Leitkultur ist... - „Sich als Bürger eines Einwanderungslandes zu verstehen“

Seitdem jeden Tag Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist plötzlich wieder von Leitkultur die Rede. Aber wie soll eine deutsche „Leitkultur“ aussehen? In der Dezemberausgabe eröffnet Cicero die Debatte und lässt dazu viele prominente Persönlichkeiten zu Wort kommen. Heute schreibt Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, was Leitkultur für sie bedeutet

Martin Haake für Cicero

Autoreninfo

Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionslehrerin und Autorin

So erreichen Sie Lamya Kaddor:

In Zeiten, in denen innerhalb eines Jahres fast eine Million Flüchtlinge erwartet werden, wöchentlich Flüchtlingsunterkünfte brennen, mehrere Tausend „besorgte Bürger“ zum Protestmarsch blasen oder dschihadistische Salafisten in unseren Innenstädten junge Menschen verführen wollen, sollten wir uns auf ein neues deutsches „Wir“ festlegen.

Als Deutsche verstehen wir uns als Bürger eines Einwanderungslandes. Das bedeutet, dass unsere Gesellschaft noch viel bunter und kulturell reicher werden wird. Es bedeutet auch, dass jeder Einzelne von uns sich damit befassen muss, dass es in Zukunft noch mehr Deutsche mit Migrationshintergrund geben wird, die sich aber genauso einbringen werden und wollen wie vorher. Aber wollen wir das? Ich denke, wir sollten es wollen!

Als Deutsche sollten wir Verfassungspatrioten sein. Abstammung und Spracheigenschaften sollten zwar individuelle Identitätsbausteine sein, aber nicht mehr zu einer kollektiven deutschen Identität gehören. Der Verfassungspatriot leitet seine Identität aus demokratischen Werten ab. Man denke hier an die Achtung der Menschenrechte, an den Schutz der Bürgerrechte, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit usw. All das ist deutsch.

Das Beherrschen der deutschen Sprache gehört unserer Identität. Aber auch eine tiefere Kenntnis von deutscher Geschichte, dem Holocaust, Migrationsgeschichte und politischen Zusammenhängen sollten uns ausmachen.

Um sich diese Identitätsmerkmale auch aneignen zu können, muss die Politik bestimmte Fakten schaffen: Wir benötigen vor allem eine Bildungsreform – mit mehr Stellen für die Jugend- und Sozialarbeit, mehr Lehrerstellen, bessere Förderungsmöglichkeit (insbesondere für Neu-Deutsche), schnellere Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen, größere Chancengleichheit an den Schulen, Frühförderung in den Kitas. Dort muss diese deutsche Identität vermittelt werden.

Vor allem müssen wir großen Teilen der herkunftsdeutschen Gesellschaft ebenfalls Demokratie und Menschenrechte vermitteln. Es scheint, als seien einigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern demokratische Spielregeln abhandengekommen.

Was CDU-Generalsekretär Peter Tauber zur Leitkultur sagt, lesen Sie hier.

Was Gesine Schwan zur Leitkultur sagt, lesen Sie hier.

[[{"fid":"67512","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":813,"width":595,"style":"width: 145px; height: 198px; margin: 5px; float: left;","class":"media-element file-full"}}]]Mehr Beiträge zur Leitkultur (von Bernd Lucke bis Sahra Wagenknecht) finden Sie in der Dezemberausgabe des Cicero – ab heute (19.11.) am Kiosk oder in unserem Online-Shop. Auch online möchten wir dieses Thema aufgreifen und rufen unsere Leser ausdrücklich dazu auf, mit Kommentaren und eigenen Beiträgen an der Diskussion über die deutsche Leitkultur teilzuhaben.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.