Leere Stühle
Leere Stühle in einem Veranstaltungsort (Symbolbild) / picture alliance/dpa | Jonas Walzberg

Nach Druck auf Veranstaltungsort - Debatte über Transaktivismus wird gecancelt

Eine Hamburger Lokalität hat dem Verein „Club Volantaire“ eine Diskussion abgesagt. Der Grund: Protestmails aus der queer-woken Szene. Die Gäste Marie-Luise Vollbrecht und Till Randolf Amelung wundert das nicht. Jetzt wird nach einer Alternative gesucht.

Autoreninfo

Christine Zinner studierte Sozialwissenschaften und Literaturwissenschaft und ist freie Journalistin.

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Das Debattenformat des Vereins „Club Volantaire“ aus Frankfurt am Main will blinde Flecken im eigenen linksliberalen Lager aufdecken. Einer davon: die Schäden, die queerpolitische Einflüsse im Feminismus anrichten. Deshalb lud der Club vier Kritiker dieser Einflüsse zur Diskussion ein: die Biologinnen Marie-Luise Vollbrecht und Ilse Jacobsen, den Journalisten Till Randolf Amelung und die Frauenrechtlerin Inge Bell. 

Doch laut den Organisatoren sagte nun der Betreiber der geplanten Lokalität im Hamburger Stadtteil Ottensen ab. „Er hat sehr viele Mails bekommen, die die Veranstaltung stark kritisierten. Deshalb sieht er seine wirtschaftliche Existenz bedroht“, erklärt Malte Clausen vom „Club Volantaire“.

„Was ist eine Frau? Feminismus außer Rand und Band“ – so lautet der Titel der Veranstaltung, die für den 29. Mai geplant ist. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Folgen das Leugnen eines biologischen Geschlechts für Frauenrechte und Gleichberechtigung hat. Die Lokalität war schon länger bekannt. 

Clausen bemerkt: „Kurz nachdem wir unsere Gäste bekanntgegeben hatten, kam die Absage.“ Er vermutet, dass sich die Mailschreiber vor allem an Vollbrecht und Amelung störten. „Weil es immer wieder passiert, dass die beiden von Aktivisten als Hassfiguren gehandelt werden und versucht wird, Veranstaltungen mit ihnen zu verhindern.“ 

Für Vollbrecht, die 2022 sogar im ZDF von Jan Böhmermann diffamiert wurde, fordert der Club eine Rehabilitierung. „Es ist absurd, dass Menschen gecancelt werden, obwohl das, was sie sagen, dem Biologie-Lehrbuch entspricht.“ Amelung wiederum gelte manchen als Nestbeschmutzer, weil er als Transmann auf Probleme hinweist, die bestimmte Formen von Transaktivismus auslösen.

„Die Veranstaltung wird auf jeden Fall stattfinden“

Marie-Luise Vollbrecht zeigt sich von der Absage nicht überrascht, dem Betreiber macht sie keinen Vorwurf. „Ich fand es sehr mutig von den Veranstaltern, dass sie meinen Namen im Vorhinein veröffentlicht haben. Das habe ich eigentlich immer vermieden.“ Was die Mailschreiber erzürnte, kann sie nicht sicher wissen. „Bemerkenswert finde ich, dass es diesmal keinen offenen Aufruf dazu gab, uns abzusagen. Es scheint erstmals alles hinter den Kulissen abgelaufen zu sein, ohne dass sich eine Transgruppe dazu positioniert hätte.“ Sie vermutet, dass die Verantwortlichen zu dieser Taktik griffen, weil öffentliche Cancelaufrufe zunehmend auf Widerstand stoßen.

