Mordsjob Mutter - Kinder stressen mehr als jedes Büro

Kolumne Stadt, Land, Flucht: Burnout, Depressionen, Überforderung. Das moderne Arbeitsleben verursacht Strapazen? Falsch. Wer zu Hause bleibt, ist viel gestresster, sagen Wissenschaftler aus den USA

Schreien, heulen, trotzen: Irgendwann können selbst die Eltern einfach nicht mehr
picture alliance

Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

So erreichen Sie Marie Amrhein:

Klassische Bildzeitungszeile: „Unfassbar“: Mutter setzt weinende Tochter (3) vor Messehalle aus. Bei Facebook ist die Meldung nach einem Tag knapp 15.000 Mal geteilt, unzählige Leser kommentieren, diese Mutter solle man „einsperren und den Schlüssel in die Elbe werfen“, Rufe nach dem Jugendamt und Sorgerechtsentzug erklingen, von „schmerzenden Mutterherzen“ ist die Rede. Und ich wunderte mich über mein eigenes Mutterherz, das nicht schmerzte. Im Gegenteil, ich spürte Verständnis.

Diese Frau hat den Gedanken realisiert, mit dem alle Eltern hin und wieder spielen. Kinder bringen einen an die Grenzen des Möglichen, der Organismus streikt nach einem bestimmten Quantum Gebrüll. Diese Mutter konnte nicht mehr. Entwaffnend ihre Erklärung. So simpel. So wahr: „Ich habe keine Lust auf ein weinendes Kind, Sie können es behalten“, entgegnete sie den Mitarbeitern vom Roten Kreuz, die ihr die Tochter wiederbrachten. Irgendwann ist auch mal gut.

Kinder bringen das Sozialleben arg in Bedrängnis


Klar, wir sind Menschen, sollten moralisch handeln, nachdenken, weise sein. Und ein kleines Kind alleine lassen, ist ein Fehler. Aber sind wir nicht auch irgendwie Tiere? Ein bisschen weiter unten neben dem Bild-Artikel wird ein Text verlinkt (Das könnte Sie auch interessieren): „Eltern prügeln sich vor Grundschule.“ Noch Fragen? Eben.

Und dann fällt mir auch noch der Artikel über die Seeotter in der Süddeutschen Zeitung in die Hände. Die „Seeotter-Mama“, so heißt es dort, verbrauche, um ihr Junges groß zu ziehen, 100 Prozent mehr Energie als noch als kinderlose Otterdame. Diese Zahlen veröffentlichte vor kurzem das Journal of Experimental Biology. Es dauert seine Zeit, bis ein Otterkind eigenständig ist. Auch dann lässt es sich noch von der Mutter füttern, wenn es selber schon lange alleine jagen kann. Für Frau Otter bedeutet das knapp eine Viertelmillion Kilokalorien mehr, die sie aufnehmen muss. Hier sehen die Forscher den Grund dafür, dass die Weibchen dieser Tierart ihre Kinder häufig kurz nach der Geburt verlassen. Wenn Sie erkennen, dass Ihr eigenes Leben in Gefahr wäre, würden Sie sich den Mordsjob wirklich antun?

Nun ist das Leben der Menschen nicht konkret in Gefahr, begeben sie sich in die Rolle des kümmernden Elternteils. Zumindest aber das bis dato gelebte Sozialleben ist in akuter Bedrängnis. Das muss man sagen dürfen.

Mütter sind auf Arbeit glücklicher


Und hier greift eine aktuelle Studie der Penn State University, die soeben in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Social Science & Medicine veröffentlicht wurde. Die Forscher widersprechen den gängigen Beschwerden, dass uns der Stress bei der Arbeit krank machen würde. Das Gegenteil sei der Fall: Das Hormon Cortisol, eine Reaktion des Körpers auf Überbelastung, werde in viel höheren Dosen ausgestoßen, wenn die Probanden sich zu Hause befinden. Man hatte für die Studie 122 volljährige Angestellte in einer mittelgroßen US-amerikanischen Stadt ausgewählt, die zwischen sechs und neunzehn Uhr in einem Büro außerhalb ihres Zuhauses arbeiten. Alle Probanden, vor allem aber die Mütter unter ihnen, schilderten signifikant größere Glücks- und weniger Stressgefühle bei der Arbeit als in ihrem eigenen Heim, so die Experten. Lediglich bei Angestellten, die umgerechnet mehr als 55.000 Euro im Jahr verdienen, wurden überall gleich hohe Cortisolwerte gemessen.

Kein Wunder also, dass in Ländern wie Schweden und Norwegen, wo europaweit die meisten Frauen einer Arbeit nachgehen, auch die meisten Kinder geboren werden, wie Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in seinem aktuellen Buch „Sklaven des Wachstums“ schreibt.

Der Frau aus der Bildzeitung hätten ein paar Stunden Büroarbeit sicherlich gut getan, anstatt mit ihrem unleidigen Kind eine Rassehundeausstellung in Saarbrücken zu besuchen. Die Experten der Penn State University zumindest schließen aus den Ergebnissen ihrer Studie, dass, wer zu Hause glücklicher sein will, „so strukturiert leben sollte wie im Büro“. Aber auch sie schränken ein, dass es so einfach natürlich nicht sei: Im Job werde man nach einigen Jahren zum Experten seines Fachs, in Fragen der Kindererziehung oder Eheführung könne man davon aber nur träumen. Außerdem – und das wird durch keine Struktur der Welt verbessert werden können: Bei der Arbeit ist Schreien und Heulen verboten. Und alle halten sich dran.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.