- Erzieher taugen nicht als Kumpel
Mitarbeiter eines Offenen Jugendtreffs in Berlin sollen eine Vergewaltigung gedeckt haben, damit die Täter nicht aufgrund ihrer Herkunft „diskriminiert“ werden. Tatsächlich gibt es gute Gründe, das Konzept solcher Treffs generell infrage zu stellen.
In den letzten Wochen habe ich darüber berichtet, dass sozialpädagogischer Widerwille gegen Regeln viel Schaden in unserer Gesellschaft anrichtet. Trauriges Beispiel dafür ist nun ein Fall, in dem offenbar Mitarbeiter eines Offenen Jugendtreffs eine Vergewaltigung deckten, damit die muslimischen Täter nicht „diskriminiert“ würden. Wie Bild berichtet, soll die 16-Jährige zuerst von einem Jungen vergewaltigt und Monate später von acht weiteren Besuchern des Jugendzentrums am ganzen Körper bedrängt worden sein.
Für das betroffene Mädchen war der Treff kein „Schutzraum“, obwohl solche Einrichtungen gerne als „geschlechtersensible Schutzräume“ dargestellt werden. Doch in diesem Fall kam die Gefahr von innen – und die Erzieher blieben untätig. Es ist ein krasser Einzelfall. Doch leider gibt es gute Gründe, das Konzept solcher Jugendtreffs generell infrage zu stellen.
Eine Schutzwirkung ist kaum belegt
Sogenannte Offene Jugendtreffs werden in der Regel eröffnet, wenn es in einer Gemeinde eine gewisse Anzahl von Jugendlichen gibt, die nachmittags auf öffentlichen Plätzen herumhängen, nichts mit sich anzufangen wissen und dabei auf dumme Ideen kommen. Diffus formuliert dienen diese Angebote einer „Stärkung der sozialen und persönlichen Kompetenzen“, der „Förderung der Selbstverantwortung und der Fähigkeit, eigene Interessen zu entwickeln und umzusetzen“ (Oberhaching).
Im besten Fall entstehen solche Treffs, um zu verhindern, dass die Jugendlichen beim Rumhängen in Kontakt mit Drogendealern und anderen Kriminellen kommen (Urban). Dann soll der Treff eine Schutzfunktion erfüllen, einen Raum bieten, in dem man sich gefahrlos aufhalten kann. Per Definition der Offenen Jugendarbeit müssen die Jugendlichen selbst entscheiden, was sie dort machen. Typischerweise beinhaltet ein Jugendraum einen Kicker, einen Internetzugang, den Verkauf billiger Getränke und Süßigkeiten sowie einen Raum mit Sofas.
Eine solche Schutzwirkung gegenüber schlechten Einflüssen von außen ist allerdings kaum empirisch belegt – wie auch sonst sehr wenig Interesse an einer Überprüfung messbarer positiver Effekte, z.B. durch randomisierte Kontrollstudien, besteht. Fast alle Veröffentlichungen zum Thema Offene Jugendarbeit sind lediglich gut gemeinte Absichtserklärungen der Träger. Was genau diese Arbeit am Ende bringt, wird fast nie untersucht.
Das Fähnchen der Toleranz
Betrachtet man jedoch die starke Prävalenz einer naiven Erziehungsideologie in der Sozialpädagogik, so könnten Vorfälle wie die vertuschte Vergewaltigung beinahe programmiert sein. Dahinter steht der Glaube, dass es genügen würde, Jugendlichen zuzuhören und ihnen das Gefühl von Akzeptanz zu geben, um sie vor der schiefen Bahn zu bewahren. Der klassische Sozialpädagoge versucht nicht, Jugendliche zu führen und zu lenken, sondern ihr Kumpel zu sein. Der Erwachsene fungiert nicht als Schiedsrichter und Leiter, sondern als Teilnehmer einer Diskussionsrunde: „Zur Aufarbeitung von Vergehen und Konflikten wird in den verschiedenen Offenen Treffs auf Dialog auf Augenhöhe und Reflexion zurückgegriffen, um Konsequenzen zu erarbeiten. Dies kann von Team und Regelbrechern gemeinsam bewerkstelligt werden, unter anderem indem gegenseitige Erwartungen geklärt werden“ (Urban).
