Reichskulturkammer - Die Gunst war wichtiger als die Kunst

Durch die Reichskulturkammer wurden sämtliche Künste gleichgeschaltet. Als besonders rückgratlos erwies sich der Komponist Richard Strauss. Achte Folge einer Serie

Joseph Goebbels (r) eröffnet am 28. Juli 1939 die 16. Grosse Deutsche Rundfunk- und Fernsehausstellung in Berlin. Die Funktionäre organisierten sich in der Reichskulturkammer
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Blom, Philipp

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Das zauberwort der nationalsozialistischen Politik war die Gleichschaltung aller Organe des Volkskörpers unter straffer staatlicher Leitung. Hierin hatten Hitler und Stalin viel gemein. Auch das kulturelle Leben blieb von dieser Welle nicht verschont. Auf energisches Betreiben von Joseph Goebbels wurde am 22. September 1933 die Reichskulturkammer geschaffen, der Berufsverband aller Kulturschaffenden, dessen Mitgliedschaft verpflichtend war.

Der Propagandaminister und Präsident der Reichskulturkammer kontrollierte damit die Werke und Aufträge von all jenen, die im Kulturbetrieb aktiv waren, von Architekten, Autoren, Verlegern und Komponisten bis hin zu Orchestermusikern, Pressestenografen, Zeitschriftenhändlern und Film-Garderobiers. Formal bestand Goebbels’ persönliches Reich aus vielen Kammern: der Reichsschrifttumskammer, Reichsfilmkammer, Reichsmusikkammer, Reichstheaterkammer, Reichspressekammer, Reichsrundfunkkammer und Reichskammer der bildenden Künste.

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Die Reichskulturkammer bestimmte, was geschrieben, gemalt, gedreht, gesendet, gespielt und gedruckt werden durfte – und wer es durfte. Jüdische Künstler wurden aus den Programmen gestrichen, jüdische Komponisten und Dramatiker nicht gespielt, Autoren nur verlegt, wenn ihre Werke als „artgemäß“ und „rassisch gesund“ angesehen wurden, Mitglied wurde nur, wer die „für die Ausübung seiner Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung“ zeigte. Eine verweigerte Aufnahme war praktisch ein Berufsverbot.
Die Politik der Reichskulturkammer richtete sich auch auf „rassisch gesunde“ Inhalte. Deutsche Komponisten und Autoren sollten von arischen Künstlern interpretiert werden. „Niggerjazz“, Swing, atonale Musik, „entartete“ Kunst und „volkszersetzende“ Schriften wurden verbannt.

Jüdische Themen verschwanden aus dem Künstlerrepertoire


Viele Künstler waren vom Verbot betroffen, von Heinrich Mann bis hin zu Emil Nolde. Andere machten Karriere. Unter ihnen waren überzeugte Nazis wie der Bildhauer Arno Breker, Winifred Wagner und der Komponist Hans Pfitzner – und etablierte Namen wie Gustaf Gründgens, Gerhart Hauptmann und Wilhelm Furtwängler, die hofften, unbehelligt von der Politik ihrer Kunst nachgehen zu können.

Wie die Forschungsarbeit des jungen Historikers Ben Urwand belegt, ließen sich sogar Hollywood-Produzenten, die nicht auf die Einnahmen aus dem deutschen Markt verzichten wollten, über Jahre hinweg freiwillig von der nationalsozialistischen Regierung in Berlin zensurieren, indem sie alle Filme erst einem Beamten des deutschen Konsulats in Los Angeles zeigten und seinen Anweisungen für Schnitte oder andere Änderungen folgten. Tatsächlich verschwinden Juden und jüdische Themen oder jüdischer Sprachgebrauch in den dreißiger Jahren bis zum Kriegseintritt der USA aus den Produkten der Traumfabrik.

