Kindheit - Kyrie eleison und Kartoffelsalat

Zwei detailversessene Romane und ein furioses Debüt erzählen BRD-Kindheiten der siebziger Jahre

Kohlrabi und erste Schreibübungen, langgezogene Hammel­beine und «Bedankemichs», Hausarrest und Kirchenbänke: Die Kindheit scheint angefüllt mit Torturen, Peinlichkeiten und eher fragwürdigen Ergötzungen. Die Erinnerung daran ist der Motor der Kindheits- und Adoleszenzromane der um 1960 oder etwas später geborenen Autoren, die in diesem Frühjahr Konjunktur haben. Authentizität weht uns hier entgegen: als frische Nordsee-Brise, als Koblenzer Kleinbürgermief, als raue-Eifel-Winterluft. Und die Erinnerung scheint tadellos zu funktionieren, auch wenn die erzählenden jungen Männer nie eine Madeleine gekostet haben, sondern mit «Milky Way» und anderen süßen Reizen der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in die Länge geschossen sind.

Einer der Autoren erinnert auch gleich an den berühmten Satz von Jean Paul, die Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Adorno hat in den «Minima Moralia» mahnend den Finger auf dieses Zitat gelegt: Alles falsch, es gehe hier nur darum, einen verlorenen Besitz sich sträflicherweise wieder anzueignen. Ist das am Ende die Klippe oder vielleicht eher Untiefe, an der Erinnerungs-Projekte zu scheitern drohen – wenn sie nicht unter einem existenziellen Druck entstanden sind, sondern aus luxuriöser Lust an der Wiederbelebung einer Epoche, die unwiderruflich vergangen ist? Hat Adorno wieder einmal Recht: Alles nur sentimentaler Quark?


Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung grausam

Immerhin: so schmerzlich scheinen jüngere Gegenwartsautoren den Verlust der Kindheit zu empfinden, dass etwa Marcus Jensen seinen voluminösen Roman «Oberland» im Freitod des Helden gipfeln lässt – eine artistische Volte, denn es handelt sich dabei gleichzeitig um den Ich-Erzähler. Und viel Tinte fließt auch in Gerhard Henschels «Kindheitsroman». Beide Autoren pflegen die Liebe zum minuziös erfassten Detail, zum Konkret-Dinglichen, freilich auch zur litaneihaften Wiederholung, zum teilweise breit wuchernden Dialog. Was sie darüber vernachlässigen, ist die Fokussierung auf ein erkennbares, begrenztes erzählerisches Sujet.

Das Thema von Jensen und Henschel ist schlicht die Kindheit bzw. Pubertät. Thema sind damit auch die Eltern in ihrer je eigenen Spießigkeit, Lehrer mit der seltsamen Angewohnheit, ihre Schüler als «Leute» zu titulieren, und last not least die ersten Freunde oder Freundinnen. Gerhard Henschel, 1962 geboren, hat es in seinem «Kindheitsroman» auf die Jahre 1969–1975 abgesehen. Sein Alter Ego Martin Schlosser ist zu Beginn sieben, am Ende dreizehn Jahre alt. Der Vater: Ingenieur beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz. Die Mutter: Mutter eben und Hausfrau. Man wohnt zur Miete, baut und bezieht später ein eigenes Haus am Stadtrand. Der kleine Martin ist zwischen seinen drei Ge­­schwistern der schwer zu zähmende Wildfang in der Präpuber­tät, aufsässig und doch dankbar für die kleinen Vergünstigungen im Alltag. «Im Schwimmbad bekam ich ein Milky Way» – das ist ein klassischer Henschel-Satz: knapp, zielorientiert, marken­bewusst. Dieser Roman interessiert sich nicht für eine Differenz zwischen dem Objekt und dem Subjekt der Erzählung, sondern vor allem für eine scheinbar unmittelbare Nähe zum Geschehen: nicht Reflexion, sondern – und hierin ist er ein Nachfahre des Pop­romans – Inventarisierung und Archivierung.

Bonanza, Shiloh Ranch und Lassie, Reinhard Mey, Otto und Ingo Insterburg & Co., Kirsch-Tritop, Ernte 23 und Dr. Oetker Eisvergnügen, Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam: Die avisierte Zeitspanne wird präzise erfasst, in kurzen und kürzesten Episoden, deren profane Ikonen und Erkennungssignale den Horizont einer kleinbürgerlich beschränkten Kindheitswelt illuminieren. Der Umgangston, den die Familie Schlosser pflegt, ist rau, aber herzlich. Beim (seltenen) Kirchgang: «Ich fragte Mama, was Kyrie eleison bedeute, und sie sagte, ich soll den Schnabel halten.» An Feiertagen gibt es Kartoffelsalat, zu Pfingsten Hackbraten mit Kohlrabi, bei Nichtverzehr selbstverständlich keinen Pudding. «‹Mach nicht so ’n Theater›, sagte Mama. Ich fragte sie, ob sie als Kind Kohlrabi gemocht habe. ‹Sitz gerade!›»

Das ist humorvoll erinnert oder gut erfunden. Aber gerade in dieser Tendenz zum Humoresken, so authentisch es sein mag, macht sich die Idylle breit, und zwar buchstäblich: Der beträchtliche Umfang des Romans entwickelt sich mehr und mehr zu seinem Nachteil. Denn was sich auf den ersten 100 Seiten witzig entfaltet, entpuppt auf den letzten 100 seine frappierende Harmlosigkeit.


