Deutsches U-Boot vor US-Küste - Mein Großvater, vom Feind gerettet

Vor der US-Küste wurde in der vergangenen Woche ein deutsches U-Boot gefunden. Gesunken war es, getroffen von amerikanischen Bomben, im April 1944. Unter den wenigen deutschen Überlebenden war der Marinestabsarzt Friedrich Torge: mein Großvater

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(picture alliance) Amerikanische Soldaten schauen sich den Untergang der deutschen U550 an.

Irgendwie war es bisher doch immer nur eine Geschichte. Sozusagen eine von der Sorte „Opa erzählt vom Krieg“. Doch jetzt ist das zentrale Kriegserlebnis von Friedrich Torge, meinem Großvater, wie ein Bumerang zurückgekommen, holt mich und meine Familie auf unmittelbare Weise wieder ein: Vor der Insel Nantuckets, an der Ostküste der USA, hat ein Suchtrupp vergangene Woche das Wrack des deutschen U-Boots 550 gefunden. Unbemerkt hatte es hier in 100 Metern Tiefe auf dem Grund des Atlantiks gelegen. Fast 70 Jahre nach seinem letzten Gefecht wurde es nun aufgefunden und macht damit den Kernschauplatz der Erzählungen meines Großvaters für uns, die wir ohne seine damalige Rettung nicht leben würden, wieder lebendig. Unter Beschuss musste er das U-Boot im April 1944 verlassen – und überlebte.

Um sein Studium finanzieren zu können, trat der Pfarrerssohn Friedrich Torge nach dem Tod seines Vaters im September 1939 der Deutschen Kriegsmarine bei. Damals war er 21 Jahre alt. Neben der praktischen Ausbildung im Lazarett studierte er an der Pépinière, der Marineärztlichen Akademie in Berlin, und in Marburg. Der Eintritt zur NSDAP kam für ihn nicht in Frage, für sich selbst begründete er das wie folgt: „Marine und Hakenkreuz – das schließt sich aus“. Infolge eines Reitunfalls trug er zwei Zahnprothesen, war für den U-Boot-Dienst also untauglich. Doch nachdem er auf verschiedenen Kreuzern gedient hatte, präsentierte er ein gefälschtes ärztliches Attest und wurde unter Kapitän Klaus Hänert dem U-Boot 550 zugeteilt. Noch im hohen Alter, trotz Demenz, kam auf die Frage, wer sein Kommandant gewesen sei, „Klaus Hänert“, wie aus der Pistole geschossen.

Am 6. Februar 1944 lief das U-Boot in Kiel aus. Gut zwei Monate später lag es im Gebiet vor New York, an der Küste zwischen Long Island und Nantucket auf der Lauer. Am Abend des 15. April tauchte U-550 noch einmal auf, um die Batterien zu laden. Dabei konnte die Besatzung die Lichter New Yorks am Horizont sehen. Noch wussten die Männer nicht, dass am selben Tag ein US-amerikanischer Schiffs-Konvoi von New York in Richtung Großbritannien aufgebrochen war. Keiner ahnte, dass für sie alle der Krieg bald zu Ende sein würde – für die meisten sogar das Leben. Für meinen Großvater sollte der 16. April 1944 der Tag werden, den er später als seinen „zweiten Geburtstag“ bezeichnete.

Als die amerikanischen Schiffe am nächsten Morgen die Stelle des deutschen U-Boots passierten, bot sich die von Kapitän Hänert erhoffte Gelegenheit: Der Nachzügler des Konvois war die Pan Pennsylvania. Mit 140.000 Barrel Flugbenzin an Bord gehörte sie zu den größten Tankern dieser Zeit. Ein willkommenes Ziel. U-550 attackierte den Tanker mit einem Torpedo, die Pennsylvania ging in Flammen auf, 25 Mann kamen ums Leben. Doch durch die Attacke brachte sich die U-Boot-Crew selbst in Gefahr: Die amerikanischen Abwehrschiffe suchten den noch unsichtbaren Gegner. Umlagert von feindlichen Schiffen versuchte Hänert das U-Boot im Schatten des brennenden Tankers zu verstecken. Vergeblich: Die begleitenden Zerstörer USS Joyce, USS Gandy und USS Peterson spürten U-550 auf.

Seite 2: Einzige Rettung - der Sprung ins Wasser

In einer koordinierten Aktion attackierten sie es mit mehreren Wasserbomben und zwangen es so dazu, aufzutauchen. Es kam zu einem Artilleriegefecht. Der Besatzung von U-550 wurde bald klar, dass ihr Boot schnell sinken würde. Panik brach aus. Die Matrosen stritten darüber, wer das Schiff zuerst verlassen durfte. Kapitän und Offiziere, darunter mein Großvater, wurden nach hinten gedrängt. Die einzige Rettung für alle war der Sprung ins Wasser. Doch im April misst der Atlantik gerade mal fünf Grad Wassertemperatur. Als Mediziner war sich mein Großvater bewusst, dass man eine derartige körperliche Herausforderung nur für kurze Zeit überstehen würde. Also aß er, um seine Energiereserven aufzufüllen, pur ein Päckchen Butter.

Währenddessen waren die ersten Männer bereits gesprungen und schwammen im eiskalten Atlantik auf den nächstliegenden US-Zerstörer zu. Doch als sie näher kamen, wich dieser zurück. Die Männer erfroren oder ertranken. Später wurde begründet, der US-Kapitän habe Angst vor weiteren deutschen U-Booten gehabt.

