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Digitales Lesen - Das Ende des Bildungsbürgers

Nichtlesen ist eher die Regel als die Ausnahme: Digitale Techniken machen das Leseverhalten transparent – und entlarven so den Typus des Bildungsbürgers. In Kooperation mit dem Tagesspiegel

Autoreninfo

Anna Sauerbrey ist Meinungsredakteurin beim Tagesspiegel.

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Beginnen wir mit einem Bekenntnis: Ich habe „Die Schlafwandler“ nicht gelesen. Christopher Clarks episches historisches Werk über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegt seit Jahresbeginn auf dem Couchtisch. Aber über die – immerhin thrillermäßig blutlüstern beschriebene – Ermordung des serbischen Königspaares Alexander und Draga auf den ersten 20 Seiten bin ich nicht hinausgekommen. Ich bekenne auch, dass „Die Schlafwandler“ kein Einzelfall ist. Im Bücherregal stehen viele dieser intellektuellen Attrappen. Jede Etage hat ihre Man-müsste-Mals, Dokumente des Scheiterns, die auf jene speziellen Buchladen-Momente zurückgehen, Momente der Euphorie, in denen einem die eigenen geistigen und zeitlichen Kapazitäten unerschöpflich erscheinen.

Amazon gibt an, welche Passagen auf dem Kindle am häufigsten markiert wurden
 

Jordan Ellenberg, ein Mathematiker von der University of Wisconsin, hat kürzlich ausgerechnet, dass dieses Nicht-Leseverhalten eher die Regel als die Ausnahme ist. Vieles auf den Bestsellerlisten dieses Sommers dient offenbar vor allem als Untersetzer für den Aperol Spritz am Pool. Nur 6,8 Prozent der Käufer arbeiteten sich tatsächlich durch „Schnelles Denken, langsames Denken“, das Mammutwerk des Kognitionspsychologen Daniel Kahnemann. Das Schlusslicht von Ellenbergs nicht ganz ernst gemeintem Index der „am meisten ungelesenen Bücher“ bildet „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty. Ja, jener Piketty, der eben in Deutschland, den USA und Frankreich gleichermaßen zum neuen König der Intellektuellen gekürt wurde.

Verwendet hat Ellenberg für seine launige Liste Zahlen, die Amazon veröffentlicht. Das Unternehmen gibt an, welche Passagen in einem Buch auf Kindle-Lesegeräten am häufigsten markiert werden – und diese liegen auffällig oft in den ersten Kapiteln oder auf den ersten Seiten. Die Digitalisierung schafft erschreckende Transparenz: Der Bildungsbürger ist zwar ein Bildungskäufer, nicht aber ein Bildungskonsument.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders interessant, dass Amazon in den USA nun eine „Bücherflatrate“ testet. 9,99 Dollar kostet der Zugriff. Nach der Musik schickt sich damit auch die Literatur an, zum Festpreis beinahe unbegrenzt als Dienst aus der digitalen Wolke verfügbar zu sein.

Wie wird sich wohl eine Flatrate auf den tatsächlichen Bücherkonsum auswirken? Zwei Szenarien sind denkbar. Szenario Nr. 1: Die Literaturflatrate führt zur Demokratisierung schwieriger literarischer Stoffe. Der bislang nur mittelmäßig interessierte und etwas geizige Gelegenheitsleser wirft, angelockt vom Buchstaben-Supersonderangebot, einen Blick in den Thomas Mann, liest sich fest und erklimmt den Zauberberg der Weltliteratur. Ein derart geistig gestärktes Deutschland erlebt eine ganz neue Tiefe öffentlicher Debatten, in den Internetforen wird aus dem Kopf zitiert.

Szenario Nr. 2: Die Literaturflatrate führt direkt hinein in die kulturelle Verwahrlosung. Der Bildungsbürger, der, wir erinnern uns, schon jetzt die Früchte großer Geister auf dem Couchtisch verschimmeln lässt, legt das Flatrate-Buch schon nach wenigen Happen zur Seite. Der kleinste Hänger im Plot, die kleinste gedankliche Hürde und das Werk landet im digitalen Orkus.

Die mahnende Präsenz des Buches verschwindet
 

Eigentlich spricht vieles dafür, dass Szenario Nr. 2 das wahrscheinlichere ist. Die mahnende papierene Präsenz des Buches verschwindet, ebenso der Gedanke, lesen zu müssen, für was man bezahlt hat. Die soziale Kontrolle entfällt (etwa in Form jenes Gastes, der das Bücherregal inspiziert und spitzfindig nachfragt, was man denn nun von Clarks Kriegsschuld-These halte). Verschwindet die Literatur in der digitalen Wolke, wird der Bildungsbürger außerdem weiterer Insignien beraubt, nachdem sich schon seine CDs in Spotify aufgelöst haben. Auf diese Weise anonymisiert und entkleidet, wird dieser soziale Typus wirklich zu jener Fiktion, die wir schon jetzt in ihm erahnen.

Bevor nun aber Mitglieder des Kulturausschusses vorschlagen, Autoren zu verpflichten, ihre wichtigsten Gedanken in Zukunft stets auf den ersten zehn Seiten eines Buches unterzubringen, noch ein paar aufmunternde Fakten aus Ellenbergs kleiner Analyse: Unter den am wenigsten gelesenen Büchern ist auch der Hausfrauen-Sado-Maso-Bestseller „Shades of Grey“ (lasen drei Viertel nicht zu Ende). Und am besten schnitt Donna Tartts „Der Distelfink“ ab. Kaum ein Käufer konnte den komplexen Roman aus der Hand legen, bevor er nicht jede der 1000 Seiten verschlungen hatte. Woran das liegt, kann ich nicht sagen. Der Distelfink schlummert noch auf meinem iPad.

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