Und weil man Erziehung als ein permanentes Aushandeln von Spielräumen betrachtet, „wird im Team ausgehandelt und reflektiert, welches Verhalten als illegal zu bewerten ist“ (ebd.). So werden Vergehen zur Verhandlungsmasse. Kein Wunder, wenn Gutmenschen ganz bewusst eine Vergewaltigung unter den Tisch fallen lassen, um durch ihr Wegsehen vermeintliche Diskriminierung zu verhindern. Hauptsache, das Fähnchen der Toleranz wird aufrechtgehalten.
Ghettoisierung der Jugendarbeit
Untersucht man die primäre Klientel der Jugendzentren näher, wird deutlich: Solche Räume zu eröffnen, ist kein großartiges Investment für die gesamte Jugend einer Gemeinde, sondern bestenfalls ein Auffangbecken für abgehängte Jugendliche, das sie daran hindert, ihre Zeit noch sinnloser oder gefährlicher zu verbringen. Es ist für andere Kinder kein guter Ort und für die Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen ein schlechterer Ort als ein Verein oder ein Jugendraum mit strukturierten Veranstaltungen.
Für Kinder, deren Eltern sich um Bildung und Erziehung tatsächlich kümmern, sind solche Treffs wenig attraktiv. Sie gehen nur selten hin, weil dort die Jugendlichen geballt auftreten, die bürgerliche Eltern als „schlechten Umgang“ bezeichnen würden. Das ist keine diskriminierende Aussage, sondern ergibt sich ganz zwangsläufig aus dem Status quo und dem pädagogischen Konzept. Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit werden besonders von bildungsfernen männlichen Jugendlichen aus niedrigen sozialen Milieus besucht, sehr häufig mit Migrationshintergrund, schulischen Schwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten und geringen beruflichen Perspektiven. Ihre spezifischen Probleme bestimmen den Alltag vieler Einrichtungen (BMFSFJ). So entsteht eine Art Ghettoisierung der Jugendarbeit.
Jugendliche sollen Räume erobern
Die Klientel, die die Einrichtungen primär aufsucht, ist also nicht unbedingt der Freundeskreis, den andere Eltern ihrem Kind wünschen. Die Einrichtungen selbst fokussieren darauf, dass diese Gruppe lernen soll, sich die Räumlichkeiten „anzueignen“. „Aneignung von Raum“ ist ein Kernbegriff der Sozialarbeit. Sie soll den Jugendlichen helfen, ihre eigene Identität stärker zu entwickeln. „Aneignung“ geschieht durch das Bemalen der Wände, durch das Spielen selbst gewählter Musik oder auch durch die Identifikation des Raumes als „Das ist unserer“. „Auch (homogene) Gruppen können Räume exklusiv für sich temporär beanspruchen“ (Urban).
Kurz: Gerade weil die rein kumpelhafte, optionale Präsenz der „Pädagogen“ (die aber niemanden erziehen wollen) im Vordergrund steht, haben die Jugendlichen hier weitgehend freie Hand. Das ist tatsächlich etwas, wonach Heranwachsende sich sehnen, und ist ein Stück weit verständlich. Es führt aber aufgrund der typischen Klientel dazu, dass Gymnasiasten die am wenigsten repräsentierte Gruppe in diesen Treffs sind. Sie fühlen sich dort nicht wohl und haben auch ganz schlicht Besseres zu tun.
Seitens der Sozialpädagogen wird das aber ganz anders interpretiert: Sie stellen die armen Gymnasiasten gerne als die gestressten Schüler dar, die furchtbar viele „belastende“ Termine haben: „Da haben wir das Gefühl, die sind alle super eingetaktet. Und was wir immer wieder zurückgemeldet bekommen, ist einfach, dass die kaum Freizeit haben […], neben Schulaufgaben, Nachhilfe, Geige, Klavier oder – das hat irgendwie gefühlt als Belastung zugenommen“ (Urban).
Vereine bauen mehr Kompetenzen auf
Das viele Geld, das in diese Einrichtungen fließt, wäre in zielgerichteten Angeboten wie Vereinen besser angelegt. Die angeblichen „Belastungen“ der Kinder aus engagierteren Elternhäusern haben nämlich eines gemeinsam: Hier wird auf ein Ziel hingearbeitet. Offene Treffs stellen kostenlos Komfort zur Verfügung und steigern damit den Geltungsdrang der Klientel. Gesteigerter Geltungsdrang verstärkt jedoch das Aggressionspotenzial. Natürlich ist es schön, etwas geschenkt zu bekommen; aber Wertschätzung für Geschenke hat nur, wer weiß, dass man sich Genuss im Normalfall hart erarbeiten muss. Das ist bei diesen Jugendlichen nicht der Fall.
