Selbstlosigkeit versus Egomanie - Lieben – oder lieber lassen?

Kolumne „Zwischen den Zeilen“. In der Partnerwahl gibt es scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Wie kann die echte Liebe da noch überleben? Und haben wir darüber die Fähigkeit zur Selbstliebe verloren?

Das Glück in der Liebe zu suchen, wird zur gesellschaftlichen Konvention
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Autoreninfo

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Wer gefühlsduseligen Zuspruch in der Literatur sucht, ist mit Philip Roth schlecht beraten. In Roths Roman „Sabbaths Theater“ onaniert der Protagonist und Puppenspieler Sabbath auf das Grab der Geliebten. Es ist seine Art der Trauer. Und während der Leser noch darüber nachsinnt, ob er diesen Akt für eine wunderliche Perversion im besten Sinne halten und verurteilen soll, lässt der Autor die vielen anderen Liebhaber der Toten nach und nach ebenfalls auf das Grab der Geliebten masturbieren.

Die Individualität des Scheiterns
 

So entsteht Komik und Bande. Ein Liebesritual schwitzender, masturbierender, alternder Männer, die sich nicht anders zu helfen wissen, als ein diffuses Gefühl (das man durchaus Liebe nennen könnte) fleischig und wulstig auf ein Grab und in die Welt zu tragen. Der Onanieakt wird schließlich zur alle einenden Gemeinsamkeit. Der Lebenden wie der Toten. Zu einer in seiner verzweifelnden Ausführung durchaus tröstenden Handlung.

In Roths bizarrer Geschichte steckt die Erkenntnis, dass sich Menschen sogar in der vielleicht extremsten Form einer Liebesbekundung ähneln. In der Liebe sind wir alle gleich. Austauschbar. Sie ist die wohl schönste Form der Beliebigkeit. Glück egalisiert. Erst im Scheitern erwächst so etwas wie Individualität.

Doch auch in der Liebe will man gleich und gleichzeitig anders sein. Sabbath ist anders und dennoch nicht anders genug.

Es gilt, leidenschaftlich zu lieben, wie es das Bild der romantischen Liebe in Literatur und Film vorgibt – und dabei sein Glück ganz individuell zu finden. Die Liebe scheitert nicht selten bei eben diesem Versuch, das individuelle Glück auf einem kollektiven Versprechen zu betten.

„Millionen Menschen verschwenden riesige Mengen Energie, indem sie verzweifelt versuchen, die Realität ihres Lebens mit dem unrealistischen Mythos der romantischen Liebe in Einklang zu bringen“, schreibt der Psychiater M. Scott Peck.

Liebe wird heute an unerhörte Erwartungen geknüpft. Das Glück in der Liebe zu suchen, wird zur gesellschaftlichen Konvention. Liebe wird zum Ideal, teilweise bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen. Wer nicht liebt, lebt nicht. Zu lieben wird zentraler Bestandteil im festen Programm individualisierter Selbstverwirklichung. Wir knüpfen all unser Glück dieser Welt an ein einziges Gefühl. An einen einzigen (möglicherweise zuvor völlig fremden) Menschen. Die Gefahr des Scheiterns ist dabei permanent. Oder spieltheoretisch gesprochen: Liebe wird zum wohl größten Risiko, dass der moderne Mensch einzugehen bereit ist.

Der innere Druck
 

Das das nicht immer gut gehen kann – von dieser Erkenntnis leben ganze Industrien. Doch zu dieser Grundproblematik, der Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität, gesellt sich ein weiterer Faktor: der Markt.

Sven Hillenkamp fragt in seinem Buch „Das Ende der Liebe: Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“, wieso ausgerechnet in Zeiten der Wählbarkeit die Liebe nicht der Wahl, dem Kalkül, der ständigen Sehnsucht nach etwas Besserem unterliegen sollte. Die leidenschaftliche Liebe tritt heute an gegen die permanente Gelegenheit in permanenter Freiheit. Bei Hillenkamp kann man wunderbar nachlesen, wie sich die Liebe heute gegen die Freiheit etablieren muss. Gegen die vielen Möglichkeiten, die zumindest in der Theorie dem Liebeskonsumenten zur Wahl stehen. Hillenkamp schreibt: „Die Liebe kann nicht nur an ihren Unmöglichkeiten scheitern, sondern auch an ihren Möglichkeiten.“ Psychologen nennen dieses Phänomen „Paradox of choice“. Maximale Freiheit basiert nur scheinbar auf maximaler Auswahl. Denn ein Zuviel an Möglichkeit, ein Zuviel an Freiheit hat letztlich den gegenteiligen Effekt und lähmt.

