Literatur-Kanon für Polit-Serien - Diese Bücher sollten „House of Cards“-Fans lesen

Seit Netflix sprechen Serien-Junkies vom „Binge Watching“, dem „Komaglotzen“. Aber können Polit-Serien wirklich helfen, Politik und Verwaltung zu verstehen? Ja, meint Kai Wegrich von der Hertie School of Governance – wenn man die richtigen Bücher dazu liest. Er hat eine TV-Literatur-Liste erstellt

In dem Politthriller „House of Cards“ versucht der ruchlose US-Abgeordnete Francis „Frank“ Underwood (Kevin Spacey), mit allen Tricks und Intrigen Washington, D.C. zu erobern
Netflix

Autoreninfo

Kai Wegrich ist Verwaltungswissenschaftler an der Hertie School of Governance, wo er „Public Administration and Public Policy“ lehrt. Zuvor gab er Kurse an der Humboldt Universität Berlin, der RAND Corporation (Berlin und Cambridge) und der London School of Economics. Er ist Herausgeber von „Public Administration and Mitherausgeber der Reihe „Executive Politics & Governance“

So erreichen Sie Kai Wegrich:

Bei Politikfreaks stehen „House of Cards“ (2013-) und „Homeland“ (2011-) ganz oben auf der Liste. Die aktuellen Folgen von „Homeland“ sind für Berliner wegen des Schauplatzes natürlich besonders interessant. Der Klassiker „House of Cards“ bietet eine sehr gute Einführung in das US-Regierungssystem, besonders in Kombination mit „The Politics of Presidential Appointments: Political Control and Bureaucratic Performance“ (Princeton University Press, 2008) von David E. Lewis. Die Lektüre ermöglicht es, Präsident Underwoods Arbeitsmarktprogramm „America Works“ und seinen Umgang mit der Katastrophenschutzbehörde FEMA in einen sinnvollen Zusammenhang zu stellen. Zum besseren Verständnis der Besonderheiten des öffentlichen Dienstes in den USA gehört zudem Hugh Heclos Klassiker „A Government of Strangers: Executive Politics in Washington“ (Brookings Institution Press, 1977) auf die Lektüreliste. Für eine analytische Betrachtung der bürokratischen Politik innerhalb der so genannten „Nachrichtendienstgemeinschaft“ ist es daneben immer wieder empfehlenswert, J.Q. Wilsons „Bureaucracy“ (Basic Books,1989) zur Hand zu nehmen.

Die BBC-Serie „Yes, Minister“ (1980-1988) ist Pflichtprogramm für alle Verwaltungswissenschaftler und lohnenswert für Praktiker. Glücklicherweise gibt es einen würdigen Nachfolger, der es uns ermöglicht, die radikalen Veränderungen im Inneren von „Whitehall“, dem Londoner Regierungsviertel, seit den 80er Jahren auf unterhaltsame Weise zu studieren: „The Thick of It“ (2005-2012) zeigt die neue Welt von Spin-Doktoren und Special Advisors und wie sich deren Rolle auf Politik auswirkt. Die ideale Lektüre hierzu ist „The Politics of Public Service Bargains” von Christopher Hood and Martin Lodge (Oxford University Press, 2006). Das Buch analysiert in einzigartiger Weise die veränderten Beziehungen zwischen Politikern und Bürokraten, und das nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland (leider fehlt uns hierzulande – noch, hoffe ich – die passende TV Serie dazu). Die im Buch beschriebenen Täuschungs- und Schuldzuweisungsstrategien in den Beziehungen zwischen Politikern und Bürokraten lassen sich in der Serie wunderbar wiedererkennen – und umgekehrt.

Der dänische Klassiker: „Borgen“


Spin-Doktoren, Machtspiele, politische Feldzüge sind auch die Hauptzutaten von „Borgen“ (2010-2013) – der dänischen Polit-Serie. Ich empfehle sie nicht nur wegen ihrer hohen Qualität, sondern auch weil sie einen speziellen skandinavischen Blick auf die Politik bietet. Hier geht es nicht so sehr um einzelne Führungspersönlichkeiten, sondern um Koalitionsbildung und Kompromisse. Langweilig ist das nicht, auch im dänischen Königreich von „Borgen“ gibt es reichlich Dramen. Die Serie ist ein guter Ausgangspunkt, um sich mit der speziellen – auf Kooperation und Vertrauen basierenden – Politik- und Verwaltungskultur der nordischen Länder zu beschäftigen, bzw. mit deren Mythos. Werner Janns „Die skandinavische Schule der Verwaltungswissenschaft: Neo-Institutionalismus und die Renaissance der Bürokratie“ (Politische Vierteljahresschrift (2006) Sonderheft 37, 121-148) ist die ideale wissenschaftliche Einführung in diese Welt.

Politik und Verwaltung finden aber nicht nur auf der großen Bühne statt, sondern auch auf der Straße. „House, M.D.“ (2004) zeigt diesen Teil der Welt des öffentlichen Dienstes anhand des Krankenhauses. Interessant wird die Serie vor allem, wenn man den Führungsstil von House aus einer Public-Management-Perspektive betrachtet: Zynismus und Konfliktorientierung sind nicht (nur) Charaktereigenschaften, sondern auch eine Form der Führung, die auf die Vermeidung von „Group Think“ gerichtet ist. Man beachte, wie House während des Assessment-Centers für die Besetzung von Positionen  in seinem Team dafür sorgt, dass die Auswahlkriterien undurchschaubar bleiben, so dass die Kandidaten sich nicht auf der Grundlage festgelegter Kriterien vorbereiten können. All das könnte aus einem Public-Management-Handbuch fatalistischer Prägung stammen – siehe Christopher Hoods „The Art of the State“ (Oxford University Press, 2000). Leser von Hood werden dann auch verstehen, warum ein Hierarchist (Cuddy) und ein Egalitärer (Wilson) notwendig sind, damit diese Strategie umsetzbar wird – und warum es dann immer noch zu endlosen Konflikten kommt.

Gefängnisbürokratie anhand von „Orange is the New Black“ studieren


Auch „Orange is the New Black“ (2013-), die Serie über ein Frauengefängnis, bietet exzellentes Material für das Studium von Bewältigungsstrategien öffentlich Bediensteter, in diesem Fall von Gefängniswärtern, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten – knappe Ressourcen, bürokratische und widersprüchliche Regeln, opportunistische Vorgesetzte, feindselige Klienten, etc. In Kombination mit Wilsons „Bureaucracy“ und Michael Lipskys „Street-Level Bureaucracy“ (Russell Sage Foundation, 1979) vermittelt die Serie ein exzellentes Verständnis der Verhaltensmuster der Gefängnis-Bürokratie. Für ein erweitertes Studium dieses Themas empfehle ich „The Wire“ (2002-2008), das im Kontext einer Stadtverwaltung (Baltimore) die Perversionen von Leistungsmessung und -management in unterschiedlichen Bereichen lehrbuchartig aufzeigt.

Wie für die (guten) Serien selbst gilt auch für diese Liste: Erweiterung, Fortsetzung und „Specials“ sind nicht ausgeschlossen – die neue Serienwelt bietet fast unbegrenzte Möglichkeiten, um zu zeigen, wie spannend Politik und Verwaltung sind – und dass wissenschaftliche Literatur nicht nur schlau, sondern auch unterhaltsam sein kann.

Die englische Originalversion ist auf dem Studenten-Blog der Hertie School „The Governance Post“ erschienen.

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