Leidenschaft, die bleibt

Berlusconi sei ein schlechter Liebhaber, Bismarck ein Verhängnis für Deutschland und die Natur der direkte Draht zu Gott? Christoph Graf Douglas ist ein Exzentriker, wie er im Buche steht. Aber für die Kunst, die er sammelt und mit der er handelt, ist das eine gute Nachricht.

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Aber bitte nicht Berlusconi!“ Dem italienischen Premier, sagt Christoph Graf Douglas, hätte er die Memoiren Casanovas nicht überlassen. Nur warum? Ging es nicht einfach darum, für das Manuskript den Meistbietenden zu finden? Nein, denn dieser Makler setzt sich zum Ziel, das Außergewöhnliche auch an den passenden Käufer zu bringen. Erstens, so Douglas, habe der berühmte Aufklärer seine glücklichsten Tage gerade nicht in Italien verlebt, und zweitens halte er Berlusconi noch nicht einmal für einen guten Liebhaber. Der elegantes Französisch schreibende Galan habe zu Voltaire in die Nationalbibliothek in Paris gemusst. Zum Preis von sieben Millionen Euro. Der Verkauf des Casanova-Manuskripts ist der jüngste große Deal des Mannes, der nur noch ganze Sammlungen und ganz besondere Stücke vermittelt. Nach Jahren als Deutschlandchef des Auktionshauses Sotheby’s hält Douglas die Rekordpreisjagden, die Kunstpartys, die ganzen Mein-Haus-mein-Boot-mein-Bild-Sammler für „stinklangweilig“. Was mit der Kunst geschieht, interessiert ihn, und die „neurotischen, die skurrilen“ Sammler sind ihm am liebsten. Der Graf sitzt am gewaltigen Schreibtisch eines Vorfahren, des Großherzogs von Baden, hat Songs von Leonard Cohen aufgelegt und blickt auf zwei aufregende Damen in Öl. Die habe er einer belgischen Malerin nur deshalb abgekauft, weil sie, die Malerin, so schön gewesen sei. Sein Naturell entspricht eher dem eines Jägers denn dem eines Sammlers. Und eigentlich, behauptet er, sammle er sowieso viel lieber Wälder als Bilder. Glücklicherweise versetze das Geschäft mit der Kunst ihn dazu in die Lage. Müsste er sich jedoch entscheiden zwischen der Kunst und der Natur, würde er keinen Augenblick zögern und auf die Erstere verzichten. „Die Natur“, so Douglas, „ist stärker. Sie ist der direkte Draht zu Gott. Kunst kann allenfalls ein bisschen göttlich sein.“ Sein liebstes Meisterwerk ist daher auch der Landschaftspark, die kunstvoll gezähmte Natur, die sein historisches, auf Ruinen errichtetes Bauerngut aus Familienbesitz umgibt. Die namhafte englische Gartenarchitektin Lennox-Boys hat Baumgruppen in die weiten Wiesen gestellt, Teiche angelegt und luftige Haine aus Obstbäumen angepflanzt. Die Vulkankegel des Hegau modellieren den Horizont, der Blick reicht hinunter zum Bodensee. Frei zugänglich ist der Park für jedermann. Anstatt gewöhnlicher Verbotsschilder findet man Blechtafeln mit Gedichten von Hölderlin. „An das Göttliche glauben die allein, die es selber sind“, liest man da. Douglas ist ein Exzentriker im besten Sinne, und als solcher um Bonmots nicht gerade verlegen. „Es gibt nur zwei Dinge von Interesse im Leben“, sagt er unvermittelt, „Natur und Frauen“. Bergit, die Frau an seiner Seite, ist eine erfolgreiche Innenarchitektin und Mitglied des Oetker-Clans, das gräfliche Anwesen gestalten und finanzieren sie gemeinsam. Bürgerlich zu heiraten, hat seit Generationen Tradition in dem schottisch-badischen Geschlecht, dem Theodor Fontane einmal eine Ballade widmete. Die unsterbliche Liebe des Großherzogs von Baden zu einer Förstertochter begründete denn auch die Familie. Beider Tochter ehelichte den verarmten schottischen Grafen Douglas, der es als schwedischer Söldner im Dreißigjährigen Krieg bis zum Generalfeldmarschall gebracht hatte. Erst den Großvater zog es aus Skandinavien wieder zurück ins Badische. Christoph, Sohn eines Journalisten, fiel in der Schule dreimal durch, aber schon als kunstsachverständiger Student verdiente er Geld und beträchtliches Ansehen. Sotheby’s wurde schnell auf ihn aufmerksam. Sowohl sein Landgut als auch sein Domizil in Frankfurt sind angefüllt mit alter und moderner Kunst. „Wer Kunst liebt, muss alles lieben“ – ein weiteres seiner Bonmots. Kurioses steht neben Wertvollem, ein bäuerliches Hinterglasbild von Gabriele Münter neben einem kleinen Leger, eine Zeichnung von Beuys neben einem Aquarell von Ernst Ludwig Kirchner, überragt wiederum von einer barocken Landschaftsszenerie, die als eine Art Schiebetür vor einer gewaltigen Bücherwand installiert ist. Dem Besucherblick präsentiert sich keine Sammlung, sondern eine Art „Lebenstagebuch“, jedes einzelne Stück ist mit Erinnerungen verbunden. Das Arbeitszimmer befindet sich in einem türkischen Pavillon mit Blick über die Wiesen. Die große Kapelle hat sich der Protestant selbst zum sechzigsten Geburtstag geschenkt, inklusive alter Sakralkunst und eines schönen Satzes Turmglocken. Unorthodox sind auch die politischen Ansichten von Douglas. Bismarck und sein Reich halte er für ein Verhängnis, hört man ihn zuweilen sagen, und dass es vor allem kleine Staaten seien, die er liebe. Ein Freund der Wiedervereinigung sei er auch nicht, die habe nämlich von oben nach unten stattgefunden und nicht umgekehrt. Er wettert gegen die Öde der Städte und gegen die Verbrechen der Agrarindustrie an der mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Nichts hasst er mehr als die zunehmende Banalisierung der Öffentlichkeit. Ein Mann von gestern ist der Zweiundsechzigjährige deshalb nicht. Vielmehr einer, der seine Leidenschaften – ob sie sich nun um Wälder, Kunstwerke, Manuskripte oder Frauen drehen – wie einen Rausch auslebt. Nicht nur, dass der Graf seine Passionen bis ins Alter kultiviert – wie im Falle des Casanova-Manuskripts stellen sie für ihn auch etwas Bleibendes dar. „Sonst könnte man gleich sterben“, sagt er zur Verabschiedung, „ich möchte, dass meine Leidenschaften mich überleben.“

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