Atompilz über Nagasaki nach dem Abwurf der Atombombe Fat Boy / Der US-amerikanische Psychiater und Autor Robert Jay Lifton (1926 - 2025)
Atompilz über Nagasaki nach dem Abwurf der Atombombe Fat Boy / Der US-amerikanische Psychiater und Autor Robert Jay Lifton (1926 - 2025) / Fotos: DDP Images / DPA

Nachbetrachtung zu Robert Lifton - Die unvernünftigen Tage der Menschheit

Der jüngst verstorbene Psychiater Robert Lifton hat erklärt, wie gesellschaftliche Normalität in den Wahnsinn abgleiten kann. Eine Pflichtlektüre für jeden, der unsere Gegenwart verstehen will – ein Blick in die Dunkelheit der menschlichen Seele.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Im Verlag zu Klampen erschien von ihm zuletzt das Buch „Homo digitalis. Obdachlose im Cyberspace“.

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Es gibt Tage, die sind unvergessen. Jener Frühlingstag des Jahres 1781 zum Beispiel, als zur Leipziger Ostermesse erstmals Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ erschienen war. Oder der 10.Dezember 1948, als die UN-Generalversammlung im Pariser Palais de Chaillot die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mit 48 Ja-Stimmen verabschiedete. Es sind dies die Tage, an denen sieht es für Momente so aus, als wäre die Geschichte der Menschheit von Fortschritt und Vernunft getragen. Und dann gibt es all die anderen Tage. Die, an denen sich plötzlich ein Vorhang öffnet und der Blick frei wird auf eine tiefe und schummrige Hinterbühne. Als drehte die Geschichte mit einem Mal bei und die schon von Sigmund Freud postulierte letzte Kränkung des Menschen, nach der das Ich nicht einmal Herr im eigenen Haus ist, bohrte sich wie ein Stachel tief ins Fleisch.

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Christa Wallau | Sa., 8. November 2025 - 17:42

"malignen Normalität" des Menschen.
Sie existiert ebenso wie seine "benigne Normalität".
Der homo sapiens ist zu allem fähig.

Entscheidend für sein konkretes Handeln sind sowohl seine genetischen als auch seine Milieu-Voraussetzungen.
Obwohl natürlich in der Familie bereits
schlechte Bedingungen für ein gutes Leben der heranwachsenden Kinder bestehen können, halte ich dennoch weiterhin die FAMILIE für den besten Schutze gegen eine totalitäre, enthemmende Beeinflussung des Menschen von außen her.
Hier, in der engsten Beziehung zwischen Mutter, Vater, Geschwistern, Großeltern usw., entstehen tiefe und verläßliche Bindungen, welche allein die Menschen gefeit machen können gegen Gehirnwäsche. Wo denn auch sonst sollen diese wichtigen, positiven Gefühle wachsen?

Nicht umsonst spielt der Kollektivismus eine entscheidende Rolle in allen inhumanitären Systemen.
In der Masse läßt sich der Mensch am besten manipulieren. Im Rausch d. Gemeinsamkeit wird das eigene Gewissen ausgeblendet.

Jens Böhme | Sa., 8. November 2025 - 18:00

Es muss nicht so verkopft herausgearbeitet werden. Die eigenen Eltern in Kindheit und/oder Pubertät zu hassen, ist ein natürlicher Prozess, um sich selbst zu entwickeln. Sonst bleibt man eine abhängige Kopie der eigenen Eltern. Die Eltern widerum verhelikoptern die Entwicklung des Nachwuchses, bis man (hoffentlich) das nötige, rechtzeitige Loslassen erkennt und zulässt. Kindererziehung ist nötige, natürliche Gewalt, auch wenn wir die Gewalt mit Worten (z.B. "Nein!", "Heute nicht!") und mit Taten (säubern, wickeln, pudern, Klamotten anziehen, in Autokindersitz setzen oder Kinderwagen legen usw.) am Nachwuchs wohlwollend als Erziehung beschreiben. Was sich aus dieser evolutionär nötigen Gewalt später entwickelt, ist mitunter ein spannendes und blutiges Kapitel Evolution. Gewalt ist aus der Menschheit nicht wegzudenken, geschweige wegzudiskutieren oder abzuerziehen.

