Berlinale-Mitarbeiter
Mitarbeiter der Berlinale glauben, die Kunstfreiheit zu verteidigen – aber um Kunst geht es auf der Berlinale schon lange nicht mehr / picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Mögliche Entlassung von Tricia Tuttle - Berlinale in Gefahr – aber anders, als man denkt

Die Zukunft von Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle steht auf der Kippe. Während Teile der Filmbranche sie demonstrativ stützen, übersehen sie das eigentliche Problem: die einseitig identitätspolitische Ausrichtung, antisemitische Eklats und ein Festival, das künstlerisch an Strahlkraft verliert.

Autoreninfo

Rüdiger Suchsland (Foto privat), Jahrgang 1968, ist Kulturjournalist, Regisseur und Filmkritiker.

So erreichen Sie Rüdiger Suchsland:

Die Position der Berlinale-Intendanten Tricia Tuttle ist auch nach der gestrigen Sitzung des Aufsichtsrats der KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin) keineswegs gesichert. Das Gremium hat sich nach kurzer Besprechung vertagt. Die Meldung, in der die Bild-Zeitung am Mittwoch die Entlassung der Intendantin bereits als sicher verkündete, hat sich aber als voreilig erwiesen. Dabei gibt es gute Gründe, den Vertrag vorzeitig zu beenden und die Intendantin zu entlassen.

Der wichtigste liegt in den einseitigen identitätspolitischen, oft „postkolonialen“, antikapitalistischen Positionierungen der Berlinale, und in der grundsätzlichen Reduktion von Filmen auf ihren politischen Inhalt. Hinzu kommt, dass das Festival seit den Massakern vom 7.Oktober 2023 zur Bühne krasser antijüdischer und antiisraelischer Propaganda verkommen ist – zuletzt vor wenigen Tagen, bei der Preisverleihung, als der syrische Regisseur Abdallah Alkhatib nach dem Gewinn des Preises für das beste Spielfilmdebüt in seiner Dankesrede offene Drohungen an alle, die nicht „für uns“ sind, aussprach – ein skandalöser Eklat. 

Für den trifft Tuttle keine Schuld, sehr wohl aber dafür dass sie ihn unkommentiert stehenließ. Als Intendantin ist sie für die Berlinale als Ganzes verantwortlich. Sie bekommt sehr viel Geld dafür, dass sie im Zweifelsfall den Kopf hinhält und Verantwortung übernimmt.

Nicht weniger wichtig: Tuttle ist mit der Vorgabe geholt worden, etwas zu verändern. Doch das Programm der Berlinale ist unter ihr nicht besser geworden, die Berlinale verliert weiter an Boden.

Kulturkampf mit nützlichen Idioten

Es gibt aber auch einige gute Gründe dafür, dass die Amerikanerin bleibt. Vor allem die Solidarität in der deutschen Filmbranche. Hunderte von Filmschaffenden und Mitarbeitern und mehrere Verbände unterstützten die Berlinale-Intendantin durch Aufrufe und Unterschriften in den Stunden, nachdem ihre vermeintliche Entlassung bekannt gemacht wurde – ein wichtiges Signal, allerdings auch ein Aktivismus, der so erkennbar wohlorchestriert war, dass man kaum glauben kann, dass es sich hier nur um einen spontanen Aufruhr gehandelt hat. 

Tatsächlich sind in dem Kulturkampf, der seit einigen Jahren in unserer Gesellschaft tobt, alle Seiten inzwischen gut organisiert. Bemerkenswerterweise tobt dieser Kampf insbesondere links der Mitte, zwischen der radikalen, identitären Linken, die besonders in Berlin die Debatten bestimmt, und eher bürgerrechtlich orientierten Linksliberalen. Das zeigte sich etwa in den Kommentaren der linksalternativen tageszeitung, in der einerseits der Filmredakteur mit bemerkenswerter Klarheit urteilte, Tuttle sei ihrer Aufgabe nicht gewachsen, andererseits vom Migrationsredakteur mit dem Hinweis verteidigt wurde, Kritik der Politik schade der Berlinale.

