Liberalismus
Der Mensch gehört zuerst sich selbst / picture alliance / Zoonar | Max

Freiheit oder Kollektivismus? - Warum ich eine Liberale bin

Die Idee des Liberalismus ist einfach, aber radikal: „Ich gehöre zuerst mir.“ Was eine Zumutung für fast jede politische Theorie, jede Religion und jede Gemeinschaftserwartung ist, vertritt unsere Autorin aus tiefster Überzeugung. Hier erklärt sie, warum.

Autoreninfo

Mirjam Epstein studiert Soziologie und hat redaktionelle Stationen an der Axel Springer Akademy (Welt), dem österreichischen Exxpress und bei Cicero absolviert.

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Liberal sein – was ist das heute noch? Begriffe müssen immer wieder auf ein gegenwartsfähiges Niveau angehoben werden, um anschlussfähig zu bleiben – für den politischen Diskurs ebenso wie für den über richtige oder falsche Moral. Oft bleibt dabei die intendierte Bedeutung hinter dem eigentlich Gemeinten zurück. 

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Markus Michaelis | Di., 29. Juli 2025 - 18:53

Sie tun gut. Ich empfinde es (auch?) so, dass die Mitte der Gesellschaft zunehmend schwer verdaulich geworden ist in ihren Positionen der Welt gegenüber. Persönlich sind alle super nett, aber sobald es ans Grundsätzliche geht, ist alles voll mit Wahrheiten, Gewissheiten und wenig Fragen. Am Ende ist alles Menschenrechte und Feinde der Menschenrechte - bis ins Detail festgelegt, für alle Menschen, allerdings ohne diese zu fragen. Es reicht, wenn man sich selber als zuständig und kompetent für die letzten Wahrheiten erklärt hat.

Freiheit ist wichtig, aber auch nicht alles. Der Mensch ist zwischen vielen Polen aufgespannt, viele Ziele widersprechen sich. Bis zu einem Grad entscheidet man sich für ein bestimmtes Menschsein, und damit gegen ein anderes.

Wichtig ist eine Offenheit über diese Begriffe und ihre Konsequenzen und den Menschen nachzudenken. Das tut unsere Mitte nicht mehr: da gibt es nur noch Menschenrechte, Wahrheit, Klima, alles klar ... für alle ... keine Fragen.

Markus Michaelis | Di., 29. Juli 2025 - 19:11

Das ist glaube ich ein großes Thema.

Ich glaube auch sofort, dass eine Gesellschaft einen Minimalkonsens braucht - gemessen an der Freiheit des Menschen sogar einen stark einschränkenden Konsens.

Einstellungen zu Familie, Wert des Individuums, Leistung, Fortschritt, Traditionen, Ehre, Gott, Wahrheit, Kindern, Arbeit und tausend Dingen mehr können sehr verschieden sein. Vieles passt nicht gut zusammen.

Eine Gesellschaft ist wie eine Paarbeziehung auch nicht statisch: es wird nur funktionieren, wenn alle bereit sind, sich fortlaufend auf einen neuen, angepassten Minimalkonsens zu einigen.

Unsere Gesellschaft hat die Neigung diesen Konsens durch soetwas wie die eine Wahrheit ersetzen zu wollen - es ist keine Entscheidung und Einigung notwendig, weil es für alle nur ein echtes Menschsein gibt.

Ich kann nicht sehen, was das mit der Realität zu tun hat. Ich sehe aber, dass die einzelnen Gruppen immer auch ein Stück weit so eine nicht antastbare Wahrheit brauchen. Aber jede ihre Wahrheit.

