- ÖRR-Insider packt aus: „Das ZDF hat mich beruflich kaltgestellt“
Wegen seiner öffentlichen Kritik am ÖRR erlebt der ZDF-Journalist Andreas Halbach in der Redaktion ein Tribunal, erzählt er exklusiv im Cicero-Interview. Dies war der meistgelesene Cicero-Artikel im Oktober.
Andreas Halbach arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Journalist für die investigative ZDF-Sendung Frontal und sorgte im September 2025 für Aufsehen, als er vor dem Medienausschuss des Landtags NRW als Sachverständiger auftrat. Er kritisierte die Strukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks scharf, berichtete von Unterdrückung interner Kritik und forderte verbindliche Regelungen zur „inneren Rundfunkfreiheit“. Halbachs Aussagen lösten eine breite Debatte über Transparenz und Reformbedarf beim ZDF aus, während der Sender die Vorwürfe zurückwies.
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Herr Halbach, vor wenigen Wochen haben Sie im Kulturausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags über Missstände im öffentlich-rechtlichen Rundfunk berichtet. Sie haben von „Einschüchterungsversuchen“ im ZDF gesprochen. Haben Sie Angst vor Sanktionen?
Ehrlich gesagt, leider ja. In 20 Jahren habe ich über 300 Beiträge für ZDF-„Frontal“ gemacht – ich gehöre damit zu den produktivsten Investigativreportern des Senders. Nach meiner Kritik im NRW-Landtag weigern sich nun allerdings mehrere Chefs vom Dienst, mit mir zusammenzuarbeiten. Deshalb ist eine aktuelle Recherche von mir „on hold“ gesetzt worden, die schon mehrere Tausend Euro gekostet hat. So bin ich beruflich kaltgestellt.
Sie stehen weiter in einem Vertragsverhältnis. Warum können Sie dann nicht arbeiten?
Drei oder vier CvD-Kollegen entscheiden faktisch darüber, dass ich mein Grundrecht auf freie Berufsausübung nach Artikel 12 und freie Meinungsäußerung nach Artikel 5 des Grundgesetzes derzeit nicht wahrnehmen kann. Ich frage mich, wer das im Haus angeordnet hat. Auch der NRW-Landtagspräsident sollte sich Gedanken machen: Wenn Sachverständige nach einer parlamentarischen Anhörung für ihre Kritik von einer öffentlich-rechtlichen Institution sanktioniert werden, wer wird künftig noch bereit sein, seine Praxiserfahrung in ein Gesetzgebungsverfahren einzubringen?
Warum verweigern die CvDs die Zusammenarbeit?
Eine Begründung habe ich nicht erhalten. Mir wurde lediglich mitgeteilt, dass gegen mich ein Beschwerdeverfahren nach der ZDF-Leitordnung eingeleitet wurde – vermutlich wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Gebot der „vertrauensvollen Zusammenarbeit“. Offenbar, weil ich im Landtag kritisch über interne Strukturen gesprochen habe.
Wer steckt Ihrer Meinung nach dahinter?
Ich habe den Eindruck, dass hier aus der Leitung heraus ein Exempel an mir statuiert werden soll, um andere potenzielle Kritiker einzuschüchtern. Ich habe nichts getan, außer das einzufordern, was im öffentlich-rechtlichen Rundfunk selbstverständlich sein sollte: redaktionelle Unabhängigkeit und journalistische Freiheit. Wenn kritische Stimmen intern sanktioniert werden, gefährdet das die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems.
Wie hat das ZDF offiziell auf Ihren Auftritt im Landtag reagiert?
Im Intranet erschien ein Artikel auf ZDF-Inside, auf den Tausende Mitarbeiter Zugriff haben. Darin werden falsche Tatsachenbehauptungen über mich aufgestellt, die meine Glaubwürdigkeit beschädigen und das Vertrauen meiner Kollegen untergraben. Ich habe Belege vorgelegt und eine Gegendarstellung gefordert – bislang ohne Erfolg.
Erfahren Sie im Haus auch Unterstützung?
Ja, es gibt Zuspruch – schriftlich und telefonisch. Einige Kollegen teilen mir eigene Erfahrungen mit ähnlichen Vorgängen mit.
