Elmar Theveßen (am Bildschirm) erklärt bei Markus Lanz die Welt, so wie er sie versteht
Elmar Theveßen (am Bildschirm) erklärt bei Markus Lanz die Welt, so wie er sie versteht / Screenshot ZDF

Meistgelesene Artikel 2025: September - Elmar Theveßen und Charlie Kirk: Weltanschauung füllt Wissenslücken

Elmar Theveßen, Leiter des ZDF-Studios in Washington, behauptet fälschlicherweise, der ermordete US-Podcaster Charlie Kirk habe gefordert, Homosexuelle zu steinigen. Dies war der meistgelesene Cicero-Artikel im September.

Porträt Mathias Brodkorb

Autoreninfo

Mathias Brodkorb ist Cicero-Autor und war Kultus- und Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Er gehört der SPD an.

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Die Sendung „Markus Lanz“ läuft fast immer nach demselben Schema ab. Eingeladen werden einerseits Politiker und andererseits Fachexperten. Beide Gruppen werden nicht gleich behandelt, weil die Gespräche unterschiedliche Funktionen haben. Bei den Politkern versucht Lanz, die Glaubwürdigkeit ihres Sprechens und Handelns zu prüfen. Dabei wird er seinen Gesprächspartnern zwar nicht immer gerecht, aber das gelingt ihm doch überwiegend gut. Und vor allem: Immer ist er exzellent vorbereitet.

Das war nicht nur jüngst so, als Nancy Faeser (SPD) über ihre Arbeit als Bundesinnenministerin Rechenschaft ablegen sollte. In besonderen Fällen reicht die Vorbereitung sogar mitten in die Sendung hinein. Als Lanz einst den AfD-Politiker Steffen Kotré zur Klimapolitik in die Mangel nahm, hatte er einen Knopf im Ohr, und ein Team von Faktencheckern prüfte live die Aussagen des AfD-Politikers. Lanz konfrontierte Kotré während der Sendung dann mit den Rechercheergebnissen.

Bei den Fachexperten ist das ganz anders. Das kann nicht verwundern. Ihre Rolle in der Sendung ist es ja, Lanz bei der Prüfung der Politiker oder eines Sachverhaltes zu unterstützen. Bei Fachexperten braucht man keinen Faktencheck. Sie sind ja selbst die Faktenchecker. Und zu diesen Fachexperten gehören auch Journalisten.

Am 11. September 2025 fiel diese Rolle Elmar Theveßen zu. Er arbeitet schon lange für das ZDF und leitet derzeit dessen Büro in Washington. Wenn also im ZDF jemand Ahnung von den amerikanischen Verhältnissen hat, dann wohl Elmar Theveßen. Dass es für diese wohlwollende Unterstellung wenig Anlass gibt, zeigte die aktuelle Lanz-Sendung.

Charlie Kirk hätte der Enkel von Jürgen Habermas sein können

Anlass für Theveßens Rolle in der Sendung war die Ermordung des amerikanischen Influencers Charlie Kirk. In den USA ist der junge Familienvater eine Berühmtheit. Er ist strikt konservativ, ein tiefgläubiger Christ und könnte trotzdem der Enkel von Jürgen Habermas sein. Seit Jahren tut er fast nichts anderes, als vor allem an amerikanischen Universitäten öffentliche Veranstaltungen abzuhalten und mit Vertretern des linken Spektrums zu streiten. Sein Motto: „Prove me wrong“, zeig’ mir doch, dass ich falsch liege. Auf seinen Diskussionsveranstaltungen zählte der „eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Habermas). Und dabei gewann für gewöhnlich Kirk.

Einmal trat zum Beispiel eine junge Frau der LGBTQ-Szene ans Mikrofon und betonte, eine „Feministin“ zu sein. Kirks Frage, was denn eine Frau sei, wollte oder konnte sie nicht beantworten. Kirks sinngemäße Reaktion: Wie kann man eine Feministin sein ohne zu wissen, was eine Frau ist? Damit war die Sache erledigt. Und so war es häufig.

