Werte übernehmen will, meine Weltsicht.

S. Kaiser | Di., 26. Mai 2026 - 10:50

Eine treffende Analyse, die die Ursachen für die missliche Lage hervorragend herausarbeitet.
Ein weiteres Indiz, das mMn diese Analyse stützt, ist die kontinuierlich sinkende Spendenbereitschaft in Deutschland.
Lt. Tagesschau.de gab es 2025 rund 4,65 Mrd Euro Privatspenden, was deutlich weniger wäre als im Vorjahr. Damit sei das Gesamtvolumen so niedrig ausgefallen wie zuletzt 2013. Auch die Zahl der Spender sei zurückgegangen, um rund 848.000 auf 15,8 Mio Menschen.
Weiter stützen mE folgende Erhebungen die These des Artikels: 35% der Spenden flossen nämlich in lokale(!) Projekte.
Für nationale (-9%) und internationale Projekte (-10%) sei hingegen weniger gespendet worden.
Zuwächse gab es bei sozialen und Umweltthemen und Tierschutz. Projekte innerhalb von Kirche und Religion mussten hingegen einen Rückgang von 4,2% hinnehmen, Kultur- und Denkmalpflege (-35,4%) und die Geflüchtetenhilfe (-7%). Die spendenfreudigste Generation sei übrigens – wenig überraschend- die 60+ Jährigen.

C. Schuhegger | Di., 26. Mai 2026 - 15:28

Der Artikel zeigt die Dysfunktionalität der Opfer-Ökonomie. Entscheidend ist: Warum wurde ein offensichtlich dysfunktionales System implementiert?

Riecks Rasiermesser lautet: Gehe von Absicht aus, auch wenn Dummheit die bequemere Erklärung ist.

Meine These: Die Opfer-Ökonomie ist lediglich Mittel zum Zweck, um Puffersysteme zu entleeren, die unsere Bürger-Freiheit schützen.

„Abhängigkeit erzeugt Unterwürfigkeit und Käuflichkeit.“ Wer keine Reserven und keine Ausweichmöglichkeiten hat, wird erpressbar.

Heute schützen finanzielle Puffer wie Sozialversicherungen, Einlagensicherung und tragfähige Staatsfinanzen vor direkter Abhängigkeit.
Werden sie durch Verschwendung, steigende Abgaben und Industrieabwanderung erodiert, schlägt Macht direkt auf den Einzelnen durch.

Dann wird aus formaler Freiheit Anpassungszwang: Man darf noch Nein sagen, kann es sich nicht mehr leisten.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Dazu passt Glaeser/Shleifers (Harvard) Paper „The Curley Effect“ von 2005.