Wie haben Sie die ersten Redaktionskonferenzen nach dem Landtagsauftritt erlebt?
Schon nach meiner Unterschrift unter das „Manifest“ kritischer ÖRR-Mitarbeiter im Sommer 2024 musste ich mich in einer Redaktionskonferenz rechtfertigen – das glich einem inquisitorischen Tribunal. Nach dem Landtagsauftritt habe ich ein Statement verlesen und gebeten, mich nicht wieder mit der Vertrauensfrage zu konfrontieren. Trotzdem wurde sie mehrfach gestellt. Der Ärger vieler, vor allem junger Kollegen, war heftig. Man warf mir vor, das Ansehen des ZDF beschädigt zu haben. Aber welche Debattenkultur ist das, wenn sachliche Kritik so gewertet wird?
Ihre Kollegin Julia Klaus veröffentlichte auf LinkedIn eine Stellungnahme im Namen von 26 „Frontal“-Mitarbeitern. Darin heißt es: „Wir, die Mitglieder der ZDF-Redaktion ,Frontal‘, stellen hiermit klar, dass die im Düsseldorfer Landtag erhobenen Behauptungen bezüglich der Arbeit in der Redaktion ,Frontal‘ nicht unseren Erfahrungen entsprechen. Wir widersprechen in aller Deutlichkeit den Vorwürfen.“ Wie bewerten Sie dies?
Von den 26 Unterzeichnern sind nicht mal eine Handvoll Festangestellte sowie ein Kameramann. Mehr als 80 Prozent der Unterzeichner stehen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen der freien Mitarbeit und sind auf die Vertragsverlängerung durch die Redaktionsleitung angewiesen. Die Mehrheit der Festangestellten und auch zwei freie Mitarbeiter haben sich an dieser Stellungnahme nicht beteiligt. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass sich viele Unterzeichner in ihrer öffentlichen Stellungnahme meiner Meinung nach eher an der Haltung der Leitung orientieren.
Wie sehen die Beschäftigungsverhältnisse in der Investigativredaktion von ZDF „Frontal“ aus?
Die Situation bewerte ich als höchst bedenklich. Ich selbst bin freier Mitarbeiter mit einem Kettenvertrag seit mehr als 20 Jahren und eingeschränktem Kündigungsschutzrecht. Das erlaubt das Bundesverfassungsgericht schon seit 1982. Es konstatiert den ÖRR-Sendern ein „Abwechslungsbedürfnis“ programmprägender freier Mitarbeiter, um die Vielfalt und Aktualität ihrer Programme zu gewährleisten. Dieses Rotationsprinzip wird aber faktisch im ZDF gar nicht angewendet. Erst seit wenigen Jahren existiert für freie Mitarbeiter eine maximale Beschäftigungsdauer von sechs Jahren. Ein ZDF-Redakteur schrieb mir vor wenigen Tagen: „Wir behandeln unsere eigenen jungen Mitarbeiter teils wie den letzten Dreck.“
Das Verhalten Ihnen gegenüber scheint beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kein Einzelfall zu sein. Vor dem Landtag erwähnten Sie den Fall eines langjährigen WDR-Mitarbeiters, dem nach 23 Jahren wegen interner Kritik gekündigt wurde. Welche Wirkung haben solche Fälle auf Kollegen?
Diesen WDR-Fall habe ich gründlich recherchiert. Von WDR-Mitarbeitern, Gewerkschaften und Personalräten auch aus anderen ARD-Sendern wurde mir bestätigt, dass sich solche Fälle – in denen freien Mitarbeitern nach interner Kritik sofort gekündigt wird – sehr schnell herumsprechen. Sie entfalten massive Signalwirkung – wirken einschüchternd auf die Bereitschaft, überhaupt noch Kritik zu äußern. Das Grundproblem liegt in den oft prekären Arbeitsbedingungen der freien Mitarbeiter, die über keinen ordentlichen oder sogar gar keinen Kündigungsschutz verfügen.
