„Unterwerfung“ - Michel Houellebecqs harmlose Islamkritik

So islamfeindlich und rechtsextrem soll Michel Houellebecqs neues Buch sein, dass sich ein Rezensent sogar erbrechen wollte. Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hob es in dieser Woche auf das Titelblatt. Dabei kann bei Houellebecq von geistiger Brandstiftung keine Rede sein

Michel Houellebecq ist ein begnadeter Beobachter, auch mit seinem neuen Roman „Unterwerfung“
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Laetitia Grevers hat Geschichte in London studiert. Ihre Texte sind unter anderem im Magazin der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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Im Paris des Jahres 2022 wohnt der neue französische Präsident Mohammed Ben Abbes mit seinem Harem im Elysée-Palast. Die Sorbonne wird zur islamischen Universität erklärt. Wer nicht zum Islam übertritt, fliegt aus der Fakultät. Genau das passiert dem Literaturprofessor François, der seine sexuell-libidinösen Fantasien auslebt und zugleich der Ich-Erzähler der Geschichte ist. Frauen werden aus dem Beruf gedrängt, die Arbeitslosenquote sinkt drastisch. François fällt bei diesen gesellschaftlichen Veränderungen vor allem auf, dass er weniger weibliche Haut auf den Pariser Straßen sieht – der Schleier hat den Minirock ersetzt.

Zahlreiche Pressestimmen – unter anderem der Radiojournalist Ali Baddou – nannten Houellebecqs Zukunftsvision islamfeindlich. Der Chefredakteur der Zeitung Libération, Laurent Joffrin, sagte, mit diesem Roman seien rechtsextreme Gedanken wieder in der seriösen Literatur angekommen. Doch es ist falsch, das Werk in Verbindung mit Fremdenhass und Rechtsextremismus zu bringen. Houellebecq spielt sarkastisch mit den Ängsten der Rechtspopulisten. Er ist ein begnadeter Beobachter, der den Zeitgeist von außen betrachtet, ohne sich ihm anzuschließen oder ihn zu bekämpfen.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère verglich Houllebecqs Roman sogar mit den Jahrhundertwerken von Aldous Huxleys „Brave New World“ und George Orwells „1984“. In dem Buch gehe es um die Auseinandersetzung mit Propaganda und politischer Korrektheit.

Muslim-Koalition soll Le Pen verhindern
 

Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ erschien am Mittwoch in Frankreich. Am gleichen Tag wurde ein Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ausgeübt, das ein Cover mit Houellebecq herausbrachte. „2015 verliere ich meine Zähne“, haben die Zeichner den Schriftsteller sagen lassen. „2022 befolge ich den Ramadan.“

In Frankreich wurde anfänglich spekuliert, ob dieser Titel auch Anlass für das Pariser Blutbad gewesen sein könnte. Doch diese Vermutung bleibt unwahrscheinlich. Innerhalb des kurzen Zeitraumes, in dem das Cover vorbereitet worden war, hätte man unmöglich einen Angriff in diesem Ausmaß planen können. Das Magazin wurde häufig wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen bedroht.

Houellebecq beschreibt die Machtübernahme der muslimischen Partei in seinem Roman so: Die Sozialisten, die UMP von Nicolas Sarkozy und die Zentristen von François Bayrou gründen eine Allianz mit Ben Abbes, um den Erfolg von Marine Le Pen, die 2022 den Einzug in die Stichwahl schafft, zu verhindern. Während der Stichwahl befindet sich Frankreich kurz vor einem Bürgerkrieg. Die Place de Clichy steht in Flammen. In dieser labilen Lage erkennen die Politiker aus den gemäßigten Parteien eine Allianz mit Ben Abbes als klügste Lösung an. Marine Le Pen hetzt die Gemüter nur weiter auf, sie fordert den „Aufstand des Volkes“. Ben Abbes schlägt ihr vor, mit ihm stattdessen in einer Talkshow über Laizismus zu diskutieren.

Houellebecq verteidigte sich bei Radio France Inter gegen die Islamophobie-Vorwürfe: „Ben Abbes Partei vertritt eine moderate Form des Islam. Es handelt sich hier nicht um ein terroristisches Regime, das einen islamischen Staat schaffen möchte.“

Vermählung mit einer Fünfzehnjährigen


Die größte Veränderung, die die muslimische Partei in Frankreich einführt, geschieht im Bildungswesen – und auch dort bleiben gewisse Freiheiten erhalten. Republikanische Institutionen können weiterhin ihre Arbeit ausüben, ohne dass ihre Mitglieder zum Islam konvertieren müssen. Die muslimische Partei wird als Erfolgsmodell gefeiert, hauptsächlich, weil die Wähler im wirtschaftlich kollabierenden Frankreich, in Jugendverbänden, Kultureinrichtungen und karitativen Institutionen einen Halt finden können.

François kümmert sich nicht weiter um die politischen Veränderungen um ihn herum. Stattdessen vertieft sich der Junggeselle fast ausschließlich in seine Bücherwelt. In die Werke des Schriftstellers Joris-Karl Huysman, über den er promoviert wurde und seither forscht. Außerdem fantasiert er über exotische Lingerie, die er sich unter den Burkas saudi-arabischer Frauen vorstellt.

Sex hat François jedoch nicht. Dafür ist sein Kollege, der Sorbonne-Universitätsprofessor Rediger, umso aktiver. Dieser war gleich zu Beginn der neuen Regierung zum Islam übergetreten und hatte sich so seine Hochschulstelle gesichert. Anschließend hatte sich Rediger mit einer Fünfzehnjährigen vermählt. Seitdem lebt er polygam in dem Haus, in dem „Die Geschichte der O“ geschrieben wurde. Dieser sadomasochistische Roman handelt von der Dominanz über das Weibliche. Rediger vergleicht die sexuelle Unterwerfung der Frau unter den Mann in dem Roman mit der religiösen Unterwerfung des Menschen unter Gott im Islam.

Dieser Vergleich wurde von dem französischen Radiomoderator Ali Baddou für derart islamophob erklärt, dass er sich erbrechen wolle. Doch der Vergleich ist nicht islamophob, sondern allenfalls eine pointierte Überzeichnung.

Unermüdlicher Grenzgänger


Houellebecq nutzt solche Bilder, um vor dem Werteverfall der westlichen Gesellschaft zu warnen. Der Autor beschreibt eine Generation, die sich durch Materialismus, Egoismus, Sexismus und Konkurrenzkampf selbst zerstört. Sein Erzähler François verurteilt eine durch „Geldgier“ hypnotisierte Generation, die nur nach eigenem Erfolg strebt. Die Menschen vereinsamen. Houellebecq selbst spricht von einer größer werdenden Kluft zwischen Bevölkerung und jenen, die angeblich in ihrem Namen sprechen – Politikern, Journalisten. In seinem Roman füllt die muslimische Partei, die auf Familie und gesellschaftlichen Zusammenhalt wert legt, dieses Vakuum.

Diese allgemeine Leere spürt auch François. Er versucht sie zunächst durch sexuelle Affären mit jungen Studentinnen zu füllen. Er probiert alles aus, um vor der Einsamkeit zu fliehen.

Houellebecq ist auch in seinem neuen Roman ein unermüdlicher Grenzgänger, der genau wie die kleine satirische Zeitung „Charlie Hebdo“ überzeichnet, um Kritik zu üben. Dafür mussten die Zeichner mit ihrem Leben bezahlen. Michel Houellebecq wird sein Buch nicht bewerben. Er hat seine Auftritte abgesagt und Paris verlassen. Nachvollziehbar. Und dennoch traurig.

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