Öffentlich-Rechtliche - Markus Lanz steht für ein Systemversagen

Die Petition gegen Markus Lanz reicht weit über seine Person hinaus: Die Gebührenzahler empören sich, dass öffentlich finanzierte Sender längst nicht mehr dem öffentlichen Interesse dienen

Markus Lanz auf Sendung: Moderator in der Kritik
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Erinnert sich noch jemand an die Online-Petition gegen Markus Lanz? Das war vor wenigen Wochen noch ein großer Aufreger, und inzwischen hat jeder, der sich dazu berufen fühlte (mich eingeschlossen), seinen Senf dazugegeben. Nach den Gesetzen der Medienökonomie dürfte das Kapitel also abgeschlossen sein, zumal inzwischen Alice Schwarzer den Strom der negativen Publikumsenergie auf sich gelenkt hat. Herr Lanz ist folglich erstmal wieder aus dem Schneider, der Aufruf im Internet zu seiner Absetzung als ZDF-Moderator wurde mittlerweile geschlossen.

Immerhin mehr als 230.000 Menschen hatten dort unterzeichnet, wobei im Unterschied zu den gewöhnlichen Shitstorms jeder Petent individuelle Angaben zur eigenen Person hinterlassen musste. Von einem „anonymen Mob“ kann demnach in diesem Fall nicht wirklich die Rede sein. Natürlich dürften trotzdem viele Unterzeichner die günstige Gelegenheit ergriffen haben, ohne allzu große Mühen eine prominente Person fertig zu machen. Aber es wäre falsch, deswegen jedem der 230.000 Lanz-Kritiker niedere Motive zu unterstellen. Tatsächlich reicht die „Causa Lanz“ weit über das unglückliche Wirken eines Unterhaltungskünstlers hinaus. Es geht um ein System, das solche Personalien überhaupt erst möglich macht. Es geht um das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Rundfunk-Steuerzahler fordern mehr Mitsprache


Und da wird sich erst noch zeigen, ob die sogenannte Haushaltsabgabe – also das geräteunabhängige Erheben von Rundfunk-„Gebühren“ – wirklich so eine praktische Lösung für ARD und ZDF war. Denn bei Lichte besehen handelt es sich natürlich keineswegs um Gebühren, sondern schlicht um eine Steuer, die im Prinzip jeder Bürger dieses Landes zu entrichten hat. Genauso, wie auch überzeugte Fahrradfahrer über ihr Steueraufkommen den Bau und den Betrieb von Autobahnen mitfinanzieren. Insofern wäre es das mindeste, die Rundfunk-Steuerzahler auch am rundfunkpolitischen Prozess partizipieren zu lassen.

Diese Möglichkeit aber ist Fernsehzuschauern und Nicht-Fernsehzuschauern gleichermaßen nicht gegeben. Oder haben Sie schon einmal versucht, sich in einen Rundfunk- beziehungsweise in den Verwaltungsrat einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt wählen zu lassen? Um in diese Gremien zu gelangen, muss man sich nämlich in aller Regel schon vorher als Unterstützer des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems qualifiziert beziehungsweise zumindest unter Beweis gestellt haben, dass man diesbezüglich über keinerlei Qualifikation verfügt. Oder warum sonst ist der Hauptgeschäftsführer der „Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin und Brandenburg“ neuerdings im Rundfunkrat des RBB vertreten, um nur eines von hunderten Beispielen zu nennen?

Es liegt offen zutage, dass aus den öffentlich-rechtlichen Sendern längst das Gegenteil einer bürgernahen Institution geworden ist. Diese Anstalten haben sich im Laufe von Jahrzehnten in Mega-Behörden verwandelt, die zuallererst mit der Verwaltung ihrer selbst beschäftigt sind, Kreativität verhindern und dabei auch noch ein höchst verzerrtes Bild von der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland zeichnen. Oberstes Ziel dieses Systems ist nicht ein gutes oder auch nur angemessen erträgliches Programm, sondern die Verstetigung der Finanzströme zum eigenen Vorteil. Jetzt eben durch eine Steuer – wie praktisch!

Praktisch ja, aber eben auch nicht ganz ohne Risiken für die Öffentlich-Rechtlichen. Womit wir wieder bei der Lanz-Petition wären, die sich mittlerweile zu einem in Gründung befindlichen „Publikumsrat für die öffentlich-rechtlichen Medien“ erweitert hat. Der enorme Zuspruch für die Lanz-Kritiker habe nämlich gezeigt, „dass eine bedeutend große und aktive Bevölkerungsgruppe substanzielle Veränderungen der Medienlandschaft in Deutschland wünscht“, wie es in einer entsprechenden Erklärung heißt. Das zugrunde liegende Prinzip lautet schlicht „no taxation without representation“.

Höchste Zeit, selbst zu handeln


Wenn schon die politischen Parteien aus wohlverstandenem Eigeninteresse an den verkrusteten Strukturen der steuerfinanzierten Medienlandschaft nichts ändern wollen, ist es höchste Zeit, dass die Bürger das ohne verschlungene Umwege selbst in die Hand nehmen. Die betroffenen Institutionen, also insbesondere die mit der Politik verwobenen Sender, werden solch ein Ansinnen zwar mit aller Kraft zu verhindern wissen. Aber ein Anfang ist immerhin gemacht.

Und dieser Anfang ist ganz nebenbei auch noch der Beweis dafür, dass es den Initiatoren der Lanz-Petition keineswegs darum ging, ihr Mütchen an einem harmlosen Fernsehmoderator zu kühlen. Sondern um viel mehr. Es geht darum, dass eine öffentlich finanzierte Einrichtung endlich wieder dem öffentlichen Interesse dient. Und nicht nur sich selbst.

 

 

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