Ultragnadenloser Blick auf die 68er-Eltern

Ein ähnlich problematisches Verhältnis zur Schreib-Ökonomie ist auch bei Marcus Jensen, Jahrgang 1967, zu beobachten – obwohl Jensen ambitionierter schreibt und sich einen bösen Blick verordnet hat, der Henschels archivarischem Ehrgeiz fremd ist. «Oberland» beginnt mit einem Ferien-auf-Helgoland-Kapitel (daher der Titel) und setzt sich dann in größeren Zeitsprüngen fort: 1973, 1981, 1989; wie bei Henschel entspricht das Alter des Ich-Erzählers Jens Behse dem des Autors. Von Helgoland setzt der Roman über nach Pinneberg, wo der Held das Gymnasium besucht, und später nach Hamburg, wo er in einem Krankenhaus seinen Zivildienst absolviert. Endstation ist Behses Freitod im Dezember 1989, mit dessen Vorbereitung der Roman eher unplausibel in ein existenzielles Nichts implodiert: Warum dieser Jens Behse dermaßen lebensmüde ist, dass er sich so endgültig verabschieden muss, das erschließt sich denn doch nicht so recht (nachdem er muntere, geradezu nassforsche 500 Seiten mit seinen Erinnerungen an ein mittleres Sozialisationstrauma gefüllt hat, an durchschnittliche Pubertätsnöte und mittelprächtig verquaste 68er-Eltern).

Zu lang ist jedenfalls auch dieses Buch, zu lang wie sein Erzähler, der «Lulatsch», der letztendlich stattliche einseinundneunzig misst und sich mit einer 119 Kilo schweren Klassenkameradin zusammentut, an die er seine Lebensgeschichte kokett adressiert. Das eröffnende Helgoland-Kapitel ist mit seinen harten Schraffuren und schrulligen Nordsee-Typen das gelungenste, atmosphärisch aufgeladen mit hier noch frischer Beschreibungsenergie – und übrigens einem ultragnadenlosen Blick auf das schlechte «antiautoritäre Gewissen» der 68er-Eltern. Der Vater, seines Zeichens Soziologe, wird uns beispielsweise so präsentiert: «Sein Mund war immer klein, die Zähne gelblich, vom Kaffee, zu viel Kaffee, und nach der mustergültigen Nicaragua-Revolution trinkt er soli­darisch deren brackiges Zeug auch noch. Seinen leichten Bauchansatz mit Wachstumspotenzial hat er schon, und aus der Brusttasche seines grauenhaften bonbonblau und pink karierten Hemdes lugt die dünne ovalförmige Brille.»

Das ist freilich nicht der Blick eines Fünfjährigen, sondern Ergebnis eines blechtrommelartigen Kunstgriffs, der sich gezielte Anachronismen ebenso erlaubt wie gewundene Satzkonstruktionen. Und eben auch ein paar Klischees, von Nicaragua bis zur ovalen Brille. Das im Namen der nachwachsenden Generation über den Vater gesprochene Urteil – «sein Lebensproblem ist und bleibt, daß er nie eine wirklich eigene Meinung hat und genau das nicht weiß» – klingt einigermaßen präpotent. Überhaupt lässt Jensens zunächst imponierende Sprachgewandtheit zunehmend eine beträchtliche Selbstgefälligkeit erkennen, besonders im Mittelteil des Romans, dem Pubertätskapitel, dessen vielleicht naturwüchsige Phallus­fixiertheit sich galoppierend verselbständigt. Hinter den pastos ausgeführten Episoden und den flotten Sprüchen nimmt man keine Not wahr, sondern den Versuch eines noch jungen und bereits
erfolgreichen Autors, sich mit barocker rhetorischer Prachtentfaltung selbst ein Denkmal zu setzen.


Notwendige Vertreibung aus dem Paradies

«Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können» – Arnold Thünkers Romandebüt «Keiner wird bezahlen» zitiert den Aphorismus des Jean Paul als Motto. Doch ausgerechnet hier wird Adornos gegen Jean Paul gerichtete Feststellung Realität, wonach Erinnerungen sich nicht «in Schubladen und Fächern» aufbewahren lassen, sondern «das Vergangene sich mit dem Gegenwärtigen» unauflöslich verflechte. Bei Henschel wird die Vergangenheit in archivarische Schubladen gepresst, bei Jensen findet die Gegenwart infolge des Freitodes des Helden gar nicht erst statt. Bei Thünker, Jahrgang 1959, spürt man dagegen in jeder Zeile, dass die Erfahrungen der Vergangenheit die Gegenwart des mündig gewordenen erzählenden Subjekts prägen, obwohl diese Gegenwart gar nicht ausdrücklich thematisiert wird.

