Lesen in Zeiten von Corona - So viel Europa, ohne vor die Tür gehen zu müssen

Die Corona-Krise schenkt vielen Menschen mehr Zeit zu Hause. Zeit, um sich literarischen Schwergewichten zu widmen. Zum Beispiel einem, das tausend Jahre europäischer Geschichte aufrollt: „The Holy Roman Empire“ von Peter H. Wilson.

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Auf den Spuren des Heiligen Römischen Reichs / picture alliance

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Seit mehr als drei Jahren liegt dieses exakt 1,6 Kilogramm schwere Buch immer vor mir und klagt mich stumm an: Du bist dumm und wüsstest Du, was hier alles drin steht, wärst du schlauer. Nimm mich zur Hand, lies mich. „The Holy Roman Empire - A thousand years of Europe’s History“ verspricht das fein gestaltete Cover.

In einem dieser zauberhaften Buchläden in Richmond upon Thames am Südwestrand von London habe ich dieses Prachtexemplar von Buch gekauft, mit einigen anderen Schwergewichten. Aber diese Schwergewichte machen intellektuell nicht schwergewichtiger, wenn man sie kauft, man muss sie schon auch lesen. Die Anläufe sind bisher gescheitert.

Ein wichtiges Muster: die Wiederholung

Jetzt in diesen Zeiten der erzwungenen Häuslichkeit habe ich mich festgesaugt an dem Buch. Oder anders herum: Es saugt mich auf. Peter H. Wilson, der Autor des gewaltigen Werks ist einer dieser Historiker, die es schaffen, ihr bewundernswertes Wissen so portioniert zu verabreichen, dass man den Stoff bewältigen kann.

Ein wichtiges Muster dabei: die Wiederholung. Wilson schreibt nicht einfach stur am Zeitstrang. Er greift zurück, voraus, stellt Bezüge her. Dabei wiederholen sich die Vorgänge. Irgendwann hat man es dann intus, dass sich Otto I. zum Kaiser empfohlen hatte, nachdem er die Magyaren auf dem Lechfeld in der Nähe von Augsburg 955 in die Flucht geschlagen hatte. Nur mal als Beispiel.

Kartenmaterial und Stammbäume 

Umfangreiches Kartenmaterial am Anfang des Buches, die Stammbäume und die Listen der Karolinger und Staufer und Habsburger und wie sie alle hießen, helfen auch immer wieder, sich nicht zu verlieren in den ersten tausend Jahren europäischer Geschichte, in denen das angelegt wurde, auf dem später die Europäische Union aufbauen konnte.

Es ist eine zusätzliche Herausforderung, dieses Jahrtausend mit einem englischsprachigen Autor zu vermessen, nicht so sehr, weil seine Sprache, sein Stil so schwer wären. Viele Namen sind einfach anders geschrieben. Das macht am Ende aber den Lerneffekt noch größer, weil noch mehr Konzentration und kognitive Übertragungsleistung gefragt ist.

Wissenslücken sind keine Schande

Wer sich wappnen möchte gegen Wissenslücken, möge sich mit einem Tablet oder einem Laptop auf dem Schoß immer wieder diese Lücken von Google und Wikipedia schließen lassen. Das ist überhaupt keine Schande, finde ich. Und wer einen ersten einfacheren Einstand in die Materie möchte, eine Art Aperitif, der/die möge sich mit der „Kürzesten Geschichte Deutschlands“ sowie der „Kürzesten Geschichte Europas“ von James Hawes, abermals ein Brite, das Fundament legen lassen.

Diese beiden hauchdünnen Büchlein gibt es auch auf Deutsch. Womit wir bei einem abschließenden Wunsch an die deutsche Verlagsbranche sind. Es gibt nach meiner oberflächlichen Rundumschau kein Werk eines deutschen Autors, das an die Wucht des Werks von Peter H. Wilson heranreicht. Es wäre also wünschenswert, ja zwingend, dass sich ein Verlag findet, der Wilson hierzulande herausbringt. Aber vielleicht ist eine deutsche Ausgabe ja auch schon längst in Arbeit.

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Peter H. Wilson: The Holy Roman Empire, Penguin Books, 2017, 14,99 (Taschenbuch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Michaela 29 Diederichs | So, 29. März 2020 - 15:22

Hässlichkeit oder Häuslichkeit? Meinen Sie echt Hässlichkeit? Okay, die Situation ist hässlich. Ich lese gerade Queen Victoria. Auch ein ziemlicher Wälzer.

"Hässlichkeit" hin, "Häuslichkeit" her [übrigens liegen
"u" und "s" auf der Tastatur meilenweit auseinander -
will uns das möglicherweise etwas sagen?], wen juckt
denn Europa mit seinen gerade mal etwas über andert-
halb Kilo. Also auch nicht mehr das, was es mal war.
Da kann ich mit einem ganz anderen Kaliber aufwarten:
über 2,8 kg, wahrlich eine Betonplatte, aber das Beste,
was mir seit langer Zeit passiert ist: Albrecht Dürer, hrsg.
v. Chr.Metzger (2019, Ausstellungskatalog). Bevor "meine"
Bibliothek vorerst auf unbestimmte Zeit die Bürgersteige
hochgeklappt hat, konnte ich mir diesen Prachtband noch
sichern - und als Dreingabe sogar noch die druckfrischen
Baselitz und Hopper. Wäre ansonsten derzeit nicht viel zu
viel so unendlich traurig, ich tät' jubilieren.