Besonders die in Berlin dominierende radikale, identitätspolitische Linke möchte die Berlinale vor den Karren ihrer politische Agenda wie etwa der „Gaza-Solidarität“ und antijüdischer Boykottaufrufe spannen. Die Vertreter der Filmszene werden hier mit ihren Manifesten zu nützlichen Idioten.

Empörung und Emotionalisierung

Die Briefe der Kulturschaffenden sind ein fatales Signal. Politik wird auf schlichte Schwarz-Weiß-Parolen heruntergebrochen. Statt sich mit der Situation und der Kritik an Tuttle wenigstens ernsthaft auseinanderzusetzen und zu argumentieren, geht es um Empörung und Emotionalisierung. Aber diese Dauer-Empörung ist schwer erträglich. Denn es geht hier nur wenig um die Sache, als darum, der eigenen Filterblase zu signalisieren, dass man „dabei“ und „engagiert“ ist.

Da wird in goldenen Worten an einen Staatsminister appelliert, den man vor einer guten Woche bei einer Premiere in Gegenwart seines österreichischen Amtskollegen noch heftig ausbuhte, da wird „Zensur“ befürchtet, die Nichteinmischung der Politik gerade bei einem explizit politischen Festival gefordert, und behauptet, die Berlinale werde im Fall einer Entlassung Tuttles an internationalem Renommé verlieren. Diese Behauptung ist falsch: die Filmbranche ist dafür viel zu pragmatisch und zu sehr von Ökonomie getrieben.

Was will Wolfram Weimer?

Die Zukunft der Intendantin ist seit gestern vor allem ein Problem für Wolfram Weimer. Zweifellos sieht der Kulturstaatsminister in der Angelegenheit gerade nicht gut aus. Bisher ist nicht wirklich erkennbar, was er mit der Berlinale und seiner Chefin vorhat. Einerseits lobte er sie ohne Grund bereits vor Beginn des Festivals und dann noch mal nach dessen Abschluss in sehr eindeutigen Worten, andererseits signalisiert er deutlichen Veränderungsbedarf und hatte zumindest die Möglichkeit vorgesehen, sie gestern zu entlassen.

Ist dieser Zickzackkurs ein Zeichen der Schwäche Weimers, der offenbar den Widerstand der Branche unterschätzt hatte? Oder wollte er im Gegenteil eine freiwillig scheidende Tuttle halten, wie ein gut informierter Bericht in der FAZ suggeriert? Dort schreibt der Filmredakteur Andreas Kilb: „Weimer will Tricia Tuttle offensichtlich nicht ablösen.“

Tatsächlich wiegelt der Minister in der Presseerklärung nach der Aufsichtsratssitzung eher ab, spricht von Gesprächen „über die Ausrichtung der Berlinale“.

Kunst- und Kulturvermeidung

Eine solche neue Ausrichtung kann nur ein Abschied von der oberflächlichen Politisierung des Kinos und eine Rückbesinnung auf Filmkunst sein. Das Etikett des „politischen Filmfestivals“ ist vor allem Selbstvermarktung, ein Label, das sich genau genommen nicht besonders klar von anderen unterscheidet. Denn selbstverständlich sind Filme immer politisch – nur die Berlinale tut so, als sei dies etwas Besonderes. Besonders ist aber die Kunst- und Kulturvermeidung, die in Berlin damit einhergeht. Die seit einigen Jahren auf der Berlinale grassierenden Positionierungen überaus einseitiger „Palästina-Solidarität“ und antisemitisch gefärbter, sogenannter „Israel-Kritik“ gehören dort fast schon zum guten Ton.

In Zeiten öffentlicher Hysterisierung, Social-Media-Erregung und fortwährend platzender Filterblasen fällt der Berlinale dieses Label nun aber zunehmend auf die Füße, nicht zuletzt durch das schlechte Benehmen mancher Filmemacher.

Das Feld wird den Laien und Dilettanten überlassen

Auf eine Kurzformel gebracht, könnte man die Berlinale der Gegenwart so beschreiben: Politiker reden über Filme, Filmemacher und Schauspieler reden über Politik.