weil ich keine ausgewiesene Liberale bin, las dann aber doch im Sinne Kants SAPERE AUDE.
Der Text ist zugegeben komplex und sehr persönlich.
Das gehört dann aber auch zu ihr.
So früh hat die Autorin Nietzsche gelesen; Nietzsche ist weder leicht noch bekömmlich.
RESPEKT
Aber ich sehe da eine Ähnlichkeit in der Wirkmächtigkeit des Textes.
Was die Autorin für die Universitäten beschreibt, macht mir Sorgen.
Aber sicher durfte ich dort Carl Schmitt lesen, denn wir waren noch in einer Aufarbeitung des Scheiterns der Weimarer Republik und Schmitt wurde m.E.n. auch als recht(s)philosophischer Intellektueller gelesen.
Vielleicht einmal interessant, darüber zu forschen, wie sehr ihn Nietzsches Werk beeinflusst hatte.
Der Text lässt erahnen, dass die Autorin sich schon mit sehr vielem beschäftigte.
Ich möchte sie nur von Weitem respektvoll bestärken, Gelesenes einwirken zu lassen und anhand persönlicher Erfahrungen zu verarbeiten.
Sie drängt evtl. geradezu danach, ein SELBST zu werden.
Alles Gute

Jens Böhme | Di., 29. Juli 2025 - 19:39

Betreutes Lesen. Betreutes Rechnen. Betreutes Denken. Betreute Kognition. Betreutes Fühlen. Betreutes Essen und Trinken. Betreutes Leben. - Die überbordende Informationsfreiheit tut der Menschheit nicht gut. Internet ist die Geißel für Politik und Regierungen einerseits sowie für deren Wähler andererseits.

Gerhard Hellriegel | Mi., 30. Juli 2025 - 10:08

Schauen Sie sich in Ihrem Zimmer um. Was davon haben Sie von Grund auf selbst gemacht, was gäbe es ohne die Kooperation im Kollektiv nicht? Diese Decke haben Sie selbst gehäkelt? Prima. Und die Wolle? Und die Stricknadeln?
Sie denken selbst? Prima. Und die Anderen, die nicht? So schnell wird aus der Forderung nach sanktionsfreiem Spielraum eine Wahnidee: Ich gut, Kollektiv böse.

Ernst-Günther Konrad | Mi., 30. Juli 2025 - 10:40

Ich habe kein Problem mit Ihrer Gedankenwelt. Das kann man so denken und leben, dass muss man aber nicht. Wenn sie sich selbst genügen und als "radikal liberal" einschätzen und das auch so leben, ist das Ihre Sache. Nur Vorsicht. Der Begriff "radikal" ist längst negativ konnotiert. Sie wissen doch. Radikal = rechtsextrem = nationalistisch = Nazi. Wenn Sie also selbst "radikal" sein wollen laufen sie Gefahr genau dort verortet zu werden, wo sie eigentlich nicht hinwollen. „Ich gehöre zuerst mir.“ Das können sie für sich so verstehen. Nur gehört ein Teil eben nicht nur einem selber, sondern ist ein Teil der Gesellschaft. Ob sie wollen oder nicht. Die persönliche Freiheit endet dort, wo die des anderen anfängt. Und damit ist Ihre persönliche radikale Freiheit auch nur begrenzt. Und Menschen, die nur in ihrem eigenen Kokon leben, die nur sich selbst sehen und andere ausblenden, die sind für mich nicht radikal frei, sondern einsam und haben den Sinn des Lebens nicht verstanden.

Chris Gustav | Mi., 30. Juli 2025 - 20:38

danke, das hat auch mir als 56jährigem neue Impulse gegeben: Im Kern steht Liberalismus nicht als Wirtschaftsform oder Parteiprogramm, sondern als Haltung gegenüber dem Selbst: Der Mensch gehört zuerst sich selbst. Die Idee ist einfach, aber radikal: „Ich gehöre zuerst mir.“ Und das ist, ehrlich gesagt, eine Zumutung – für fast jede politische Theorie, jede Religion, jede Gemeinschaftserwartung, die je formuliert wurde.

In meiner Generation imaginiert man die Welt gern als wohltemperierten Safe Space, den man nach Belieben umgestalten soll. Wenn sich postmoderne Feministen oder postkoloniale Sittlichkeitswächter auf ein Feindbild einschießen, wenn Verächter des Kapitalismus meinen, der Markt sei unfair, dann deshalb, weil sie unter dem Gewicht der Eigenverantwortung zusammenbrechen." Hervorragend zusammengefasst-danke!