Michel Houellebecq
Michel Houellebecq / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Marco Destefanis

„Mann des Jahres“ der Süddeutschen Zeitung - Michel Houellebecq bleibt ein lustvoller Endzeitprophet

Michel Houellebecq galt lange als reaktionärer Provokateur und Untergangsprophet – nun feiern ihn selbst jene Feuilletons als hellsichtigen Diagnostiker Europas, die ihn einst verdammten. Nicht der Autor, sondern der Zeitgeist hat sich verändert.

Autoreninfo

Gunnar Decker ist Schriftsteller und hat zahlreiche biografische Bücher verfasst.

So erreichen Sie Gunnar Decker:

Wie sich die Zeiten ändern: Es war 2016, als Michel Houellebecq den Frank-Schirrmacher-Preis erhielt und sich mit einer Rede bedankte. Er tat das im Stil seiner Bücher, voller Skepsis gegenüber jenem vom Zeitgeist als Pflicht verordneten Optimismus, den Thomas Mann einst „ruchlos“ nannte. Er sprach pointiert und provokant, wie er es nicht erst seit seinem ersten Roman „Ausweitung der Kampfzone“ 1994 getan hat. Ein notorischer Schwarzseher war Houellebecq schon mit seinen Erstlingsessays von 1991 „Gegen die Welt, Gegen das Leben“, Variationen auf sein Vorbild H.P. Lovecraft. Die Empörung auf jede seiner Wortmeldungen war programmiert. 

Cicero Plus

Ohne Abo Lesen

Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Markus Michaelis | Sa., 23. Mai 2026 - 16:40

Eine Frage ist, ob demokrat. Gesellschaften offen korrigierbar sind oder immer Wege finden müssen, auf denen sich alle Akteure als weitsichtige Treiber des am Ende als "richtig" erklärten Weges sehen können. Falls man auch korrigiert: sollte das dann mehr ein Einsehen von Fehlern sein, oder ein Einsehen, dass der "richtige" Weg in der Realität nicht ganz funktioniert?

Wichtig scheint mir auch die Balance zwischen Haltung/Werten und Demokratie. Einerseits brauchen Menschen Werte und Haltungen dazu, auf die andere und sie selber sich verlassen können. Andererseits besteht Demokratie gerade daraus, die oft gegensätzlichen Haltungen irgendwie auszutarieren und zu Entscheidungen zu kommen.

Vielleicht wäre es gut, wenn die "alte Mitte" nicht Pessimismus übernimmt, sondern ein wenig Nachdenklichkeit über den Menschen und die Welt.

"Unterwerfung" war vielleicht weniger eine Reflektion über den "drohenden" Islam, als die fehlende Nachdenklichkeit der "Mitte".

Karl-Heinz Weiß | Sa., 23. Mai 2026 - 16:48

„Hellsichtiger Prophet Europas" ?
Spengler ging es nicht vorrangig um den "Untergang des Abendlands", sondern um die Begleitumstände des Untergangs weiterer sieben Hochkulturen. Die Eigenschaft deutscher "Qualitätsmedien", unangenehme Einsichten als "umstritten" zu brandmarken, hat Michel Houellebecq als polyglotter Franzose gottlob nicht und sich deshalb mit Spengler inhaltlich auseinandergesetzt.
Wenn die SZ diesem Denkansatz etwas abgewinnen kann, wäre das erfreulich. In Deutschland hat die "Willkommenskultur" und die "Brandmauer " die von Spengler beschriebenen Verfallsprozesse sehr beschleunigt.

Rainer Mrochen | Sa., 23. Mai 2026 - 17:28

Der letzte Satz: „Der Konservatismus kann ebenso eine Quelle des Fortschritts sein, wie die Faulheit die Mutter der Effizienz ist“, hat entscheidende Bedeutung. Konservatismus erfordert stets und ständig Reflexionsvermögen gegenüber dem eigenen Tun um dann zur Erkenntnis zu gelangen wo Progressivität echten Fortschritt ermöglicht. Die Faulheit, zunächst Erhalten des Status Quo, ist gewiss die überlegene Form Erkenntnisreife um genau jenen Weg zu beschreiten, der wiederum notwendig ist, in effizientester Manier, am Fortschritt teil zu haben. Das Eine bedingt eben das Andere.

Markus Michaelis | Sa., 23. Mai 2026 - 17:42

Antwort auf von Rainer Mrochen

zulässt, denn sonst könnte man gar nicht festlegen, was denn nun progressiv sein soll. Progressiv bedeutet, dass man viele Dinge nicht diskutieren will, weil es um einen absoluten Fortschritt gehe, der nicht zu diskutieren ist. Klar gab es auch mal eine Auffassung von progressiv, dass man verknöcherte alte Wahrheiten von früheren Mehrheiten nicht mehr unhinterfragt akzeptiert und neu und frischer darüber nachdenken will, was man heute angemessen findet. Konservativ bedeutet sich darüber im Karen zu sein, dass die eigenen Sichtweisen und Werte nur eine Möglichkeit von vielen sind, aber gerade weil das so offen ist, nicht blind jede Änderung zum absoluten Fortschritt und für alleingültig in der Welt zu erklären.

Hans Süßenguth-Großmann | So., 24. Mai 2026 - 10:26

wenn der alte "Fiesling" Houellebecq der alle Untugenden ( Rauchen, Trinken, nicht gestylt) ausübt und gegen alle Weisheiten des Zeitgeistes, wie Feminismus, Toleranz u.ä. argumentiert vom Leitmedium der "politischen Correctness" der SZ ohne Verdammnis erwähnt wird. Wir werden noch eine ganze Menge einstürzender Gewissheiten erleben und deren heutige Propheten werden sich in die Amnesie retten. Deutschland ohne seinen Idealismus ist nicht vorstellbar, den haben unsere Nachbarn Gott sei Dank nicht. Deshalb gibt es noch Hoffnung für Europa.