Markus Michaelis | Sa., 8. November 2025 - 18:11

Ob Kant so toll war? Ich bin Laie, aber die Betonung des a priori oder des absolut Richtigen im kategorischen Imperativ scheint mir über das Ziel hinauszuschießen. Der Mensch ist nicht so vorgegeben, er kann immer auch anders sein. Es gibt keinen letzten Grund, warum Menschenrechte "besser" sein sollen. Ameisen werden nicht besser, indem Arbeiterameisen den Aufstand proben - jede Ameise hat ihren Platz, das ist ok, kann aber genauso gut anders sein. Der Mensch will sich absolut sehen.

Ich denke, die Natur hat mit dem Menschen das KI-Problem: welche übergeordnete Steuerung gebe ich einer Universalmaschine. Beim Menschen ist das ein Mix aus Ich, Selbsterhaltung, Gruppe und sozial, Angst-Hass-Wut, glaube an (die eigene) Wahrheit usw.

Die Natur probiert in der Steuerung herum. Wir Menschen können uns entscheiden, aber wenn wir uns ganz davon lösen, kann es gefährlich werden. Ich würde es pragmatischer als Probieren/Balance zwischen Steuervorgaben und freien Entscheidungen sehen.

Christoph Kuhlmann | So., 9. November 2025 - 03:43

das Grauen ist seit Anbeginn menschlicher Zivilisation angelegt. Genetiker haben Hypothesen aufgestellt, dass blonde Viehtreiber aus den eurasischen Steppen in Zentraleuropa so gut wie alle Männer ausgerottet haben. Sie waren mit Äxten bewaffnet. Ein Chromosom, welches eigentlich bei Frauen und Männern vorkommen müsste, kommt in der einheimischen Bevölkerung fast nur mit dem weiblichen Y-Chromosom vor. Der Schluss liegt nahe, dass der männliche Teil erschlagen und Ersetzt wurde. Bei den ersten Bauern, die einwanderten fand man zahlreiche zerstückelte Tier- und Menschenknochen von Menschen mit anderer DNA. In langen Gräben. Abfallgruben vergangener Malzeiten? Bei Getreidenahrung und Bevölkerungswachstum kam es häufig zu Mangelerscheinungen. Historiker unterscheiden zwischen Eroberungs- und Vernichtungskriegen. Bei letzteren ging es darum sich die Lebensgrundlagen der Feinde anzueignen. Vielleicht müsste man bei dem Artikel die Pathologie besser herausarbeiten. Ideologie gibt es immer.

Ernst-Günther Konrad | So., 9. November 2025 - 10:02

Ich schaue mich nur um, versuche mich zu verstehen und anderen zu zuhören und sich selbst und andere immer wieder zu hinterfragen. Nein, man hat nicht immer die richtige Antwort und ja, man tut sich schwer den Sinn des Lebens und menschliches Verhaltensmuster immer nachzuvollziehen und zu verstehen. Die Menschheit hat sich schon immer mit einer "malignen Normalität" durch das Leben bewegt. Aber wie sich der einzelne entwickelt hängt durch aus davon ob, wo jemand geboren wurde, welche Sozialisation er durchlebt und welchen Einflüssen er ausgesetzt ist. Und ob Patty Hearst, anfangs ein braves Mädchen war oder schon immer das *Gen* der Gewalt in sich trug oder dem Stockholm Syndrom erlag und sich veränderte, werden wir nicht mehr abschließend sicher erfahren. Aber Beispiele solcher Entwicklungen haben wir in der Gegenwart genug. Wir haben inzwischen im eigenen Land so viel unterschiedliche Gewalt, dass wir Studien treiben können über Jahrzehnte, wenn wir es überleben.