Das Gleiche gibt es auch beim ZDF: Es handelt sich um einen langjährigen investigativen ZDF-Mitarbeiter, der die Redaktion „Frontal“ verlassen musste und derzeit auf Rückversetzung klagt. Er selbst redet von einer „Strafversetzung“. Da der Kollege die Veröffentlichung dieses Vorgangs sich selbst vorbehalten hat, kann ich keine weiteren Details nennen.
Sie haben von „Einschüchterungsversuchen“ im ZDF und WDR gesprochen. Können Sie beschreiben, wie solche Versuche konkret aussehen?
Die Frage ist für mich arbeitsrechtlich heikel, deshalb kann ich nur auf das eingehen, was umfassend dokumentiert ist. In meinen Recherchen zur Causa der früheren RBB-Intendantin Schlesinger habe ich noch vor Einleitung des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens alle ARD-Intendanten mit der Frage konfrontiert, ob Schlesinger als ARD-Vorsitzende überhaupt noch haltbar sei. Von dieser Anfrage erfuhr die Süddeutsche Zeitung und stellte in einem Beitrag die Frage, ob es nicht ein „Tabubruch“ sei, wenn Journalisten innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in dieser Weise nachhaken.
Zeitgleich erhielt ich im ZDF eine schriftliche Anweisung, wonach ich „bei solch brisanten“ Recherchen künftig nur noch im Einvernehmen mit meinen Vorgesetzten recherchieren dürfe. Andernfalls sei es mir untersagt, meinen „Frontal“-Account für entsprechende Anfragen zu nutzen. Diese für mich offensichtlich maßgeschneiderte Einschränkung – eine Art „Lex Halbach“ – habe ich zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass ich mich bei meinen Recherchen allein den Fakten und meinem journalistischen Gewissen verpflichtet sehe. Eine Reaktion darauf blieb aus. Ob man diese meines Erachtens unzulässige Dienstanweisung bereits als Einschüchterungsversuch gegenüber einem unabhängigen Journalisten werten muss, überlasse ich der Bewertung anderer – für mich war es ein klarer Versuch, meine Recherchefreiheit zu beschneiden.
Vor dem Landtag haben Sie von einem Themenfilter und von Selbstzensur in ZDF-Redaktionen geredet. Können Sie erläutern, wie dieser Prozess in der Praxis funktioniert und welche Themen Ihrer Erfahrung nach besonders davon betroffen sind?
In der Anhörung habe ich das Beispiel Migration in Zusammenhang mit den Themen Wohnungsnot und Flüchtlingsunterbringung genannt. Ein weiteres Beispiel ist die Wärmepumpe. Ich habe berichtet, dass ihre Installation im Altbau sehr teuer werden kann, weil aufwendige energetische Sanierungen erforderlich sind. In der Sendekritik äußerte ein erfahrener Kollege, dass er mit dieser Kernaussage „politisch Bauchschmerzen“ habe. Meine Erwiderung darauf war: „Wir machen keine Politik, wir müssen berichten, was ist.“ Beispiel Atomkraftausstieg: Auch ich habe mehrfach über die Endlagerproblematik berichtet. Als im Zuge von Ukrainekrieg und Energieknappheit kurzfristige Laufzeitverlängerungen einzelner Reaktoren beschlossen wurden, entstand die öffentliche Diskussion, ob kleinere, weniger riskante Mini-AKWs eine Lösung sein könnten. Ernstzunehmende Experten haben das gefordert. Vor diesem Hintergrund hielt ich das für ein höchst relevantes Thema. Ich habe es nicht vorgeschlagen, weil ich mir mühsame Redaktionsdiskussionen ersparen wollte. Da habe ich einen Fehler gemacht.
Beispiel Journalistenpreise: Im ZDF erfolgt eine Vorauswahl, welche Beiträge überhaupt eingereicht werden dürfen. Damit kontrolliert das ZDF faktisch den Zugang zu unabhängigen Wettbewerbsgremien und bestimmt, welche Mitarbeiter Chancen auf externe Anerkennung haben und welche Themen ins Rampenlicht gestellt werden. Diese Praxis verstößt gegen das Neutralitätsgebot.
All das zeigt, wie Themenfilter und Selbstzensur in der Praxis funktionieren: Bestimmte Perspektiven oder Informationen können aus Sorge vor politischer Brisanz oder öffentlicher und interner Kontroverse zurückgehalten werden, obwohl sie sachlich relevant sind.
