Naturbühne Greifensteine - Ab ins Grüne!

Auf der Naturbühne Greifensteine bei Annaberg-Buchholz gibt es Theater und Konzerte unter freiem Himmel und zwischen echten Erzgebirgsfelsen

Blick auf die Naturbühne Greifensteine
Blick auf die Naturbühne Greifensteine / Marko Seifert

Autoreninfo

Irene Bazinger ist Theaterjournalistin und lebt in Berlin. Zuletzt gab sie das Buch „Regie: Ruth Berghaus“ heraus (Rotbuch-Verlag)

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Das Theater ist ein ausgesprochener Hallensport, wenigstens hierzulande: Es gedeiht am besten in dunklen, trockenen Räumen und akustisch abgeschottet gegen alles, was draußen vor der Tür geschieht. Im Sommer freilich, wenn die Nächte kurz, die Ferien lang und die Gewitter hoffentlich knapp sind, zieht es selbst die härtesten Nachtschattengewächse der Hochkultur hinaus an die frische Luft. Das kann in renommierten Orten wie Salzburg, Verona oder Bad Segeberg der Fall sein. Es sind allerdings immer noch Geheimtipps zu entdecken, wie zum Beispiel die Naturbühne Greifensteine.

Felsen hinter der Naturbühne
Im Jahr 1846 wurde an den Greifensteinen
erstmals Theater gespielt

Dieses einzigartige Freilufttheater bei Annaberg-Buchholz wirkt wie aus einem Märchen: In einem dicht bewachsenen Wald ragen ein paar pittoresk übereinandergeschichtete Steinfinger in den Himmel. Früher befand sich an dieser Stelle ein Granitsteinbruch, und weil dessen Material sehr begehrt war, mussten einige der historischen Säulen dran glauben. Die übrig gebliebenen stehen in einem Halbkreis und bilden eine Art urwüchsiger Bühnenraum. Diese hochromantische Kulisse regte Künstler schon Mitte des 19. Jahrhunderts an, darin Theaterstücke aufzuführen. 1931 dann begann das Stadttheater Annaberg einen kontinuierlichen sommerlichen Gastierbetrieb einzurichten. Der wurde auch im Zweiten Weltkrieg beibehalten und von der „Spielgemeinschaft für Nationale Festgestaltung“ in Zusammenarbeit mit dem Waldtheater Oybin fortgesetzt.

Breites Angebot mit Methode

Seit 1952 bespielt das Eduard-von-Winterstein-Theater aus Annaberg-Buchholz die Naturbühne und gibt in diesem Jahr von Juni bis in die erste Septemberwoche insgesamt rund 60 Vorstellungen für Kinder wie für ­Erwachsene. Damit das möglich ist, werden die üblichen Theaterferien vorverlegt und die Mitarbeiter können die Festspiele ausgeruht bestreiten. Das Programm reicht von Kinderstücken wie „Ronja Räubertochter“ oder „Der Zauberer von Oz“ über „Blues Brothers“ als „Rhythm-and-Blues-Night“ bis hin zu Operetten wie „Der Zigeunerbaron“.

Regisseurin Tamara Korber und Intendant Ingolf Huhn im Zuschauerraum
Regisseurin Tamara Korber und
Intendant Ingolf Huhn im
Zuschauerraum

Das breit gefächerte Angebot hat Methode, wie Ingolf Huhn, seit 2010 Geschäftsführender Intendant, erläutert: „Wir versuchen, möglichst viele Menschen mit unserem Sommerprogramm anzusprechen. Die Produktionen sind niedrigschwellig, und die Naturbühne ist so stimmungsvoll, dass sich selbst Leute, die sonst nicht unbedingt ins Theater gehen, wohlfühlen können.“ Die 1200 Plätze in den sanft ansteigenden Reihen sind nicht nummeriert. Wer zuerst da ist, sitzt zuerst – auch bei dem regelmäßig stattfindenden großen Country-Musikfestival. Die Zuschauer treffen oft spontan ein, darüber hinaus haben aber auch Busunternehmen die „Greifensteine“ längst im Sortiment. Viele Besucher bringen Picknickkörbe und Decken mit, andere verpflegen sich mit Bratwurst, Eis und Bier oder Limonade am hauseigenen Kiosk. Die Wege sind kurz und naturbelassen, zwischen den Steinen lugt Gras hervor. Ein Dach gibt es nicht, weshalb bei Regen die eine oder andere Aufführung ausfallen muss. Die Unstetigkeit der Witterung fordert dem Ensemble wie dem Publikum mitunter einiges ab, aber wer hierherkommt, ist prinzipiell wetterfest.

Elfen-Spektakel unter freiem Himmel

Ingolf Huhn betont den Charakter einer offenen Gesellschaft und meint damit neben der kreativen Transparenz eben auch die meteorologische Durchlässigkeit in sämtliche Himmelsrichtungen. Recht hat er, denn es ist wirklich zu schön, zwischen den hohen Fels­gebilden den Vorstellungen zuzusehen – sowie dem Einbruch der Dämmerung, bis schließlich die Nacht eine vertraute Theatersituation schafft, in der Scheinwerfer für Licht und Schatten, für kunstvolle Effekte und bunte Akzente sorgen. Etwa immer dann, wenn sich Kletterer von den Greifensteinen abseilen, sich Akteure hoch zu Ross ins Geschehen einmengen oder wenn von irgendwo oben ein Tenor durch die Abendröte singt.

