Komponistin Olga Neuwirth - „Nicht wegjodeln lassen“

Als Komponistin muss sich Olga Neuwirth immer wieder in einer männlich dominierten Kunstsparte behaupten: der Komposition

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(Markus Wächter) Als Tochter des Jazzpianisten Harry Neuwirth wollte sie ursprünglich ein „weiblicher Miles Davis“ werden

Wohl kaum jemand findet es ungewöhnlich, wenn eine Frau von Berufs wegen singt oder Klavier spielt. Aber wenn sie zu komponieren beginnt, wird es meistens schwierig. Denn Musik, sagt Olga Neuwirth, ist eigentlich immer noch eine Männerdomäne: „Frauen können reproduzierende Künstler sein, doch sobald sie sich das quasi väterliche Prinzip aneignen und selbst etwas erschaffen wollen, kriegen sie ernsthafte Probleme.“ Die Österreicherin weiß nur zu gut, wovon sie spricht. Bereits am Anfang ihres Studiums in Wien hat sie sich für elektronische Musik interessiert und später auch am renommierten Pariser Forschungsinstitut für Akustik/Musik „Ircam“ gearbeitet.

Begeistert von den Möglichkeiten der modernen Klangmaschinen, schrieb sie Werke mit komplizierter Live-Elektronik – und musste feststellen, dass sie sich deswegen häufig vor Konzertveranstaltern und Intendanten rechtfertigen musste. Was bei einem komponierenden Mann als künstlerische Setzung akzeptiert wird, hat sie erkannt, wird nicht direkt auf eine Frau übertragen. Inzwischen beschränkt sich Olga Neuwirth „eh schon brav“ lieber auf vorproduzierte Samples und sonstige Zuspielungen. Zwischendurch musste sie eine längere Schaffenspause einlegen, weil sie einfach nicht mehr konnte. Ob sie manchmal daran dachte, zu kapitulieren und mit dem Komponieren aufzuhören? „Oh, öfter! Aber ich wollte mich nicht unterkriegen lassen wie viele meiner Kolleginnen, die den Druck nicht aushielten. Traurigerweise gibt es viele Frauen, die plötzlich verschwunden sind, selbst wenn sie noch so begabt waren.“

Die kosmopolitische Olga Neuwirth, 1968 in Graz geboren, ist bei aller schmalen Mädchenhaftigkeit eine starke Persönlichkeit. Trotz ihrer Jahre in New York, San Francisco, Paris, Berlin und Venedig hört man ihr die österreichische Herkunft an, wenn sie auf ihre weiche, melodische Art erzählt. Zum Beispiel davon, dass sie als Tochter des Jazzpianisten Harry Neuwirth ursprünglich „ein weiblicher Miles Davis mit roter Trompete“ werden wollte. Doch bei einem Autounfall erlitt sie schwere Kieferverletzungen, die alle Trompetenpläne unmöglich machten. Deshalb beschloss Olga Neuwirth, Komponistin zu werden – und sich dabei mindestens so frei, kühn und zeitgenössisch auszudrücken wie „The Man with the Horn“.

Heute zählt sie zu den bedeutendsten Komponisten der jüngeren Generation. Ihre Vokal- und Instrumentalwerke werden weltweit aufgeführt, ihre Musiktheaterstücke waren beim Steirischen Herbst, an der Hamburgischen Staatsoper oder der English National Opera zu hören. In tollkühnen Crossover-Projekten widmete sie sich dem Pop-Countertenor Klaus Nomi, dem Filmregisseur David Lynch („Lost Highway“) oder zeigte in einer filmischen Klanginstallation auf der Documenta 2007, wie sie Note um Note aufs Papier schreibt, denn „ich kann meine Musik nur durch meine eigene Handschrift wirklich erkennen“.

Aufsehen erregte sie sogar mit nicht realisierten Projekten, wie 2004 mit der Oper „Der Fall Hans W.“ über einen wahren Fall von Kindesmissbrauch. Das Libretto zu diesem Auftragswerk der Salzburger Festspiele stammte von ihrer Freundin Elfriede Jelinek, die – empört über die Umstände der Absage – mit Oper nichts mehr zu tun haben wollte. Das hat Olga Neuwirth nicht verwunden: „Man spricht immer von der wunderbaren Zusammenarbeit zwischen Schriftstellern und Komponisten, wie Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Aber unsere erfreuliche Zusammenarbeit wurde zerstört! Warum dürfen nicht zwei Frauen ein kongeniales Paket bilden?“

In der Berliner Hotellobby, wo wir uns treffen, weil es von dort nahe zur Komischen Oper ist, an der Ende September ihre Oper „American Lulu“ uraufgeführt wurde, erscheint Olga Neuwirth nicht bloß wegen der intensiven Proben erschöpft. Sie musste sich auch gegen den Vorwurf des Ideenklaus wehren, den der Videokünstler Stan Douglas kurz vor der Premiere gegen sie erhoben hatte, der jedoch vom Landgericht Berlin eindeutig abgewiesen wurde. Auf die Frage, wie man das schafft, fantasievoll und kreativ zu bleiben und trotzdem gegen das ganze, nicht eben frauenfreundliche Musikbetriebssystem zu kämpfen, antwortet sie gefasst: „Da muss man sehr stark sein und wissen, was man wirklich will, um sich nicht irritieren, nicht zerbrechen zu lassen.“ So ist überdies das Verhältnis zu ihrem Heimatland Österreich, das sich gern mit Künstlern schmückt, ohne sie tatsächlich zu unterstützen, nicht ungetrübt, obwohl sie 2010 den Großen Staatspreis erhielt – als erste Frau in der Sparte Musik.

Beim Festival „Wien modern“ ist sie im November mit einem eigenen Schwerpunkt vertreten, der einen Querschnitt durch ihr Oeuvre präsentiert. Eine Genugtuung für Olga Neuwirth, die der einstige FPÖ-Obmann Jörg Haider auch gemeint hatte, als er die Neue Musik als „Weltkatzenmusik“ verunglimpfte. Auf einer Großdemonstration im Jahr 2000 wehrte sie sich dann mit den für sie bis heute gültigen Worten: „Ich weiß, dass man mit Kunst nichts ändern kann, aber Kunst kann Erstarrtes aufzeigen und den desolaten Zustand von Gesellschaft und Politik sichtbar machen. Ich will mich nicht wegjodeln lassen.“

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