Das ZDF weist Ihre Darstellung zurück, wonach Recherchen zum Schlesinger-Skandal unterdrückt worden seien. Es heißt, die Berichterstattung sei geprüft, aber nicht blockiert worden. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Im Schlesinger-Skandal war ich im ZDF von Anfang an mit einem investigativen Themenvorschlag Vorreiter, als es noch keine Strafermittlungen gegen Schlesinger gab. Ein Fernsehbeitrag von hoher Relevanz wurde jedoch nicht zugelassen. Stattdessen durfte ich nur einen presseähnlichen Online-Artikel zu einem Nebenaspekt veröffentlichen – und das erst, als die wesentlichen Vorwürfe längst öffentlich waren. Ein weiterer Artikel zur entscheidenden Gender-Frage in der Schlesinger-Affäre wurde von der ZDF-Online-Redaktion nicht veröffentlicht. Gegen die Unterdrückung dieser Berichterstattung habe ich vergeblich Beschwerde geführt. Das spiegelt die Realität wider, unabhängig von der Darstellung des ZDF.
Was könnte denn der Grund dafür gewesen sein, dass Ihre Recherchen zur Schlesinger-Affäre nicht zu einem Fernsehbeitrag bei „Frontal“ geführt haben?
Eine Vorgesetzte lehnte meinen Vorschlag mit der Begründung ab, das Thema interessiere „nur Medienschaffende“ – obwohl ich interne Dokumente und Kommentierungen mit höchstem Autoritätstopos von erheblicher öffentlicher Relevanz vorlegen konnte. Die Vorgesetzte ist Unterstützerin des Vereins Pro Quote Medien, eine starke Organisation zur Förderung von Frauen in Führungspositionen. Ausgerechnet Patricia Schlesinger – damals als ARD-Vorsitzende die ranghöchste ÖRR-Frau – war deren Galionsfigur. Hier stellt sich die Frage: Ist dieser persönliche Bezug nicht ein klarer Interessenkonflikt? Hinzu kam, dass auch eine Vorgesetzte in Mainz die Auffassung vertrat, Recherchen gegen „befreundete Sender“ seien nicht erwünscht.
Besonders deutlich wurde die Voreingenommenheit bei einem Artikel, den ich für ZDF Online angeboten habe. Darin ging es um die Frage, ob der Fall Schlesinger der Gleichstellungsbewegung insgesamt geschadet und den Verein Pro Quote beschädigt habe und ob das Narrativ „Frauen sind die besseren Chefs“ noch haltbar ist. Gender-Expertinnen äußerten daran erhebliche Zweifel. Der Artikel setzte sich zudem kritisch mit prominenten ÖRR-Fernsehfrauen auseinander, die öffentlich dieses Narrativ vertreten hatten. Abgelehnt wurde dieser Artikel mit der Begründung, er sei frauenfeindlich – ein Vorwurf, den ich als absurd und als Diffamierung empfand. Gerade dieser Fall zeigt, wie sehr inhaltliche Argumente überlagert wurden von ideologischen Rücksichtnahmen. Nach Maßstäben journalistischer Ethik war das meiner Meinung nach eine unzulässige Befangenheit aufseiten der Entscheiderinnen.
Im Zusammenhang mit dem Thema Wohnungsmangel schilderten Sie den Fall einer deutschen Familie, die sich gegenüber einer Flüchtlingsfamilie benachteiligt fühlte. Ihr Beitrag wurde nicht gesendet; das ZDF bestreitet dies und sagt, er sei lediglich zu einem späteren Zeitpunkt ausgestrahlt worden. Wie reagieren Sie auf diese Darstellung?
Vorsicht! Ich habe im Ausschuss nicht behauptet, der Beitrag sei „gekippt“ worden. Diese Darstellung wurde vom ZDF lediglich auf geschickte Weise gegenüber der FAZ suggeriert. Der Beitrag wurde zwar ausgestrahlt – doch der entscheidende O-Ton der betroffenen Familie, in dem sie ihre Enttäuschung darüber äußert, dass eine Flüchtlingsfamilie bevorzugt wurde, obwohl sie selbst bereits eine Zusage für die Neubau-Sozialwohnung hatte, wurde von der Redaktion unterdrückt und fand somit keinen Eingang in die Berichterstattung.