Das Beklemmende an Thünkers Wahl des Jean-Paul-Mottos ist, dass man am Ende kaum sagen kann, ob es pathetisch oder ironisch gemeint war. Denn einerseits erlebt der junge Held tatsächlich eine Art Paradies: eine große Liebe zu einer älteren, verheirateten Frau. Andererseits ist sein Alltag quälend und unerträglich trist. Die Vertreibung aus dem Paradies ist demnach eine existenzielle Notwendigkeit, und wenn die Erinnerung den Trost verweigert, vor dem Adorno warnt, dann deswegen, weil die harte, schnörkellose Sprache des Autors nicht immer vor Pathos, wohl aber vor Sentimentalität zurückscheut.

«Keiner wird bezahlen» ist eine Wirtshausgeschichte aus der Provinz, einem Dörfchen in der Eifel. Die Mutter des Erzählers führt die Geschäfte, bis zu ihrem plötzlichen Tod. Der Vater ist Alkoholiker. Der sechzehnjährige Erzähler, jüngstes von drei Kindern, muss neben der Schule in der Kneipe helfen, putzen, Bier zapfen. «In diesen zähen Nachmittagsstunden tauchte ich in die unheimliche Welt der Erwachsenen ein, wurde zum Vertrauten von Männern, die sich mitten in der Woche einen ganzen Tag lang betranken.» Ein Fremder erscheint, ein Lehrer, der freundlich und zuvorkommend ist – in dessen Frau verliebt sich der Held. Die beiden beginnen eine Affäre und versuchen, sie zu verheimlichen. Eine beglückende Erfahrung, die zugleich mit schlechtem Gewissen belastet ist und nicht frei ausgelebt werden kann. «Du bist mein Prinz», sagt die Geliebte. Dasselbe hatte einmal die unnahbare Mutter gesagt, von der es heißt: «Daß sie mich jemals in den Arm genommen hat, daran kann ich mich nicht erinnern.»

Die Widersprüchlichkeit der Botschaften überfordert den Protagonisten, während der Erzähler diese Widersprüche lapidar erfasst und die Geschichte mit Vor- und Rückgriffen geschickt auffächert, ohne sie artifiziell zu überfrachten. Wenn die Erzählung einmal eine humoristische Note bekommt, wirkt das fast unfreiwillig, jedenfalls nie mutwillig forciert: «Die Schweine wurden mit dem Bier gemästet, das über Nacht in der Leitung gestanden hatte und natürlich mit den Speise­resten der Gäste. Die Schweine lagen besoffen in ihrem Mist. Es war Mutters genialer Wirtschaftskreislauf: Die Tiere aßen die Abfälle der Gäste, und dann aßen die Gäste die Tiere.»

Doch nicht auf diese Pointe läuft die Szene hinaus, sondern auf die Empfindung einer Demütigung, denn gleich der nächste Satz lautet: «Ich habe mich immer dafür geschämt, daß die Familie noch Schweine hielt.» Und etwas später: «Ich knallte ununterbrochen den Ball gegen das Scheunentor und wünschte mir eine Welt ohne Schweine.» Schließlich gelingt es dem Helden, seinem Vater zu entkommen. Er zieht in eine leer stehende Hütte im Wald. Und es gelingt ihm auch, Kontakt zu seinem großen Bruder aufzunehmen, der die Kindheitshölle bereits hinter sich gelassen hat und in der Stadt lebt.

«Keiner wird bezahlen» ist ein furioses Debüt – weil es dem Autor nicht um die «Einrichtung des Archivs seiner selbst» geht, wie Adorno schrieb, sondern darum, eine spürbar bedrängende Erfahrung «loszuwerden» und gleichzeitig, schreibend, die Er­fahrung zu machen, dass eben das nicht geht, weil die «Wechselwirkung von Jetzt und Damals» auf unheimliche Art fortwirkt. Thünker braucht für seine Geschichte weit weniger Platz als Henschel und Jensen, doch merkt man jedem Satz den Schmerz an, der in ihm aufgehoben ist. Bei seinen Kollegen hingegen wird man eher der guten Laune teilhaftig: wie beim HB-Männchen, nachdem es sich vor unseren amüsierten Augen entspannt hat und eine hübsch geformte Rauchwolke in den Himmel schickt.

 

Besprochene Bücher

Gerhard Henschel
Kindheitsroman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2004. 494 S., 22,90 €

Marcus Jensen
Oberland. Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2004. 512 S., 24,90 €

Arnold Thünker
Keiner wird bezahlen. Roman
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 160 S., 16,90 €

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Wir danken für Ihr Verständnis.