Das Politische wird auf der Berlinale, wie in ihrer Rezeption fast nie mit dem Ästhetischen in Verbindung gebracht: Verklausulierte Meinungsfilme ohne eigenes Erkenntnisinteresse treffen auf vom Film losgelöste politisch genannte Debatten.

Die Berlinale verpasst damit ihre Chancen. Sie versammelt viele Politiker, Beamte, Stakeholder in Berlin, weist ihnen aber die Rolle der Statisten zu: So flanieren sie über den Filmmarkt, werden dann mit Kreativen fotografiert oder bei Premieren begrüßt. Die, die also tatsächlich für Politik zuständig sind, werden zwar eingeladen, sie werden aber in ihrer Verantwortung, ihrem Beruf nie adressiert.

Das Feld wird den Laien und Dilettanten überlassen. Die Dilettanten der Kunst, die Politiker, geben auf dem roten Teppich grotesk oberflächliche, rein geschmäcklerische Ad-hoc-Interviews zu ihren Lieblingsfilmen oder dem Berlinale-Wettbewerb. Und die Künstler dilettieren zu Politik: Regisseure salbadern über Gaza, Schauspieler über Mindestlohn und Trump, alle über Klimapolitik und Veganismus. Das sollte sich ändern.

Unter verstärkter Beobachtung

Wem die Zukunft der Berlinale am Herzen liegt und wer daran interessiert ist, dass auch auf deutschem Boden weiterhin ein renommiertes „A-Filmfestival“ stattfindet, der muss sich trotzdem Sorgen machen: Denn falls Tuttle jetzt wider Erwarten nicht gehen muss, bleibt doch die Frage, wie man sich wohl die nächsten Berlinalen mit ihr vorstellen darf? Sie steht unter verstärkter Beobachtung und kann nur eingeschränkt agieren. Wie geht sie mit israelischen und arabischen Filmen um? Wird es zum vierten Mal hintereinander antijüdische Vorfälle geben, beim nächsten arabischen Siegerfilm (der bestimmt wieder nur wegen seiner herausragenden künstlerischen Klasse gewinnen wird)?

Man kann nach den letzten Tagen nicht mehr an einen guten Neuanfang mit dieser angeschlagenen Intendantin glauben. Und die hysterischen offenen Briefe machen diesen jetzt noch schwerer, denn sie verhärten die Fronten – das verstehen Tuttles Unterstützer nicht.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Markus Michaelis | Fr., 27. Februar 2026 - 15:04

Ja, das sehe ich auch als einen Hauptpunkt. Klar sind Kunst&Kultur heute sehr politisch, wollen es ja auch sein. Politiker feiern mit, wenn es zufällig mal ihre Richtung trifft, hoffen aber ansonsten als Statisten einigermaßen ungeschoren und ohne ernsthaftere Gespräche durchzukommen. Ich denke auch, das ist ein Fehler.

Man sollte anerkennen, dass die israelkritische, postkoloniale Berlinale viele Menschen vertritt und es als gute Gelegenheit nehmen sich ins politische Getümmel zu stürzen und mit und dagegen zu reden. Politiker hoffen oft, oder wollen das Bild vermitteln, dass wir doch am Ende alle dasselbe wollen (oft irgendwas mit Verfassung und Menschenrechten) und zusammen gegen Rechts sind.

Ich habe auch keine Ahnung, ob die Gesellschaft das aushält, oder in gegenseitigen Entrüstungen dann explodiert. Aber so zu tun, als wäre nichts, finde ich den falschen Weg. Also: Tuttel kann gehen oder bleiben, aber ich würde mich mehr in das Getümmel der großen Gegensätze stürzen.