Till Randolf Amelung hat solche Vorgänge schon mehrfach erlebt, zuletzt im Oktober, als er an der Uni Lüneburg einen Vortrag halten sollte. Laut ihm übten auch dort Aktivisten Druck aus, doch die Universität hielt stand. Eine Gruppe habe die Veranstaltung dennoch gestört. Dass er, obwohl selbst trans, zur Zielscheibe wird, überrascht ihn nicht mehr. „Es geht meines Erachtens vor allem darum, bestimmte Haltungen, Thesen und Begriffsdefinitionen von oben herab durchzusetzen.“ Er vermutet aber, dass diese Art von Aktivismus in der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit und Autorität eingebüßt hat.

Suche nach neuer Lokalität

Je mehr der transaktivistischen Bewegung die gesellschaftliche Unterstützung entzogen werde, desto aggressiver agiere sie, sagt Frauenrechtlerin Inge Bell. „Sie beißen umso stärker aus, man merkt das auch auf Social Media. Beleidigungen kommen sehr schnell.“ Für die Biologin Ilse Jacobsen ist dieses Erlebnis ein Novum. Sie hält den Vorgang für bedenklich. „Ich würde mir wirklich wünschen, dass Leute einfach zu so einer Veranstaltung gehen, sich vielleicht vor Ort kritisch äußern und man dann direkt diskutieren kann.“

Der Club Volantaire will die Diskussion weiter ermöglichen. „Die Veranstaltung wird auf jeden Fall stattfinden, ob mit Publikum oder ohne“, so Clausen. Die Organisatoren suchen derzeit eine neue Lokalität für 50 bis 100 Zuschauer. So oder so soll die Debatte später auf YouTube zu sehen sein.

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Markus Michaelis | Fr., 22. Mai 2026 - 13:12

Eine lockere Gesellschaft würde sich nicht dadurch auszeichnen, dass nie gecancelt wird und jeder immer alles diskutieren will. Es wäre aber mehr Gleichgewicht da, so dass eine Cancelung kein großer Aufreger ist, weil dann eben irgendwo nebenan über die jeweilige Sache gesprochen wird.

Unsere Gesellschaft hat aber zuviele "Global-Tabuthemen", die über zu lange Zeiträume zu breit nicht nur auf Desinteresse, sondern fundamentale Ablehnung treffen, in dem Sinne, dass politischen Mehrheiten überzeugt sind, dass das nirgendwo auf der Welt diskutiert werden sollte. Die Liste umfasst inzwischen ziemlich viele Themen (auch wenn es die allerletzte Zeit wieder etwas offener wurde).

Was mir auch einleuchtet ist, dass eine Gesellschaft nicht alles diskutieren kann, ohne zu zerfallen. Aber das könnte man mehr in dem Bewusstsein eines "Wir und Die" machen, nicht mit dieser universell-absoluten Überzeugung. Und es kontrastiert zur faktischen und proklamierten Vielfalt, die man forciert.

Ich bin überzeugt, es sind keine Mehrheiten. Es sind nur Minderheiten, die aber über viel Einfluss verfügen und gut organisiert sind. Diese Zeit geht aber glücklicherweise dem Ende entgegen.

Maria Arenz | Fr., 22. Mai 2026 - 13:35

der mich immer öfter an das Märchen vom Fischer und seiner Frau denken lässt. Nicht daß ich mir diese Zeiten wünsche, aber wenn man es so aggressiv übertreibt mit dem Beharren auf seinem ganz persönlichen bisschen Spleen, fordert man die Rückkehr in die windschiefe Hütte am Strand ja sehenden Auges heraus.

Jens Böhme | Fr., 22. Mai 2026 - 16:28

...die Freiheit regiert, ist Freiheit nur noch eine Worthülse.

Pamina | Fr., 22. Mai 2026 - 17:02

die Intoleranten, die immer von Toleranz reden und diese überall einfordern. Eine schreckliche Gesellschaft.

Wolfgang Dubbel | Fr., 22. Mai 2026 - 17:36

Was ist eigentlich der Unterschied zw Transmann und Transfrau ?
Ich weiss es schlichtweg nicht …