100 Jahre Wittgensteins Tractatus - Doktor Wittgensteins gesammeltes Schweigen

Vor 100 Jahren erschien Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ und revolutionierte, Logik, Mathematik und Lebensphilosophie. Für unseren Kolumnisten ist das kleine Büchlein zudem die passende Lektüre für den morgigen Wahlsonntag.

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Ludwig Wittgenstein im Jahr 1947 / dpa

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Was macht man an einem Wahlwochenende, wenn alle Welt auf die Bildschirme starrt, wenn ab 18 Uhr die Medienmaschine angeschmissen wird, wenn die Nachrichten durch die Netzwerke jagen und die Meinungsmacher schneller Meinungen produzieren als Gedanken? Wandern wäre eine passende Idee. Denn diesen Irrsinn kann man eigentlich nur ertragen, indem man sich ihm konsequent entzieht. Und wo ist man weiter weg von den lässlichen Dingen der Welt als in der Einsamkeit der Berge oder der Stille der Wälder?

Aber nicht jeder hat die Alpen vor der Nase oder den Schwarzwald. Dann müssen die eigenen Gedanken herhalten als Fluchtort vor der penetranten Obszönität der Welt und ihren Sondersendungen und Schwerpunkten. Eine naheliegende Meditationshilfe an Tagen des anschwellenden Irrsinns ist natürlich Ernst Jüngers „Der Waldgang“, der Literatur gewordene Versuch, sich dem Fatalismus zu verweigern und Lebenssinn in der Einsamkeit der Freiheit zu finden. Darin entdeckt man dann so schöne Zeilen wie: „Die Grundfrage in diesen Wirbeln lautet, ob man den Menschen von der Furcht befreien kann. Das ist weit wichtiger, als ihn zu bewaffnen oder mit Medikamenten zu versehen. Macht und Gesundheit sind beim Furchtlosen.“ Passt eigentlich ganz gut in unsere Zeit.

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Joachim Baumeister | Sa, 25. September 2021 - 09:19

Über was man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Den Satz sollte man über das Internet hängen. Uns bliebe mancher Meinungsmüll erspart.

Wilhelm Herbst | Sa, 25. September 2021 - 10:11

Vielen Dank für Ihre´n therapeutisch-literarischen Ratschlag. Erfrischend, wie Sie einen Schritt heraus aus dem Theater machen. Zu Wittgenstein: Das Schweigen ist nur dann sinnvoll, wenn es kein Schweigen der Gedanken ist. Wer weniger redet, hat mehr Zeit nachzudenken. Dass man über die eigenlich bedeutsamen Dinge des Lebens nicht sinnvoll reden kann, erschließt sich mir nur aus der menschlichen Begrenztheit. Letztlich ist das Leben tatsächlich irgendwie oder irgendwas; wir wissen es halt nicht genau. Für mich ein Grund, demütig zu sein und mich Gott zu öffnen.

Walter Bühler | Sa, 25. September 2021 - 10:43

... nachdem er den Tractatus veröffentlicht hat.
Seinen berühmten Satz würde ich deshalb so umschreiben: "Wenn man etwas nicht völlig verstanden hat, dann soll und darf man nicht so reden, als hätte man es verstanden."

Herr Grau, Sie schreiben: "über die eigentlich bedeutsamen Dinge des Lebens lässt sich nicht sinnvoll reden." Das stimmt zum Glück nicht ganz: man kann durchaus darüber reden, aber keiner darf glauben - oder andere glauben machen -, dass das, was er über diese Dinge weiß, die reine, unverstellte Wahrheit wäre. Ein solches Gespräch ist also nur dann fruchtbar, wenn jeder Teilnehmer den sokratischen Grundsatz beachtet: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Aber natürlich: Um ein solches ernsthaftes Verhältnis an der Wahrheit zu entwickeln, schadet es nicht, sich ernsthaft mit Logik, Mathematik und den Naturwissenschaften zu beschäftigen.

Die heutige Wahlkampfsprache ist jedenfalls in der Tat von einem solchen Sprachverständnis unendlich weit entfernt, da haben Sie recht.

das dachte ich mir so ungefähr, "Logik, Mathematik und Naturwissenschaften".
Dann gibt es noch Wesen wie mich, Musik/Miteinander sprechen, Philosophie/Poesie und Transzendenz(Theologie).
Gott sei Dank habe ich einen starken Hang zur Natur, obwohl mich die Rangordnung immer gestört hat, aber nicht nur mich, siehe Schiller "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", die Romantik überhaupt.
Das korrspondiert immerhin dem Sinnen von nicht wenigen Männern, dass der Name der Erlösung Frau ist.
Mann sollte sich nicht zu klein machen:)

W.D. Hohe | Sa, 25. September 2021 - 10:48

Letztendlich wurde und wird alles Unterhaltung...
Dass dies so ist, sich so "entwickeln" konnte entlarvt das in der Sache tödliche, sich selbst DARAUS am Leben erhaltende System, den Vampir dahinter.
Wenn Nichtschwimmer ohne Gegenstimme als Sieger präsentiert werden können, dann liegt die Verantwortlichkeit nicht beim Nichtschwimmer.
Und wenn Letzterer dem aufbrausenden Jubel die Ihnen überreichte Siegesmedaille entgegen halten, dann sind wir beim Thema Mensch.
Wenn das für alle Inszenierenden und Inszenierte keine Konsequenzen hat - dann sind wir bei dem,der,die,das -
was Politik genannt wird. Und wenn dem applaudierenden Publikum vor der Rampe klar wird, dass Politik nur die Beschreibung eines Zustandes ist dann sind wir ???
Bei "Ihrem" Wittgenstein, Herr Grau

G.Siegwart | Sa, 25. September 2021 - 19:22

Ganz einfach schreiben, was ich mitteilen will. Ohne Berufung auf vermeintlich gelegene Autoritäten. Im „Tractatus“ geht es um sprachphilosophische, sprachkritische Fragen. Nicht um Schweigen. Inwiefern produziert Philosophie ihre Probleme durch einen unpräzisen, unhinterfragten, schlampigen Sprachgebrauch? Welchen Bezug hat Sprache zur sichtbaren, erfahrbaren Wirklichkeit? Können Abstrakta angemessen die Wirklichkeit erfassen. Oder gibt es diese angebliche Wirklichkeit nicht? Kann ich über Nichtwirkliches, als greifbares Ding, sprechen?