Deutsche Intellektuelle und Künstler reagierten entlang der gesamten Bandbreite menschlicher Charaktere. Ein rückgratloser und naiver Exot unter den ideologisch durchtrainierten arischen Kunstbürokraten war Richard Strauss, der sich aktiv und erfolgreich um das Amt des Präsidenten der Reichsmusikkammer bemüht hatte. In der Annahme, er könne in dieser Situation die deutsche Kultur gegen den Geschmack der von ihm verachteten Nazis verteidigen, machte er sich zum willigen Werkzeug und Aushängeschild des Regimes, arbeitete aber weiterhin mit seinem jüdischen Librettisten Stefan Zweig zusammen.

In einem Brief an den Schriftsteller sollte Strauss 1935 seine Einstellung zusammenfassen: „Für mich gibt es nur zwei Kategorien Menschen; solche, die Talent haben, und solche, die keins haben, und für mich existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mir ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den vollen Kassenpreis bezahlt haben!“ Präsident der Reichsmusikkammer sei er nur geworden, „um Gutes zu tun und größeres Unglück zu verhüten. Einfach aus künstlerischem Pflichtbewusstsein!“

Der Brief wurde abgefangen, Joseph Goebbels zwang den großen Musiker und moralischen Zwerg zum Rücktritt und strich die Reiseprivilegien. Strauss schrieb daraufhin einen atemberaubend unterwürfigen Brief an Hitler: „Im Vertrauen auf Ihren hohen Gerechtigkeitssinn bitte ich Sie, mein Führer, ergebenst, mich zu einer persönlichen Aussprache empfangen zu wollen.“ Hitler antwortete nicht, warf dem Komponisten aber einen Knochen hin: 1936 erhielt Strauss den lukrativen Auftrag, die Hymne der Olympiade zu schreiben. An den bereits im Exil befindlichen Zweig schrieb er: „Ich vertreibe mir in der Adventslangeweile die Zeit damit, eine Olympiahymne für die Proleten zu componieren, ich, der ausgesprochene Feind und Verächter des Sports.“ Er hatte nichts begriffen.

Marlene Dietrich gab den Nazis einen Korb


Andere bekannte Künstler sahen, was der Nationalsozialismus für sie selbst und ihr Land bedeutete. Der Dirigent Fritz Busch weigerte sich, auf Anfrage von Goebbels in Dresden zu dirigieren, solange er „jüdischen Kollegen die Stellung wegnehme“, und blieb in Großbritannien. Auch Marlene Dietrich gab dem Reichspropagandaminister einen Korb.

Thomas Mann hatte während einer Auslandsreise beschlossen, nicht in seine Heimat zurückzukehren. „Die Rückkehr ist ausgeschlossen, unmöglich, absurd, unsinnig und voll wüster Gefahren für Freiheit und Leben“, notierte er und hatte recht. Ein „Schutzhaftbefehl“ lag unterzeichnet in München.

Die Reichskulturkammer förderte die leichten Künste. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker war eine Erfindung von Nazi-Propagandisten, und auch sonst spielte das Orchester in diesen Jahren mehr „artgerechte“ Walzer als je zuvor. Schlagerstars wie Zarah Leander sorgten für gute Unterhaltung. An mehr Anspruch war den meisten Kulturgranden nicht gelegen. Hans Friedrich Blunck, der Präsident der Reichsschrifttumskammer, der sich für einen großen Autoren hielt und allein zwischen 1933 und 1944 97 Bücher veröffentlichte, formulierte diese Haltung in einem seiner Theaterstücke: „Wenn ich ‚Kultur‘ höre (...), entsichere ich meinen Browning.“

In der Serie „1933 – Unterwegs in die Diktatur“ sind bisher erschienen:

Die Machtergreifung: Religion der Brutalität

Der Reichstagsbrand: Republik unter Feuer

Das Ermächtigungsgesetz: Als Deutschland die Demokratie verlor

Die Bücherverbrennung: Das Ende des Landes der Dichter und Denker

Die Volkszählung 1933: Die statistische Grundlage für den Holocaust

Das Reichskonkordat: Fauler Handel mit der Kirche

Der Volksempfänger: Das Propagandawerkzeug der Nazis

DIe Reichskulturkammer: Die Gunst war wichtiger als die Kunst

Der Völkerbund: Deutschlands Austritt ebnete den Weg in den Krieg

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