Was Theveßen dem Zuschauer darbot, sei ausführlich zitiert. Man muss es einfach für die Nachwelt festhalten:

Theveßen: Kirk „hat sehr, sehr scharf rechte Überzeugungen. Ich will mal ein paar Beispiele nennen. Er hat gesagt beispielsweise, dass Homosexuelle gesteinigt werden müssten (…). Er hat gesagt, dass Schwarze die Positionen der Weißen wegnehmen wegen dieser Politik der Demokraten der vergangenen Jahre. Er hat gesagt, wenn man in einem Flugzeug sitzt mit einem schwarzen Piloten, muss man Angst haben.“

Darauf Lanz ungläubig: „Habe ich das richtig verstanden, Homosexuelle sollten gesteinigt werden?“

Theveßen: „Ja, er bezieht sich dabei natürlich auf die Bibel, also dass er sagt: Da ist das Christentum wortwörtlich zu nehmen. Er hat das nicht auf die moderne Zeit angewendet, das ist tatsächlich, ähm, weitgehend natürlich. Und man kann sagen, das sind rassistische Äußerungen, das sind minderheitenfeindliche Äußerungen, das ist auch so, eindeutig, er gehört zu den Rechtsradikalen in den USA ...“

Die anderen Gäste im Studio schüttelten verständnislos den Kopf. Aber nicht über Theveßen, sondern über Kirk. Der war damit zu einem homophoben Rassisten gestempelt. Aber wahrscheinlich stimmt nichts von dem, was Theveßen vor laufenden Kameras behauptet hat.

Wie soll man beweisen, dass es Einhörner nicht gibt?

Das nachzuweisen, ist natürlich nicht ganz einfach. Um ganz sicher sein zu können, müsste man dazu alle (!) Äußerungen auswerten, die Charlie Kirk in den letzten zwanzig Jahren überhaupt getätigt hat. Das ist aus ganz verschiedenen Gründen völlig unmöglich.

Also landen wir erkenntnistheoretisch beim Fall Einhorn. Wie soll man beweisen, dass es Einhörner nicht gibt? Auch das geht logischerweise nicht. Dafür bräuchte man ja irgendwelche Beweise. Und dazu müssten Einhörner existieren. Dann könnte man aber gerade nicht widerlegen, dass sie existieren.

In Sachen Einhorn läuft die Sache daher umgekehrt. Wer glaubt, dass es welche gibt, muss Beweise dafür vorlegen. Dann werden sie geprüft. Und wenn die nicht stichhaltig sind, ist damit nicht bewiesen, dass es keine Einhörner gibt. Es ist nur bewiesen, dass der Beweis für ihre Existenz gescheitert ist. Der Philosoph Karl Raimund Popper hat dazu eine ganze Theorie entwickelt, den Falsifikationismus.

Da Theveßen in der Sendung seine Quellen nicht vorlegte, will ich auf anderen Wegen zu zeigen versuchen, dass an seinen Behauptungen nichts dran sein dürfte. Der eine funktioniert nur mit Vertrauen. Ich habe in den letzten Monaten zahlreiche Diskussionsrunden von Charlie Kirk verfolgt und meine daher, einen recht guten Einblick in sein Denken zu haben. Die von Theveßen aufgestellten Behauptungen über Kirk sind damit unvereinbar. Aber das ist ein eher schwaches Argument. Es gibt ein stärkeres.

Auch Theveßen wird nicht sämtliche Äußerungen Kirks aus den letzten zwanzig Jahren überprüft, sondern sich zur Vorbereitung bei Lanz im Internet informiert haben. Und siehe da, es sind problemlos jene Vorkommnisse auffindbar, die zu Theveßens Entstellungen geführt haben dürften. Dabei geht es um zwei Punkte.

Erstens, Kirk halte die Steinigung von Homosexuellen für legitim, weil das so auch in der Bibel stehe. Ob das wirklich in der Bibel steht, ist übrigens völlig unerheblich, wie sich gleich zeigen wird. Die Sache verhält sich nämlich ganz anders.

Charlie Kirk knöpfte sich eine amerikanische Kinderbuchautorin vor, die sich auf die Bibel berief, um Feierlichkeiten zum Pride Month bzw. Toleranz gegenüber der LGBTQ-Community mit dem biblischen Gebot der Nächstenliebe zu rechtfertigen. Und darauf entgegnete Charlie Kirk sinngemäß, dass man dann aber auch Homosexuelle wieder steinigen müsste, denn das stehe ebenfalls in der Bibel: „Ich sag’s ja nur.“

Ganz offensichtlich wollte Kirk den Anspruch der Kinderbuchautorin zurückweisen, mit dem Wortlaut der Bibel ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen. Aber das setzt gerade logisch voraus, dass er sich eben nicht auf die Bibel berief, um die Steinigung Homosexueller zu begrüßen. Andernfalls wäre auch die Berufung der Kinderbuchautorin auf die Bibel legitimiert gewesen. Theveßen entstellte Kirks Position somit ins völlige Gegenteil. Jeder kann das selbst nachprüfen.