Warum?
Da darf man wohl nur mutmaßen: Vielleicht hatten Kollegen die Sorge, dass ein solcher Beitrag gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen könnte oder dass er von Populisten instrumentalisiert würde. Ich stelle aber die entscheidende Frage: Darf ein Journalist eine solche Schere im Kopf haben? Oder ist er den Fakten verpflichtet, der Wahrhaftigkeit, dem Grundsatz „sagen, was ist“? Wenn die Haltung lautet: „Kein Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten“, dann ist das zwar ein nachvollziehbares politisches Motiv, aber unsere Aufgabe ist nicht, Narrative zu bedienen oder zu verhindern, sondern Fakten korrekt zu recherchieren und transparent darzustellen.
Der Investigativjournalismus ist in gewisser Weise die Königsdisziplin des kritischen und unabhängigen Journalismus. Was sagt es über das ZDF aus, wenn es anscheinend einen politisch gewollten und politisch ungewollten Investigativjournalismus gibt?
Wenn sogar im Enthüllungsjournalismus nach politischen Opportunitäten gefiltert wird und damit die investigative Berichterstattung nicht mehr unabhängig ist, dann verfehlen wir den ÖRR-Auftrag, dem Zuschauer Partizipation und freie Meinungsbildung zu ermöglichen, und dann geraten wir auch in die Nähe von einseitigem Erziehungsfernsehen. Gerade der Investigativjournalismus hat hier eine besondere Bedeutung und Verantwortung: Er erfüllt die Wächterfunktion. Wenn er sich dem Verdacht aussetzt, diese Funktion für tendenziöse Meinungsmache zu missbrauchen, dann nimmt nicht nur ein einzelnes Format Schaden, sondern die vierte Gewalt insgesamt – und das wäre demokratiegefährdend.
Sie haben die Macht der Intendanten mit Strukturen in der katholischen Kirche verglichen. Warum?
So, wie in der katholischen Kirche der Bischof das letzte Wort hat, so hat es im öffentlich-rechtlichen ZDF der Intendant. Er entscheidet in hausinternen Konfliktfällen allein – frei von politischer Kontrolle, was grundsätzlich sinnvoll ist. Doch die eigentliche Kontrollinstanz, der ZDF-Fernsehrat, ist nicht frei von Einfluss: Dort gibt es bis heute die politisch gefärbten „schwarzen“ und „roten“ Freundeskreise, die sogar vor den offiziellen ZDF-Fernsehratssitzungen getrennt tagen auf dem Mainzer Lerchenberg – obwohl das Bundesverfassungsgericht die Staatsferne des Gremiums ausdrücklich angemahnt hat.
Hinzu kommt: ZDF-Mitarbeiter dürfen sich gar nicht an den Fernsehrat wenden, nur Zuschauer. Aber wie soll der Fernsehrat den Intendanten wirksam kontrollieren, wenn er von internen Missständen gar nicht offiziell erfahren darf? Genau das trägt zur faktischen Allmacht der Intendanten bei.
Sie fordern, die „innere Rundfunkfreiheit“ ausdrücklich im Medienstaatsvertrag zu verankern. Warum reicht es Ihrer Ansicht nach nicht, dass sie eigentlich selbstverständlich sein sollte?
Wenn Intendanten unzureichend kontrolliert werden, reicht die formale Aufsicht durch die Rundfunkräte allein nicht aus. Es braucht eine unabhängige journalistische Kontrollinstanz mit weitreichenden Mitteln. Leider fehlt in fast allen existierenden Redaktionsstatuten der ÖRR-Sender ein allgemeines Veröffentlichungsrecht. Ein Redakteursausschuss muss also die Möglichkeit haben, durch Pressemitteilungen ungeklärte Streitfälle mit dem Intendanten in den öffentlichen Diskurs zu bringen, um so Transparenz zu schaffen. Leider hat der Intendant Norbert Himmler dies im Februar abgelehnt und will lediglich die ZDF-Leitordnung nachbessern lassen, die ihm weiterhin das letzte Wort garantiert.
