Man sieht nur, was man sucht - Nicht reif genug für ihre Botschaft

Hilma af Klint begründete die abstrakte Malerei aus dem Geist der Theosophie und in Trance. Nun wird sie wiederentdeckt 

Abstraktes Gemälde von af Klint
© Stiftelsen Hilma af Klints Verk, Foto: Moderna Museet / Albin Dahlström

Autoreninfo

Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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Selten kommt vor, dass ein Künstlergestirn aus dem Nachthimmel der Vergessenheit wieder aufglänzt. Leichter ist es mit vergessen gegangenen Texten. Die imaginative Unschärfe der Sprache verbindet sich fließend mit Leseinteressen einer Jetztzeit. Bildender Kunst hingegen sind die trennenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zur Gegenwart auf den ersten Blick anzusehen. In der Kunstgeschichte gibt es keine verkannten Genies.

Werke 20 Jahre unter Verschluss gehalten


Was Hilma af Klint betrifft, so trug sie selber zu ihrer verspäteten Anerkennung bei. Als die schwedische Malerin 1944 starb, hatte sie testamentarisch bestimmt, ihre Werke seien 20 Jahre unter Verschluss zu halten. Af Klint hielt das Publikum für noch nicht reif, ihre Botschaft zu verstehen. Doch der gesetzte Zeitpunkt für einen Wiedereintritt in das Licht der Öffentlichkeit lag denkbar ungünstig. Wer wollte auf dem Höhepunkt von Pop-Art etwas wissen aus der Pionierzeit der Abstraktion, die inzwischen als altmodisch galt?

Während Andy Warhol Triumphe feierte mit dem Porträtieren von Suppendosen, schien die Behauptung unerheblich, wonach eine unbekannte Malerin aus Stockholm ein Jahrfünft vor Kandinsky und Kupka, vor Malewitsch und Mondrian in die Welt der gegenstandslosen Malerei vorgestoßen sei.

Weltweit verbreitete Theosophische Gesellschaft


Hilma af Klint war Theosophin. Ihr Werk belegt die Bedeutung des Symbolismus für die Klassische Moderne. Nie zuvor und nie mehr danach war der Zeitgeist einer Epoche so tiefgreifend von starken Frauen geprägt. Die Intellektuellen um 1900 studierten die Geheimlehren von Madame Blavatsky, Vordenkerin der weltweit verbreiteten Theosophischen Gesellschaft. Deren Nachfolgerin wurde Annie Besant, die sich auch als anarchistische Gewerkschafterin, Frauenrechtlerin und Kämpferin für die nationale Unabhängigkeit Indiens verdient gemacht hatte. Besant entwickelte jene esoterische Gestalttheorie, an die af Klint anknüpft.

Mittels spiritistischer Séancen


Ihre frühen Werke entstanden unter mediumistischer Trance. Regelmäßig traf sich die Künstlerin mit vier Freundinnen. Sie bildeten „Die Fünf“, wobei im schwedischen Namen der Gruppe „De Fem“ auch das Feminine mitschwingt. Während spiritistischer Séancen übertrugen sich die fünf Frauen gegenseitig Botschaften, empfangen von geistigen Führern. Unter diesem Einfluss entstand 1908 das Gemälde „Die Evolution, Nr. 13, Der Siebenstern“.

Kippfiguren zwischen Naturalismus und geometrischem Symbol


Der Kreis im Bildzentrum symbolisiert den Umriss einer prallen Gebärmutter, begleitet von zwei seitlich ausschwingenden Baldachinen, die als Eierstöcke gedeutet werden können. Deren Farbfelder changieren in Gelb und Blau: nach Goethes Farbenlehre das vorstoßend männliche und das in die Weite weichende weibliche Prinzip verkörpernd.

Die abstrakte Malerei der ersten Stunde bildet Kippfiguren zwischen Naturalismus und geometrischem Symbol. So wird die Kreisform begleitet von zwei Figuren, gezeichnet in realistischer Schraffurtechnik. Zur Linken die androgyne Mädchengestalt, in der Hand eine Schale; zur Rechten ein hockendes Wesen mit gedrungenem Köpfchen: eine aufgeweckte Klitoris, aber auch eine Eichel andeutend.

 

Die geschlechtliche Symbolik, oszillierend zwischen weiblichem und männlichem Pol, steht für die polymorphe Natur des Geschlechts. Der Hort des Werdens und Gebärens sei umstellt vom ausgreifend schöpfenden und dem erwartenden Begehren – und das in ewiger Wiederkehr, wie uns die um sich selber kreisende Ouroboros-Schlange verkündet. Die fließende Polarität von Mann und Weib wiederholt sich auf abstrakter Stufe in der Kreuzform im Kreis, verstanden als die Vereinigung des Hingelagerten und des Aufrechten. Nicht anders hat später Mondrian seine abstrakten Gitterkompositionen verstanden denn als dynamische Harmonie des Mannes in der Frau.

Begegnung mit Rudolf Steiner schien nicht gut zu bekommen


Seit 1920 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, pilgerte af Klint jahrelang nach Dornach. Doch die Begegnung mit Rudolf Steiner schien der Künstlerin nicht gut zu bekommen. Der Patriarch war gegen mediumistische Praktiken, wie sie af Klint mit ihren Freundinnen betrieb. Nicht das Unbewusste sollte raunen, sondern strahlendes Bewusstsein, verkündet vom Meister persönlich.

Dafür, dass Hilma af Klint vergessen ging, gibt es auch diskursgeschichtliche Gründe. In der Nachkriegszeit verlagerte sich das Zentrum des Kunstsystems nach New York, dessen Agenten nacheinander vom Formalismus, vom Neomarxismus und Poststrukturalismus beherrscht worden sind. Für Esoterik aus Old Europe war kein Platz. Die Geschichte der Avantgarde wurde aus amerikanozentrischem Blickwinkel bis an die Grenze der Geschichtsklitterung umgeschrieben.


Kalifornier haben eigene Beziehungsgeschichte mit Esoterik


Zu dieser Einschätzung passt denn auch, dass die einzige große internationale Ausstellung, an der af Klint gezeigt wurde, 1986 vom Los Angeles County Museum zum Thema „Okkultismus und Avantgarde“ ausgerichtet wurde. Die Kalifornier haben ihre eigene Beziehungsgeschichte mit der Esoterik, die von den puristischen Diskursmandarinen der Ostküste stets abschätzig beäugt wurde.
Gegenwärtig ist Hilma af Klint am Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. Aufgehängt im Westflügel, halten die großformatigen Gemälde auf bemerkenswerte Weise den monumentalen Arbeiten von Joseph Beuys stand. Man spürt die Nähe beider zur Anthroposophie.

Noch ist nicht ausgemacht, ob die nachträgliche Einschreibung von Hilma af Klint in den Königsweg der Moderne gelingt. Zu gegenwartsverliebt ist das Kunstpublikum heute. Die Bilder der theosophischen Schwedin aber verlangen dem Betrachter die Geduld historischen Verstehens ab. 

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