Der Fall Rassismus

Auch hier ist es nicht anders. Ich beschränke mich auf die Behauptung Theveßens, dass man Angst vor schwarzen Piloten haben müsse. Für Theveßen ist das ein Beleg dafür, dass Kirk sich „rassistisch“ geäußert habe. Auch hieran stimmt nichts.

Man muss hierzu wissen, dass in den USA bereits seit geraumer Zeit ein Kulturkampf tobt über die richtige Auslegung der Verfassung. Trumps Wahlerfolg und Politik erklärt sich zu erheblichen Anteilen aus dieser Tatsache.

Bereits seit Jahrzehnten wurde in den Vereinigten Staaten die Politik der „positiven Diskriminierung“ (affirmative action) betrieben, heute als DEI (diversity, equity and inclusion) bekannt. Der Kerngedanke: Wenn Schwarze oder Frauen in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen unterrepräsentiert sind, sollen sie bevorzugt eingestellt werden. Es geht um Quotenregelungen. An amerikanischen Eliteuniversitäten war es lange Praxis, Studenten auch dann zum Studium zuzulassen, wenn sie schlechtere Leistungen vorzuweisen hatten als andere, aber zu Minderheiten gehörten. Der Oberste Gerichtshof hat diese Praxis inzwischen als verfassungswidrig untersagt.

Und genau das hält Kirk für richtig. Ein ums andere Mal betonte er, dass gesellschaftliche Positionen allein anhand von Eignung und Befähigung und nicht anhand des Merkmales „race“ verteilt werden sollten. Alles andere sei nicht nur ungerecht, sondern gefährde auch eine optimale Entwicklung der Gesellschaft.

In einem Gespräch mit einem Schwarzen machte Kirk diesen Punkt klar: Die Fluggesellschaft United Airlines habe sich das Ziel gesetzt, dass vierzig Prozent ihrer Piloten Frauen oder Schwarze sein sollen. Heute seien es etwa sechs Prozent.

Das Quotenziel sei aber nur zu erreichen, wenn regelmäßig schlechter qualifizierte Schwarze besser qualifizierten Weißen vorgezogen würden. Das sei unvermeidbar: „Man muss sich im Leben entscheiden: Entweder Exzellenz oder Rassenquoten (…). Beides gleichzeitig geht nicht.“

Und genau deshalb provoziere das DEI-Programm bei Fluggästen zwangsläufig die Frage, ob denn ein schwarzer Pilot wirklich bestmöglich qualifiziert sei: „Wenn du also einen schwarzen Piloten siehst, grübelst du nach: Ist diese Person dort, weil sie es verdient hat oder weil sie dort hingesetzt wurde? Das ist es, was DEI tut: Es zwingt dich zu Fragen, die du sonst nicht hättest.“ Jeder kann nachprüfen, dass richtig ist, was ich hier behaupte. Und mit Rassismus hat all das rein gar nichts zu tun.

Nun stellt sich die Frage, ob Theveßen gelogen hat oder einfach keine Ahnung von dem hatte, worüber er bei Lanz sprach. Für die Option der Lüge spricht wenig. Man kann gar nicht so dumm sein, in Zeiten des Internets zu glauben, so etwas fliege nicht auf. Wahrscheinlicher scheint daher, dass Theveßen einfach schlecht vorbereitet war und diese Lücke mit seiner Weltanschauung füllte, um überhaupt etwas sagen zu können. Elmar Theveßen wollte im Jahr 2024 sogar der Intendant des WDR werden.

Vielleicht sollte Markus Lanz daher darüber nachdenken, künftig auch bei seinen „Fachexperten“ lieber einen Knopf im Ohr zu tragen.

Redaktionelle Anmerkung: Cicero hat dem ZDF heute morgen um 08.03 Uhr folgende Fragen übermittelt und darum gebeten, Sie bis heute 16.00 Uhr zu beantworten.