Dieser Lesart zufolge nimmt der Druck auf die Liebenden zu. Mehr noch, er entsteht im Individuum. Der Druck, der einmal ein gesellschaftlicher war, wird durch einen inneren ersetzt, dem Druck glücklich zu sein, den optimalen Partner zu finden, sich im anderen zu finden. Frank Schirrmacher beschreibt in seinem Buch „Ego“ das Prinzip einer Ich-Gesellschaft mit eben dieser Grundstruktur. Das ökonomische Optimieren des Selbst wird zur Tugend. Wir suchen die Schuld zuallererst bei uns selbst. Insofern ist die neue Freiheit, die das Lieben erschwert, eine dem Individuum überantwortete Freiheit. Eva Illouz skizziert in ihren Werken über die Liebe wie Psychologen aus allen Schulen das geltende Narrativ einer Selbstverbesserung des Subjekts des 20. Jahrhunderts geschaffen haben. Was früher ein moralisches Problem war, wurde in ein innerpersonales Problem verwandelt. Auch die Liebe sei davon berührt.

Die Feministin Laurie Penny geht noch einen Schritt weiter. Sie verortet das Grundübel zwar ebenfalls systemisch. Die Frau als Idealressource des modernen Kapitalismus habe aber doppelt zu leiden: „Natürlich werden wir nie genügen. Wir können nie genügen. Nur perfekte, schöne Frauen haben Liebe und Erfüllung verdient. Wir aber sind schwach, hässlich, faul und fett. Wenn wir nicht glücklich sind, sind wir selber schuld. Wir hätten uns eben mehr anstrengen sollen“, polemisiert Penny in „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen, Revolution“.

Auch die Naturwissenschaften helfen dem Liebenden nicht. Im Gegenteil: Der Zeitgeist der Beliebigkeit weiß die Wissenschaft auf seiner Seite. Sie seziert die romantische Liebe mit ihrem kalten Skalpell der Empirie. Die Neurobiologen erklären und klassifizieren die biochemischen Prozesse des Verliebtseins, erklären, welche Botenstoffe wo wirken, wie viel Dopamin ausgeschüttet, Adrenalin abgesondert und Pheromone freigesetzt werden. Und sagen, wann sich der Körper an den Cocktail gewöhnt hat, wann das Gefühl nachlässt. Die WHO spricht von maximal 36 Monaten, dann hat der Liebesrausch ein Ende. Und auch die Evolutionsbiologie trägt zur Entmystifizierung der Liebe bei. Sie beschränkt das Gefühl auf seine evolutionsbedingte Funktion. Die Liebe wird zum Stabilisator einer Paarbeziehung auf Zeit: Bis der Nachwuchs flügge wird.

Freiheit das Problem?
 

Vielleicht aber sind diese Theorien, die evolutionsbiologische Ursachen und/oder den neoliberalen Zeitgeist für die ungünstige Situation der Liebenden verantwortlich zeichnen, vielmehr Teil des Problems. Weil sie es dem Liebesrezipienten sehr einfach machen, ihm gleich die Erklärung mitliefern, Rechtfertigungen, warum er nur scheitern kann.

Möglicherweise ist alles viel grundsätzlicher: Verwechseln wir nicht viel zu oft das Gefühl der Liebe mit dem Verlangen danach, geliebt zu werden? Vielleicht sind es einfach zu viele, die geliebt werden wollen, aber zu wenige, die bereit sind, selbst zu lieben. Die perfekte Balance von lieben und geliebt werden findet man wahrscheinlich nur in der Mutterliebe. Und so jagen wir ein Leben lang diesem Gefühl hinterher. Der echten ersten Liebe. Einer bedingungslosen. Was dann folgt, ist die ewige Suche nach dem mütterlichen Schoß. Jeder, der diese radikalste Form der Liebe erfahren durfte, dem kann womöglich auf der Suche nach einer ihr ähnelnden Variante im Laufe des Lebens nur Enttäuschung begegnen.

Vielleicht deshalb gehen wir mit einem Knacks durch die Welt. Wir alle. In allen Kulturen. Zu allen Zeiten.

Womit wir wieder bei Sabbath wären: Er ist der freigeistige, nimmermüde Sarkast, der glaubt, das heimische „Familienglück“ nur dauerhaft ertragen zu können, indem er außerehelichen Sex kompromisslos lebt. Der freiheitsliebende Sonderling, der promiskuitiv und verantwortungsfrei romangleich durchs Leben irrt. Er tut alles, um nicht geliebt zu werden – und doch nicht genug, um nicht mit voller Kraft in sie hineinzustolpern. Nicht nur für Sabbath gilt: Wer nichts von der Liebe weiß oder wissen will, weiß alles über sie.

Sabbath irrt und liebt. Und mehr können wir vielleicht tatsächlich nicht tun.

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