Neue Schröder-Biografie - Merkel lobt Schröders Machtbewusstsein

Die Kanzlerin und ihr Vorgänger gemeinsam auf einem Termin: Das hat es seit der Elefantenrunde vor zehn Jahren nicht mehr gegeben. Im Berliner Haus der Bundespressekonferenz stellte Angela Merkel eine neue Biografie von Gerhard Schröder vor – und ließ sich auf einige Possen ein

Kanzler unter sich: Gerhard Schröder und Angela Merkel
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Solch ein Auflauf wegen der Vorstellung eines politischen Buches dürfte zum letzten Mal vor fünf Jahren geherrscht haben, als Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ präsentierte. Zwischen diesem Werk und Gregor Schöllgens Gerhard-Schröder-Biografie, um die es heute Mittag im Berliner Haus der Bundespressekonferenz ging, liegen zwar Welten.

Aber am Ende hängt dann eben doch irgendwie alles mit allem zusammen: Sarrazins Überfremdungsthesen und der Blick des Historikers auf die Karriere des siebten Kanzlers der Bundesrepublik. Was weniger daran liegt, dass beide Bücher im selben Verlag erschienen sind, nämlich bei der DVA. Sondern vielmehr mit der aktuellen Flüchtlingskrise und jener Frau, die sie maßgeblich zu meistern hat: Schröders Nachfolgerin Angela Merkel, die heute die Schröder-Biografie vorstellen durfte.

„Ruhig ist es selten, wenn man Bundeskanzler ist“
 

Prompt war eine der ersten Journalistenfragen, die Gerhard Schröder gestellt wurden, jene nach der Vergleichbarkeit zwischen der aktuellen Situation und der Agenda 2010. Genauer gesagt, ob die CDU Merkel nun die Gefolgschaft zu verweigern drohe wie damals die SPD es bei Schröder wegen dessen Reformwerks getan habe.

Erwartungsgemäß ließ sich der Bundeskanzler a.D. auf keinen Kommentar dazu ein und sprach nur ganz allgemein von einer „ganz großen Herausforderung“. Angela Merkel ihrerseits merkte dazu an: „Ruhig ist es selten, wenn man Bundeskanzler ist“ – und wollte ansonsten keine Parallelen heraufbeschwören. Mag sein, dass die versammelte Weltpresse sich mehr erhofft hatte. Enttäuscht nach Hause gehen musste dennoch niemand, denn sowohl die Hauptperson wie dessen Laudatorin hatten einige Schnurren zu bieten.

Da lobte Angela Merkel zunächst einmal Schröders Machtbewusstsein und ließ erkennen, dass sie sich genau aus diesem Grund während des Wahlkampfs im Jahr 2005 keineswegs siegessicher gefühlt habe. Sie lobte die Verdienste ihres Amtsvorgängers wegen der Agenda 2010, und Schröder – braungebrannt und gutgelaunt – ließ das gern über sich ergehen.

Ein kleines Raunen war schon zuvor durch den Saal gegangen, als DVA-Chef Thomas Rathnow eingangs daran erinnerte, dass Merkel im Jahr 1997 ihrerseits ein Buch in seinem Verlag veröffentlicht habe – unter dem Titel „Der Preis des Überlebens“. Darin ging es allerdings nicht um sie selbst, sondern um Umweltpolitik.

Harte Jugend in bitterer Armut
 

Die Bundeskanzlerin gestand zwar ein, den 1000-Seiten-Wälzer noch nicht vollständig gelesen zu haben, gab sich aber beeindruckt von den Passagen aus Schröders harter Jugend in bitterer Armut. Und erwähnte mit sichtlichem Amüsement die von Gregor Schöllgen ausgegrabene Episode über Schröders Bundeswehrmusterung. Als beim jungen Mann mit der Kämpfernatur ausgerechnet Krampfadern diagnostiziert worden seien.

Merkel ging auch auf die Liebe und unbedingte Menschlichkeit von Gerhard Schröders Mutter ein und nannte dies maßgebliche Werte, die immer zu gelten hätten. Womöglich in Anspielung auf ihre eigene Verballhornung als Mutter Theresa in der aktuellen Ausgabe des Spiegel.

Gerhard Schröder, der sich bei seiner Nachfolgerin ausdrücklich dafür bedankte, sich die Zeit zur Buchpräsentation genommen zu haben („keine Selbstverständlichkeit“), nahm den an seine Jugenderlebnisse geknüpften Faden auf und berichtete, er selbst habe erst durch Schöllgens Recherchen davon erfahren, dass sein Vater in der Nachkriegszeit wegen Diebstahls von Essen und Kleidung verurteilt worden war: „Ein überraschendes Ergebnis, das mich sehr berührt hat.“

Angesichts dieser Herkunft, so Gerhard Schröder, sei seine spätere Karriere alles andere als selbstverständlich gewesen. Er appellierte deshalb an gesellschaftliche Offenheit und Durchlässigkeit – daran, Bildung nicht von den Einkommensverhältnissen der Eltern abhängig zu machen. Wenn man so will, war dies der einzige Kommentar des Sozialdemokraten zur aktuellen politischen Situation.

Merkel und Schröder sehen die Elefantenrunde ganz anders


Natürlich ging es auch noch einmal um die berühmte Fernsehrunde am Wahlabend des 18. September 2005, bei dem ein polternder Gerhard Schröder den Machtwechsel zugunsten Merkels angeblich erst ermöglicht hatte. Sowohl er selbst wie auch Angela Merkel widersprachen dieser Lesart allerdings nachdrücklich.

[video:Elefantenrunde zur Bundestagswahl 2005]

Die Bundeskanzlerin ließ freilich wissen, es sei ihr durchaus zupass gekommen, dass sich damals die anderen Teilnehmer beim TV-Gespräch so sehr in den Vordergrund gerückt hätten und sie selbst deswegen nicht so viel sagen musste. Als Schröders größten Fehler habe sie es vielmehr empfunden, dass dieser im Jahr vor der Bundestagswahl den SPD-Parteivorsitz abgegeben habe. Für sie selbst, so Merkel, habe mit der Übernahme des CDU-Vorsitzes im Jahr 2000 festgestanden, dass sie auch das Amt der Bundeskanzlerin anstrebe.

Zum Schluss wurden noch ein paar nette Anekdoten serviert. Zum Beispiel über einen Kuchen, den Schröders Mannschaft ihren Nachfolgern von der Union im Kanzleramt hinterlassen habe. Eine nette Geste, die Merkel offenbar zu schätzen wusste. Zu den eher rätselhaften Beständen zum Zeitpunkt der Amtsübergabe zählte Schröders Erinnerung nach der Inhalt des Tresors im Dienstsitz des Bundeskanzlers.

Darin hätten sich nämlich die Uhren von Silvio Berlusconi befunden. Wer genauer wissen will, was es damit auf sich hatte, wird wohl um die Lektüre von Gregor Schöllgens Schröder-Biografie nicht herumkommen.

 

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biografie. DVA Sachbuch. 1040 Seiten, 34,99 Euro.

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