„Welche Auftritte/Äußerungen Kirks stützen die Behauptungen von Herrn Theveßen?
Werden das ZDF/Markus Lanz die Behauptungen von Herrn Theveßen einem Faktencheck unterziehen?
Werden das ZDF/Markus Lanz eine öffentliche Richtigstellung veranlassen, wenn ein Faktencheck ergeben sollte, dass Herr Theveßen mit seinen Äußerungen die Öffentlichkeit in die Irre geführt hat?“

Um 17.06 Uhr traf die Antwort des ZDF ein, die wir hier in gekürzter Fassung wiedergeben:

Zum Vorwurf von Theveßen, Kirk hätte die Steinigung Homosexueller gefordert, teilt das ZDF mit:

Der eigentliche Zusammenhang der Aussagen Kirks „hätte deutlicher gemacht werden müssen. Elmar Theveßen bedauert, an der Stelle nicht ausführlicher gewesen zu sein.“

Zum Vorwurf Theveßens, Kirk sei ein Rassist, weil er sich vor schwarzen Piloten fürchte, teilte das ZDF mit, Theveßen hätte in der Sendung Folgendes klargestellt

Kirk „hat sich immer dem Streit und der Debatte gestellt. Mir ist aus dem Kopf nicht bekannt, dass er zu Gewalt aufgerufen hätte. Er hat durch diese scharfen Formulierungen beigetragen zur Polarisierung im Land, aber er hat immer dafür gefochten, dass man sich die Dinge an den Kopf werfen darf, aber dafür darf keine Seite die andere Seite ins Visier nehmen, geschweige denn jemand anderen umbringen."

Das allerdings war gar nicht die strittige Frage.

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Achim Koester | So., 28. Dezember 2025 - 09:52

zumindest, was seine Glaubwürdigkeit angeht. Der Mann verdreht Tatsachen im Sinne seiner (und des ZDF) Ideologie. Ich erinnere mich noch gut an seine Sendung über den Terroranschlag am Breitscheidplatz, wo er stur an der Unfallversion festhielt, weil ein Anschlag wohl nicht in sein Konzept passte, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Für meine/unsere Zwangsgebühren erwarte ich Berichterstattung, keine grüne Gehirnwäsche.

Urban Will | So., 28. Dezember 2025 - 10:20

geradezu lächerlichen Antworten des ZDF bestätigen mich darin. Es ist egal, ob jemand lügt, weil er schlecht vorbereitet ist oder eben bewusst Unwahrheiten verbreiten möchte. Und – am Rande bemerkt – so dumm kann man nicht sein, auch nicht als ZDF-Barde und Journalisten-Witzfigur Theveßen, dass man aufgrund mangelnder Vorbereitung ernsthaft glaubt, jemand fordere im Jahre 2025 in einer westlichen Demokratie die Steinigung anderer.
Es war also die bewusste Verbreitung von Falschaussagen, auch wenn ich das jetzt natürlich nur als Meinung sagen kann, da Beweise unmöglich sind (außer diese Witzfigur würde es zugeben).
Und die schwachsinnige Antwort auf die Frage bzgl. das angeblichen Rassismus in Sachen Hautfarbe der Piloten, ist ebenfalls recht eindeutig ein Zeichen, dass diese Stümper vom ZDF Weltanschauung (ihre eigene) und Hetzerei der Wahrheit vorziehen.
Kirk war der Inbegriff offener Streitkultur und der Macht des besseren Argumentes. Und beides ist den Linken ein Dorn im Auge.

Ernst-Günther Konrad | So., 28. Dezember 2025 - 13:18

Warum? Es ist überzeugt davon, dass er die einzige *Wahrheit* hat, auch wenn er inzwischen versucht hat, seine Aussagen zu relativieren und halbherzig sich zu entschuldigen. Theveßen ist berauscht von seiner medialen Macht, die er glaubt zu besitzen, wenn er als Flaggschiff des ZDF - als der USA Experte schlechthin- auftritt und seine *Botschaften* verkündet. Haben ihm letztlich seine unwahren Behauptungen geschadet? Er tritt weiterhin im ZDF als Experte auf und verbreitet weiterhin teils krude Ansichten oder verzerrt einfach die Realität so, wie sie ihm passt. Und Lanz? Da ich ihn schon lange nicht mehr schaue, weiß ich nicht, ob der wirklich was begriffen hat oder eben nur auf ein Einschaltquote aus ist. Die Kritik über ihn ist geteilt. Wie gesagt, da ich ihn mir höchstens nur noch Anlass bezogen anschaue in Ausschnitten bei NIUS oder als Interviewausschnitt, möchte ich mich ihm gegenüber neutral halten.

Klaus Funke | So., 28. Dezember 2025 - 14:32

Im nächsten Jahr werden wir dank unserem Kanzler und Oberkriegshetzer Merz im Krieg mit Russland sein. Und dann wird Bert Brechts Gedicht vom Großen Karthago, welches 3 Kriege führte, bittere Wahrheit werden. Richtet euch auf den Untergang ein, liebe Landsleute. Optimistischeres kann ich nicht vorhersagen.