Im Verein hingegen lernen Jugendliche, sich für positive Erfahrungen anzustrengen. Bei der Jugendfeuerwehr gibt es klare Befehlsstrukturen, man lernt, sich zugunsten der Sache persönlich zurückzunehmen und für die regelmäßigen Prüfungen zu den verschiedenen Abzeichen fleißig zu pauken. Bei den Pfadfindern dient man einer gemeinsamen Sache, kümmert sich um Jüngere, erträgt Regen und Kälte um des Abenteuers willen und lernt, verantwortungsvoll mit Werkzeugen umzugehen. Im Tischtennisverein trainiert man gezielt auf Turniere hin, lernt, Kritik vom Trainer anzunehmen und ohne Neid auf die zu schauen, die besser sind als man selbst, um von ihnen zu lernen. All das ist wesentlich besser für die Erziehung als Offene Räume, die bloß ein externes Wohnzimmer ohne elterliche Regeln darstellen.
Dem einen oder anderen mag ein Ort fehlen, wo er auch bei schlechtem Wetter Freunde treffen kann. Allerdings werden sogar Sozialwohnungen meist so gestaltet, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer hat – für Eltern, die ihre Miete selbst zahlen, keine Selbstverständlichkeit. Man kann auch einwenden, dass andere Unternehmungen außer Haus Geld kosten. Andererseits schadet es niemandem, durch Schülerjobs das dafür nötige Taschengeld zu verdienen.
Vereine sind die deutlich bessere Wahl
Unterm Strich sind gerade für Jugendliche, die nichts mit sich anzufangen wissen, Vereine die deutlich bessere Wahl. Das zielgerichtete Tun dort stärkt genau jene Kompetenzen, die ihnen fehlen. Kinder, die sich in Vereinen betätigen, statt am Handy oder Bildschirm zu kleben, sind auch in der Schule besser (Pfeiffer 2007). Regelmäßiges Abhängen mit anderen Abgehängten bringt niemanden voran, und wer nichts mit sich anzufangen weiß, kommt schneller auf dumme Ideen als jemand, der etwas zu erledigen hat.
Der Finanz- und Studienaufwand für Sozialpädagogen in Offenen Treffs wäre besser investiert, wenn sie z.B. Eltern aus diesen Milieus in Workshops beibrächten, ihre Kinder nicht zu vernachlässigen. Denn es sind genau diese Jugendlichen, deren Eltern schon im Kindergartenalter nicht regelmäßig mit ihnen zum Zahnarzt gehen, keine Bücher aus der Bücherei holen, nicht gesund mit ihnen kochen, die Fernseh- und Handynutzung nicht beschränken und nicht auf ihre Sprachkenntnisse achten (Meinlschmidt). Sehr gut belegt ist auch, dass jede Stunde konsumierende Bildschirmzeit pro Tag einen negativen Effekt auf die Schulleistungen hat, während sportliche Betätigung kognitive Leistungen stärkt (Pfeiffer 2007).
Was mindestens gelten muss
Wenn man unbedingt Offene Treffs anbieten möchte, sollte mindestens gelten: Es kommt nur rein, wer sein Smartphone am Eingang in ein Schließfach packt – dann kann auch niemand herabwürdigende Videos von anderen aufnehmen. Zum offenen Angebot müssen Sportarten und selbstständiges Kochen gehören. Die Besucher müssen regelmäßig Putzdienste und Renovierungsarbeiten übernehmen, um den Treffpunkt in gutem Zustand zu erhalten. Die Erwachsenen leiten sie dabei an.
Büchern, Sprachspielen und Logikaufgaben sollte viel Zeit gewidmet werden. Es ist Aufgabe der Pädagogen, die Besucher dafür zu begeistern. Fernseher und Spielekonsolen haben nichts im Offenen Treff zu suchen, zumindest nicht unlimitiert. Und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt konsequent Hausverbot – zum Schutz der anderen. Allerdings ist die Frage: Wer kommt dann noch?