Bernd Muhlack | So, 29. März 2020 - 19:31

Ich nenne auch einige solcher "Schinken" mein eigen, habe sie jedoch nicht durchgängig gelesen.
Sie dienen als Nachschlagewerke; insbesondere die Literaturverzeichnisse!

Ich hatte damals Geschichte-LK, das war noch im Vor-PC-Zeitalter. Unser Lehrer war ein ziemlich "Linker", es gab oft heftigen Streit mit diversen Eltern.
Das sei Unsinn, schlicht gelogen, Geschichtsklitterung!

30 J später abiturte unsere Tochter, ihre Geschichtsbücher/Unterlagen begutachtete ich immer (mit ihrer Erlaubnis!)
Auch hier in D ändert sich die Bewertung der Vergangenheit!
Einer jeden Generation wird die Historie "neu" gelehrt, Schwerpunkte anders gewichtet.
Ob der Vermittlung des Themas "Israel & Palästina" war ich "geschockt!"

In 2019 mal wieder im KH; 3 Bücher dabei.
Grau: Hypermoral
Kirchhof: Das Gesetz der Hydra
Scholl-Latour: Mein Leben
Ich hatte alle bereits gelesen, für sehr gut befunden.

Ernst-Günther Konrad | So, 29. März 2020 - 19:32

Mein Englisch ist doch stark eingerostet, wenn es das Buch übersetzt gibt, wäre die Anschaffung es sicher wert. Habe beim Aufräumen mein Abschiedsgeschenk zur Diplomierung gefunden. Ein Buch über hessische Geschichte. Werde ich nächste Woche mal durcharbeiten. Als Hesse dürfte es für mich auch da viele Dinge geben, die ich nicht oder so nicht wusste.
Derzeit aber lieber Herr Schwennicke, dürften viele Menschen mal zum Nachlesen und hoffentlich Nachdenken kommen. Bleiben Sie alle hier gesund.

Bernd Muhlack | So, 29. März 2020 - 19:39

Den Grau & den Kirchhof "lieh" sich eine Ärztin stante pede aus!
Nach der morgendlichen Visite kehrte sie nochmal zurück (like Columbo: there is some more question…)
„Darf ich die mir übers Wochenende ausleihen?“
Sie hatte die beiden Bücher bereits fest im „Würgegriff!"
Quasi alternativlos!
„Na klar, sehr gerne!“

Melanie, die junge „Azubi“.
„Wer ist der Mann?“
„Bevor ich hier im Bett doziere: ich schenke Ihnen das Buch.“
„Danke!“
Folglich war mein „Scholli“ ebenfalls abhanden gekommen!
Es gibt dieses wunderschöne T-Shirt für „Heranwachsende“:
„Schock deine Eltern, lies ein Buch!“
… und ein olles Asterix-Heft sollte immer in Griffweite parat liegen, gell?

Ich hatte zum Glück einen sehr angenehmen Zimmernachbarn, das ist die halbe Genesung!

GLÜCKAUF & bleibt Gesund an alle Ciceronen!

Ja, es gibt in der Tat BÜCHER!

"Ey voll krass gut ey, aba wie gehe weida?"

Man nennt es umblättern.....

Christoph Kuhlmann | So, 29. März 2020 - 22:47

auf dem Tablet. Da passen ganze Bibliotheken drauf und man hat nicht diese verstaubten Schinken überall herumstehen. Im übrigen gibt es im deutschen Buchhandel die Propyläen Geschichte Europas in sechs Bänden, von denen jeder einzelne den Wilson an "Wucht" übertreffen dürfte. Fünf-sechshundert Seiten DIN A4. Das Werk wurde von mehreren Historikern geschrieben, die jeweils auf die jeweilige Epoche spezialisiert sind. Sie sehen also, Deutschland ist noch nicht verloren. Die DInger stehen in allen möglichen Antiquariaten als repräsentative Hardcover herum und sind für wenig Geld zu haben. Einst ein praktisches Geschenk zum Geburtstag und Weihnachten, drei Jahre lang.

Dieter Freundlieb | Mo, 30. März 2020 - 09:41

Ich bin bereits seit ca 15 Jahren Pensionist, wie die Österreicher sagen würden. An Lesezeit habe ich also nicht wirklich großen Mangel.

Aber jetzt habe ich mich entschlossen, das zweibändige Alters-Mammutwerk von Jürgen Habermas, "Auch eine Geschichte der Philosophie" (1748 Seiten, ca 1,5 kg) zu lesen. Es geht um das sich historisch wandelnde Verhältnis von Glauben und Wissen seit der sogenannten Achsenzeit (Jaspers, ca 800 - 200 vor Christus). Jetzt bin ich auf Seite 640 des ersten Bandes.

Trotz mancher Vorbehalte habe ich Habermas immer bewundert. Aber jetzt habe ich große Zweifel, ob seine monumentale 'Genealogie des nachmetaphysischen Denkens' eine bleibende Wirkung auf die heutige Philosophie und die Theologie haben wird.

Es kommt natürlich auf die Definition an. Aber eine 'nachmetaphysische' Philosophie, die sich so sehr auf Sprach- und Kommunikationstheorie beruft wie Habermas das tut, kann es m. E. nicht geben. Sie wird immer blinde Flecken haben.

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