Da macht es sich dann doch so mancher Wittgenstein-„Kenner“ und Hobbyphilosoph mit platten Sprüchen zu einfach.

Nach dem Tod ist niemand vor Missbrauch geschützt.

helmut armbruster | So, 26. September 2021 - 07:56

denn nur allzu oft verdirbt es jede Lebensfreude.
Nehmen wir z.B. den Kuss.
Wenn man anfängt darüber nachzudenken kann man schnell zu dem Ergebnis kommen, der Kuss ist eine Austausch von Bazillen.
Was ist damit gewonnen? Nichts! Man hat sich nur den Spaß an der Freude verdorben.
Deshalb empfiehlt ein lateinsiches Sprichwort "Primum vivere, deinde philosophari" (Erst leben, dann philosophieren).

Ernst-Günther Konrad | So, 26. September 2021 - 10:09

"Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken. Denn wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst, aber richtig denken tust du nie!"

Übrigens Herr Grau, Sie schreiben: " Wittgensteins Büchlein, es ist das einzige, das er zu Lebzeiten veröffentlicht hat, hat eine eigenartige Entstehungsgeschichte."
Ich frage mal: Hat er denn posthum weiteres veröffentlicht? Haben es Angehörige getan?
Ich vermute mal, da haben Sie sich in Ihren Gedanken verlaufen.
Nichts für ungut. Passiert mir auch.
Nein ich gehe heute nicht in den Wald oder in die Berge, ich lebe im Flachland. Die Familie mit Enkelkind kommt und wir essen Forelle und Makrele, von einem Kollegen selbst gefangen. In der Familie kann man sich auch dem Wahlwahnsinn entziehen, wenn man es will.

G.Siegwart | So, 26. September 2021 - 13:40

Ganz einfach schreiben, was mitgeteilt werden soll. Ohne Berufung auf vermeintlich gelegene Autoritäten. Im „Tractatus“ geht es um sprachphilosophische, sprachkritische Fragen. Nicht um Schweigen. Inwiefern produziert Philosophie ihre Probleme durch einen unpräzisen, unhinterfragten, schlampigen Sprachgebrauch? Welchen Bezug hat Sprache zur sichtbaren, erfahrbaren Wirklichkeit? Können Abstrakta angemessen die Wirklichkeit erfassen. Oder gibt es diese angebliche Wirklichkeit nicht?
Da macht es sich dann doch so mancher Wittgenstein-„Kenner“ und Hobbyphilosoph mit platten Sprüchen zu einfach.

Bernd Muhlack | So, 26. September 2021 - 17:16

Dr. Murkes gesammeltes Schweigen!
In meiner Sturm-und Drang-Zeit las ich sehr viel.
Auch Böll, Grass, Hesse, Kafka, Sartre und und und
All diese Bücher besitze ich noch ...

Bekanntlich bin ich des Öfteren Gast in Kliniken.
Ein neuer Zimmernachbar.
"Lern-Schwester" Leonie fragte ihn nochmals wegen eines Patiententestaments.
"Patiententestament?"
"Ja also, Regelungen für den Notfall - wenn Sie etwa nicht mehr sprechen können oder so."
Lange Pause - Grübeln.
Herr Muhlack mischt sich ein:
"Dann möchte ich schweigen!"
Leonie lachte und Daumen hoch!
Das war nur eine "Park-Ausbildung", inzwischen ist sie Ärztin.

Reden ist Silber - Schweigen ist Gold sagt der Volksmund.
Volksmund? Ein gar böses Wort, oder?

Meine Tochter spricht eher schneller als Frau Baerbock - und das mehrsprachig.
Im Gegensatz zu mir ist sie ein Sprachtalent.

Es ist sehr hilfreich, wenn man erkennt, dass Schweigen das Gebot der Stunde ist.
Vor allem bei Gericht und als Politiker.
Herr Scholz hat das verstanden, oder?

Fritz Elvers | Mo, 27. September 2021 - 01:08

Gute Idee. Da im Wahlkampf, abgesehen von Polemiken, Hass und anderem Gegrunze, die zukünftigen Prioritäten ausgehandelt und demokratisch entschieden werden sollen, so die Theorie, wäre Wittgenstein wohl nicht anwendbar. Alle müssten schweigen.
"Strenggenommen nämlich, so Wittgenstein, sind nur Sätze der Naturwissenschaften sinnvoll...".
Aber auch das nicht, weil eben auch diese mit neuen Erkenntnissen fallen können.

Dennoch ist der Hinweis von Herrn Grau bedeutsam. Z.B. reden alle von einer Erneuerung des Landes. Und alle meinen etwas anderes.

„Tractatus logico-philosophicus“ – 8,00 €, auch kostenlos dreisprachig als pdf, passt auf jedes Daddel-Smartphone für die Busfahrt. Die Schüler werden sich drum reißen.

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