„Monuments Men“ - Die Jäger der geraubten Nazi-Schätze

In „Monuments Men“ beschreibt Robert M. Edsel den amerikanischen Kampf gegen den Kunstraub der Nazis: Eine Sondereinheit der Alliierten sollte gestohlene Schätze im Feindesland aufspüren

Szene vom Mai 1945, bei der US-amerikanische Soldaten Gemälde aus einem Raubkunstdepot in Schloss Neuschwanstein sichern (Jüdisches Museum 2008)
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Peter, Stefanie

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Noch in den 1960er-Jahren, als James J. Rorimer längst Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York war, soll er täglich in Armeestiefeln ins Büro gekommen sein. Er trug sie sogar zum Anzug oder Smoking. Man könnte das für Extravaganz halten oder darauf schließen, dass Rorimer seine Tätigkeit am größten Museum der Vereinigten Staaten als militärische Aufgabe verstand. Folgt man jedoch Robert Edsels soeben erschienenem Sachbuch-Bestseller, dann beweist Rorimers Look vor allem, wie überaus stolz der Museumsdirektor darauf war, dass er im Zweiten Weltkrieg als „Monuments Man“ gedient hatte.

„Monuments Men“: Was ein wenig nach einem Superhelden-Comic klingt, war tatsächlich der Name einer Gruppe amerikanischer und britischer Soldaten innerhalb der alliierten Streitkräfte, die zwischen 1943 und 1951 den Auftrag hatten, Kulturgüter zu schützen. Sie gehörten zur Sondereinheit „Monuments, Fine Arts and Archives“ (MFAA), die ungefähr 350 Mitglieder in 13 Ländern zählte. Im zivilen Leben als Kunsthistoriker, Kuratoren, Architekten oder Restauratoren tätig, sollten die Männer im Krieg zunächst dafür sorgen, dass Kirchen, Museen, bedeutende Denkmäler und Archive während der Kampfhandlungen möglichst nicht beschädigt wurden.

Der in Dallas lebende Autor Robert Edsel beschäftigt sich seit den 1990er- Jahren mit diesem Thema und hat einige, der noch verbliebenen „Monuments Men“ persönlich kennengelernt. Sechs von ihnen leben noch, der jüngste, Harry Ettinger, ist 87 und floh 1938 mit seinen jüdischen Eltern aus Karlsruhe nach New Jersey. Edsel ist kein ordentlicher Historiker, sondern eher ein enthusiastischer Autodidakt. In jungen Jahren war der heute 56-Jährige Tennisprofi, später verdiente er sein Geld in der Ölindustrie. Die Begeisterung, mit der er sich, gemeinsam mit seinem Ko-Autor Bret Witter, in seinen Gegenstand vertieft hat, ist dem Buch in jeder Zeile anzumerken.

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Die „Monuments Men“, das sind für Edsel: „Helden der Zivilisation“. Und so liefert er keine nüchterne Rekonstruktion der Ereignisse, sondern eine packende Abenteuergeschichte. „Walker Hancock, der Monuments Man der 1. US-Armee, drückte aufs Gaspedal und jagte den Jeep durch die Vororte von Bonn“ – in solchen reißerischen Wendungen schildert Edsel das Geschehen, das in seinen Augen ganz schlicht der Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei ist. Filmreif ist das, und George Clooney hat sich bereits daran gemacht, den Stoff auf die große Leinwand zu bringen. Er selbst führt Regie und übernimmt die Hauptrolle des „Monuments Men“- Chefs George Stout, Matt Damon wird als James J. Rorimer zu sehen sein.

Was vorher allenfalls Kunsthistorikern und anderen Experten geläufig war, rückt nun in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit. Der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte Dwight D. Eisenhower hatte ausdrücklich angeordnet, „historische Monumente und Kulturgüter zu schützen, die gegenüber der Welt das symbolisieren, was wir zu bewahren suchen“. Das war ungewöhnlich für eine Armee in Feindesland. Als die Truppen später die deutschen Grenzen überschritten, hatten die „Monuments Men“ nur noch ein Ziel: Das Aufspüren und Sichern von Nazi-Raubkunst. Mehr als fünf Millionen Kunstobjekte und andere bedeutende Kulturgüter hatten die Deutschen im Krieg gestohlen oder unrechtmäßig erworben und verschleppt. Darunter den Genter Altar, Michelangelos Brügger Madonna und Vermeers „Malkunst“. Fast alle Opfer dieser systematisch geplanten und mit Unterstützung zahlreicher Fachleute durchgeführten Raubzüge waren französische, belgische, niederländische und österreichische Juden, außerdem Polen und Russen jeglicher Konfession, deren Sammlungen die Nazis einfach konfisziert hatten.

Die Schätze waren in riesigen Depots versteckt: Im Salzbergwerk von Altaussee in der Steiermark lagerte, in eigens angefertigten Holzregalen, was Hitler für sein „Führermuseum“ („Sonderauftrag Linz“) hatte zusammenstehlen lassen. In den Salzminen des thüringischen Ortes Merkers waren ein Großteil der deutschen Geldreserven und Gemälde untergebracht, auf Schloss Neuschwanstein verwahrten die Nazis die meisten aus Frankreich herübergeschafften Kunstwerke.

Tatsächlich muss man sie als Heroen feiern, denn sie haben einen großen Teil dieser Kulturgüter geborgen, vor den Nazis geschützt und an ihre Besitzer zurückgeführt: James J. Rorimer, George Stout – Kopf der Truppe und langjähriger Direktor des Bostoner Gardner Museum –, Lincoln Kirstein – Mitbegründer des New York City Ballet – oder Rose Valland, die Verwalterin des Pariser Museums „Jeu de Paume“, das die Nazis zur Inventarisierung der geraubten Kunst missbraucht hatten. Man sollte Robert Edsels Buch seines populistischen Stils wegen nicht mit spitzen Fingern anfassen. Ganz im Gegenteil: Weil dieses brisante Thema gerade in dieser Bearbeitungsform ein breites Publikum erreicht, gebührt diesem Autor ein großes Kompliment.

Robert M. Edsel: Monuments Men. Residenz, Salzburg 2013, 542 S., 26,90 Euro.

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