... auch schon für Ihren Beitrag zu Dr. Grau vorgestern. Auf dessen - mich teils an Stürmervokabular erinnernden "Sumpf trocken legen!"-Artikel - gab´s ja eine Suada gröbster Foristen-Empörung, wo endlich mal abgeledert werden konnte über die ganze nichtsnutzige, aufgeblasene Künstlergilde (Exemplare davon gibt´s in allen Berufen)! Sei´s drum.
Zumindest eines hätte ich von Dr. Grau erwartet: dass er nicht auch diesen blinden, reflexartigen, obrigkeitsdeutschen Niemals-was-gegen-Israel!-Standpunkt vertritt, der sich noch immer auch vor JEDE israelische POLITIK stellt, seit Jahren nun der Netanjahu-Regierung. Jüdische und israelische Freunde von mir nervt dieser politische Kadavergehorsam massivst, weil SIE sich schämen, dass z.B. in Israel der offiziell! rechtsextreme Minister Ben-Gvir eine Wiederbesetzung Gazas fordert und aufruft, "die palästinensische Bevölkerung zur freiwilligen Auswanderung ZU ERMUTIGEN!"
Ein deutscher Miethai könnte es nicht abgefeimter formulieren!

Thomas Veit | Fr., 27. Februar 2026 - 15:20

"Das Etikett des „politischen Filmfestivals“ ist vor allem Selbstvermarktung, ein Label, das sich genau genommen nicht besonders klar von anderen unterscheidet. Denn selbstverständlich sind Filme immer politisch – nur die Berlinale tut so, als sei dies etwas Besonderes." -- sie überhöhen sich und wollen damit weiter 'an gesellschaftlicher Relevanz' gewinnen - Linksgrünwoke...

Das ganze Land wurde von Linksgrünwoke gespalten, die letzten 10+ Jahre, letztendlich kompromisslos in ihrer linken Agenda... - warum sollte das bei der Berlinale anders sein...?

DANKE! für den mMn qualifizierten und informativen Artikel. 👍

Walter Buehler | Fr., 27. Februar 2026 - 15:20

Die "schönen Künste", wie man früher sagte, entfalten ihren Nutzen in der Verschönerung oder Überhöhung unseres Alltags.

Daher haben Herrschende aller Zeiten und aller Couleur Künstler finanziert, die die Herrlichkeit der Herren allen Menschen sichtbar werden lässt.

In Rom, Moskau, Versailles, Peking, Potsdam. Washington, Neuschwanstein, Berlin und Mar-a-Lago wird die Herrlichkeit Caesars, der Zaren, Stalins, Louis XIV, Maos, Friedrich II, Ludwig II usw. von vielen auch heute noch bewundert.

Die treffendste Bezeichnung für dies Form der Kunst ist "Agitprop". Auch heute können viele Künstler gut vom Lobpreis einer Ideologie oder von der Glrofizierung von Revolutionsführern leben, auch im heutigen Berlin.

Unter den Agitproplern gab es einige kreative Menschen. Aber die meisten produzieren Kitsch.

Solche Polit-Missionare segeln gerne unter der Piratenfahne "Freiheit der Kunst", natürlich um den Zugriff auf die öffentlichen Fleischtöpfe zu behalten.

manfred westphal | Fr., 27. Februar 2026 - 21:49

Warum sind Frau Tuttle und Minister Schneider nach der Rede von Alkhatib nicht auf die Bühne gestiegen und haben ein entsprechendes statement abgegeben? Auf solchen Eklat musste man doch vorbereitet sein und hätte eine entsprechende Gegenrede in der Tasche haben müssen.

Sabine Lehmann | Sa., 28. Februar 2026 - 13:37

Wie können sie es wagen? Tricia Tuttles entlassen? Das käme einer globalen Katastrophe gleich, der Weltuntergang würde vorgezogen, die Toten erheben sich aus ihren Gräbern, tote Fische fallen vom Himmel und Dönerbuden in Berlin verkaufen keine Döner mehr!
Also Obacht, so geht das nicht. Fachpersonal ist schwer zu bekommen und wer sich jetzt fragt, ob die Personalie Tricia Tuttles ein gutes Beispiel für den in Deutschland grassierenden Fachkräftemangel illustriert, der schaut mal auf die diesjährigen Gewinner der Berlinale. Das beantworte ALLE ihre Fragen;-)