Szene aus dem Stück „Elfen-Feuer zwischen Felsen“
Das Stück „Elfen-Feuer zwischen Felsen“ ist
ein flirrendes und funkelndes Spektakel

„Ich liebe die Arbeit unter freiem Himmel“, sagt die Regisseurin Tamara Korber, die in diesem Ambiente bereits mehrere Produktionen realisiert hat: „Ich liebe die frische Luft, die Weite des Horizonts, die Dimensionen dieser Bühne! Ich mag es sogar, wenn die Leute mit einem Bier oder einer Tüte Popcorn hereinschlendern, sich auf ihre Kissen fläzen und die Dinge ganz entspannt auf sich zukommen lassen. Die Schauspieler müssen sich die Aufmerksamkeit ihres Publikums erobern können, das ist eine prima Übung!“ Tamara Korber absolvierte die Schauspielschule in Rostock und konzentriert sich mittlerweile auf die Regie. Zusammen mit der Dramaturgin Annelen Hasselwander hat sie das erfolgreiche Fantasy-Stück „Elfen-Feuer zwischen Felsen“ geschrieben und selbst inszeniert. In diesem „flirrenden, funkelnden, glitzernden Nachtspektakel“ mit vielen live dargebotenen Hits von Udo Lindenberg bis zu Nirvana geht es vergnüglich-versponnen um Trolle und Elfen, um den Verlust von Kraft und Tradition, um den Gewinn von Freundschaft und Identität. Die Zeiten und Welten vermischen sich, und geheimnisvolle Fabelwesen begegnen Radwanderern aus der Gegenwart.

Auch weniger bekannte Werke

Requisite der Naturbühne
Requisite

Tamara Korber, die mit ihren langen roten Haaren und den fließenden Bewegungen fast wie eine Figur aus ihrem eigenen Stück erscheint, kennt das atmosphärische Kolorit und die technischen Gegebenheiten der Naturbühne genau. Sie kann die Greifensteine wirkungsvoll in die Handlung integrieren und die Geschichte auf packende Weise mit Tanz und Akrobatik erzählen. Da stimmt die Ökonomie der Inszenierung ebenso wie die Umsetzung über Stock und Stein. Wenn sich am Schluss alles verbeugt, die Musiker noch einmal gehörig Rabatz gemacht haben und gegen Mitternacht ein Feuerwerk abbrennt, wird die Naturbühne mit den markanten Greifensteinen wahrhaftig zu einem magischen Ort, an dem nichts unmöglich ist: auf der Spur der Steine dem Himmel so nah.

Häuschen im Eingangsbereich der Naturbühne
Einzig Garderobe, Requisite und Kasse sind
an den Greifensteinen überdacht

Wer davon fasziniert ist, taucht vielleicht bald auch im Eduard-von-Winterstein-Theater im Zentrum von Annaberg-Buchholz auf und will in Erfahrung bringen, wie sich die Schauspieler, die Open Air so toll waren, unter einem festen Dach präsentieren. Es würde sich lohnen, denn Intendant Ingolf Huhn stellt hier nicht nur Jahr für Jahr einen abwechslungsreichen Spielplan für das Zwei-Sparten-Haus zusammen, er bringt es auch regelmäßig in die überregionalen Feuilletons: 2014 mit „Tanhäuser“ von Carl Amand Mangold, im April mit „Der Grossadmiral“ von Albert Lortzing und nächste Saison hoffentlich mit „Die Hochzeit des Jobs“ von Joseph Haas. Und dafür findet sich ein Publikum in einer kleinen Stadt tief im Erzgebirge? „Da werde ich durchaus auf der Straße angesprochen und gelobt – oder kritisiert“, sagt Huhn, der zuvor Operndirektor in Meiningen und Intendant in Freiberg-Döbeln sowie Plauen-Zwickau war.

Garderobe der Naturbühne
Garderobe

Durch das Vertrauensverhältnis, das er zu seinem Publikum aufbauen konnte, werden auch weniger bekannte Werke angenommen: „Am besten ist es, wenn die Menschen sagen, das war unsere Ausgrabung. Dann haben sie sich auf das künstlerische Abenteuer eingelassen und tragen es mit.“ Der eloquente Primus inter Pares war fünf Jahre lang Assistent der Regie-Legende Ruth Berghaus. Von ihr hat er gelernt, dass sich ein Regisseur am jeweiligen Werk beweisen muss, nicht umgekehrt. „Das Werk hat immer recht!“, erklärt Huhn und entwickelt aus dieser Haltung seine Ästhetik. „Rein geografisch mögen wir hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen liegen, doch was das Theater betrifft, da macht uns so leicht niemand etwas vor.“

Fotos: Marko Seifert

Titel Sonderheft ErzgebirgeDies ist ein Artikel aus dem Sachsen-Sonderheft „Erzfreunde“ von Cicero und Monopol.
 

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