Literatur
BMFSFJ: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Referat Öffentlichkeitsarbeit – 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland
Meinlschmidt: Meinlschmidt, Gerhardt – Grundauswertung der Einschulungsdaten in Berlin 2007. Berlin, 2009.
Oberhaching: Konzept Offene Jugendarbeit Oberhaching – Jugendtreff A12, 2019, https://www.jugendtreff-a12.de/files/Links und Downloads/Konzept Jugendtreff A12 - überarbeitet 2019 Januar.pdf
Pfeiffer 2007: Pfeiffer, Christian u. a.: Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums: eine Analyse auf der Basis verschiedener empirischer Untersuchungen. Hannover 2007, S. 3 ff.
Urban: Urban, Jeremias – Das Arbeitsprinzip ‚Offenheit‘ in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit auf dem Prüfstand – Zugänge zu und Raumaneignung in Offenen Treffs in Dresden. https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/12515/file/2019-09-30MasterthesisOffenheitinOKJAfinal.pdf
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Allerdings ist die Frage: Wer kommt dann noch?
Klingt nach einem Projekt was halt einmal ausprobiert werden müsste/könnte. Ich sag es mal so, genug Sportplätze die öffentlich zugänglich sein könnten gibt es, oft werden diese aus Versicherungsschutz- oder Reinigungsgründen verschlossen. Lange bekannt oder?
Ein Gebäude neben so einem anmieten und ein semi-offenen Treff organisieren. Nicht mein Bier, viel Spaß!
Sich dieser Art "Pädagogik" , mir noch von früher bekannt als "antiautoritäre Erziehung" zu bedienen anstatt zu kontrollieren inwieweit es im Vergleich zu moderaten jedoch konsistenteren Erziehungsmodellen gelingt eine gewisse soziale Alltagstauglichkeit zu erlangen o. fehlende Strukturen in das Leben der Kinder/Jugendlichen hinein zu bringen, führt eben gerade so in die Verwahrlosung und mögliche Ausgrenzung durch die Mehrheit, die man vermeintlich meinte zu bekämpfen zu können mit solchen Offenen Treffs. Und was das zwar bequemere aber für den Schutzraum Schule, Treff etc. wie man inzwischen wissen kann schlimm endend könnende "3-Affen-Syndrom" von ihrer eigenen Toleranz besoffenen Bildungspolitikern über Schulleitungen bis hin zu diesen m.E. nach zu entlassenden Verantwortliche rund um diesen Berliner Treff angeht, ist nichts andere als Feigheit und die Angst vor der eigenen Courage. Ich hoffe, die Opfer derer, werden gesunden und diese Versager als Erwachsene damit konfrontieren!
"Mitarbeiter eines Offenen Jugendtreffs in Berlin sollen eine Vergewaltigung gedeckt haben ... "
Sollen? In Berlin liegt dass sehr nahe, dass man solgenannte Flüchtlinge ... ähem ... Migranten ... ähem ... Schutzsuchende schützen will nach dem Motto: die Opfer sind selber schuld, wenn oder weil sie nicht linX sind! Und warum trug das Opfer keine Burka oder Kopftuch == noch mehr selber schuld! Ergo: Frauen & Mädchen ohne Burka oder Kopftuch sind geborene Opfer?!
...fühlen sich doppelt stark. Einzeln sind sie meist kleinlaut. Einzeln würde sie wohl auch ein durchsetzungsfähiger Erzieher erreichen. Das Thema Gruppen, besonders bestimmte männliche, jugendliche, migrantische, kommt in der öffentlichen Diskussion zu kurz. Die WELT online (sonst niemand der Presse?) behandelt gerade den Fall der 25-jährigen Spanierin, die durch Injektion (selbstbestimmtes Sterben) aus dem Leben schied. Im ausgestrahlten Interwiew klagt sie, daß sie durch das Trauma einer an ihr begangenen Gruppenvergewaltigung, ihren dadurch bedingten (aber gescheiterten) Selbstmordversuch mit Fesselung an den Rollstuhl bezahlen musste. Die Erlebnisse wurde sie nie mehr los, bis zu ihrem Freitod. Bei uns steht das Opfer oft nicht zur Debatte. Digitale Deepfakes werden höher bewertet, als das Versagen von Erziehern in Jugendeinrichtungen mit fatalen Folgen. Wer kümmert sich wirklich um diese "herrenlosen" Jungen, die für eine klare Richtung meist dankbar und empfänglich wären?