Sie kritisieren auch Defizite beim internen Beschwerdemanagement Ihres Senders. Welche Reformen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um Mitarbeiter besser zu schützen?
Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – ob freie oder festangestellte – müssen die Möglichkeit haben, sich mit Beschwerden an die Aufsicht ihrer Intendanten zu wenden. Wenn etwa die Satzung des ZDF-Fernsehrats das verhindert, entsteht eine Wagenburg, die die Allmacht des Intendanten schützt. Das widerspricht den demokratischen Grundprinzipien eines öffentlich-rechtlichen Systems, in dem nicht ein einzelner Mensch alles entscheidet. Zum Schutz der inneren Rundfunkfreiheit braucht es deshalb Strukturen, in denen Journalisten mit ihrer Expertise demokratisch mitentscheiden können. Gerade in den Führungsetagen fehlt oft das Verständnis für die journalistische Aufgabe.
Ist das ZDF Ihrer Meinung nach in der Lage, echte Selbstkritik zu üben und daraus die notwendigen Reformen abzuleiten?
Meinem Eindruck nach sind die Beharrungskräfte im ZDF leider stärker als der Reformwille. Selbst schriftliche Eingaben mit Kritik oder Beschwerden verhallen oft völlig ohne Reaktion. Wer sich als kritischer Journalist und verantwortungsbewusster Staatsbürger ernsthaft an einer Reform des ÖRR von innen heraus beteiligen will, kämpft schnell gegen Windmühlen. Das liegt an der hierarchischen Struktur, dem stark ausgeprägten Top-down-Denken im ZDF. Das neigt dazu, Kritik nicht als Chance zu begreifen, sondern als Störung.
Welche Erwartungen richten Sie nun an das ZDF als Ihren Arbeitgeber und grundsätzlich als Sender?
Ich möchte meinen Beruf als Investigativjournalist weiter ausüben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss kritische, unabhängige Journalisten in sicheren Arbeitsverhältnissen stärken – dafür zahlen die Bürger fast neun Milliarden Euro im Jahr.
Wie werden Sie nun nach diesen Vorgängen weiter vorgehen?
Ich werde mich gegen alle Angriffe auf meine journalistische Integrität und auf meine Grundrechte der freien Meinungsäußerung und der freien Berufsausübung wehren – und weiter sagen, was ist.
Das Gespräch führte Clemens Traub.
Hinweis:
Das ZDF hat sich in einer Mail an die Redaktion wie folgt geäußert:
„Insgesamt hat sich die Redaktion frontal nahezu geschlossen den Aussagen von Andreas Halbach entgegengestellt. 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Redaktion hatten den Äußerungen von Andreas Halbach vor dem Ausschuss für Kultur und Medien des Landtags Nordrhein-Westfalen in einem Statement auf LinkedIn klar widersprochen. 13 dieser Unterzeichner und somit die Hälfte sind festangestellt. In der Redaktion von frontal arbeiten – ohne die Leitungsebene, CvDs und Redaktionsassistenz, die für das Statement nicht gefragt wurden – 15 Festangestellte und 13 freie Mitarbeitende. Fast alle Festangestellten und freie Mitarbeitenden haben somit das Statement unterzeichnet. Darüber hinaus haben fünf Mitarbeitende der Redaktion „frontal“ Beschwerden nach der Leitordnung gegen Andreas Halbach eingereicht, weil sie die vertrauensvolle Zusammenarbeit als gestört empfinden.“
„Herr Halbach wird mit einem unbefristeten Vertrag in freier Mitarbeit im Rahmen eines Tarifsystems für freie Mitarbeiter beschäftigt und nicht in Form eines ‚Kettenvertrages‘, also einer Kette von befristeten Einzelverträgen.“
„Es gab keine ‚Strafversetzung‘. Mit dem von Andreas Halbach angesprochenen Mitarbeiter war eine befristete Zuordnung zur Redaktion frontal vereinbart, die nicht verlängert wurde. Der Mitarbeiter klagte dagegen. Seine Klage wurde inzwischen in allen Punkten abgewiesen.“
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