Mit dem Rest der Besatzung schwamm mein Großvater auf einen anderen US-Zerstörer zu, die USS Joyce. Kurz bevor er das Schiff erreichte, bemerkte er, wie sein Körper aufgab: Ein Gefühl von Wärme breitete sich aus – für ihn erkennbar das erste Symptom des Erfrierens. Am Schiff angekommen, waren die steifen Hände schließlich nicht mehr in der Lage, das rettende Seil der Amerikaner zu greifen. Er wurde auf andere Weise hochgezogen. Damit rettete die Besatzung der USS Joyce den Männern das Leben, die wenige Momente zuvor noch versucht hatten, sie umzubringen.

Insgesamt erreichten 13 Besatzungsmitglieder von U-550 das amerikanische Schiff, 44 kamen ums Leben. Ein weiterer Mann erlag zwei Tage später seinen Verletzungen. Nach kurzer Erwägung, die deutschen Kriegsgefangenen zurück nach New York zu bringen, beschlossen die Amerikaner, sie mit nach Großbritannien zu nehmen. In Hänerts Protokoll hieß es später: „Die Behandlung an Bord war korrekt.“ Als Offizier wurde mein Großvater sogar regelmäßig mit Zigarren versorgt. Das einzige Foto seiner Gefangenschaft zeigte ihn nach der Ankunft der USS Joyce in Nordirland. Bis 1947 blieb er zunächst bei den Briten, später kam er als Kriegsgefangener nach Kanada.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war mein Großvater in Berlin als Arzt tätig, eröffnete eine Praxis. Für die Marine schlug sein Herz weiterhin. 1970 folgte die Beförderung zum Flottillenarzt der Reserve. Seine Uniform wurde damals nicht im entmilitarisierten West-Berlin, sondern in Westdeutschland verwahrt. Solange es ihm möglich war, nahm er alle paar Jahre an den Reservisten-Übungen teil. Und auch sonst prägte das U-Boot sein Leben: Am ganzen Platz war er dafür bekannt, jeden Morgen – ganz gleich bei welchem Wetter – im kurzärmligen Hemd den Hund auszuführen; Frühling bis Winter schlief er immer bei offenem Fenster und ließ auch seine Töchter so schlafen. Es war die Hitze der U-Boot-Luft, die er nicht wieder loswurde. Genüsslich strich er sich zudem immer einen halben Zentimeter dick Butter aufs Brot – ein Anblick, den ich nie vergessen werde.

Seite 3: Das Schicksal hinter der Meldung

Daneben gab es Marine-Sprüche, die er an seine Familie weitergab. An Reisetagen wurden wir Kinder geweckt mit: „Reise, Reise, aufstehen! Der Bäcker von Laboë ist da. Die Waschfrau zeigt von Achtern klar. Ein jeder weckt den Nebenmann, der erste stößt sich selber an!“ Er brachte mir bei, dass sich mit den Anfangsbuchstaben von „Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett?“ die Reihenfolge der ostfriesischen Inseln von Ost nach West merken lässt und Backbord dort ist „wo das Herz backt“.

Vor drei Jahren ist mein Großvater gestorben. Als wir an seinem Sarg standen, gab meine Cousine einen Witz wieder, den er ihr erzählt hatte: „Zwei Männer rudern übers Wasser, doch das Boot hat ein Leck und sinkt. Die beiden Männer landen im Wasser und auf einmal nähern sich zwei Krokodile. Da sagt der eine zum anderen: ‚Keine Sorge! Guck mal, da kommt die Rettungstruppe von Lacoste!‘“ – Mit dem nackten Leben von einem sinkenden U-Boot entkommen und dann solche Witze! Auch das war mein Großvater.

Seine Beerdigung fand schließlich unter der Erweisung militärischer Ehren statt. Ein Prozedere, das ich bis dahin nur aus Filmen kannte: Bundeswehrangehörige begleiteten den Sarg meines Großvaters, standen während der Trauerfeier an dessen Seite. Vorne auf lag ein großer grüner Kranz mit einer Trauerschleife in schwarz-rot-gold, vom Bundesminister der Verteidigung. Als wir schließlich dem Sarg zum Grab folgten, ertönte von der hinteren Hälfte des Friedhofs eine einsame Trompete mit der Melodie „Ich hatte einen Kameraden“. In kontrolliert militärischer Manier falteten die Soldaten die große Deutschlandfahne, die auf dem Sarg gelegen hatte, zu einem Dreieck und überreichten sie meiner Familie. Für mich ein seltsam pathetisch aufgeladener Moment.

Dass U-550 vergangene Woche wiedergefunden wurde, ist für die meisten Menschen wohl nur eine Meldung, wie der Fund eines weiteren Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch auch hinter dieser Meldung stecken menschliche Schicksale. Für mich und meine Familie schließt sich damit ein Kreis. Und weil es meinen Großvater interessiert hätte, was mit dem U-Boot-Wrack geschieht, wird meine Familie die Geschichte von U-550 weiterhin verfolgen. Vielleicht werden wir auch amerikanische Soldaten kennen lernen, die damals am 16. April 1944 bei diesem Gefecht im Atlantik dabei gewesen sind und zu Lebensrettern wurden. Auf jeden Fall geht es uns an. Stellvertretend für ihn.

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