Letztes Abendmahl - Künstlergenies: Ein Judas, viele Opportunisten

Das „Letzte Abendmahl“ aus dem Mailänder Dominikanerkloster verbindet nicht nur Leonardo da Vinci und Andy Warhol. Anekdoten und Hintergründe von der Pop-Art bis zur Entstehung des berühmten Wandbildes. 

Am 1. September 1969 fotografierte Ted Spiegel Leonardos "Letztes Abendmahl", um den schlechten Zustand des Freskos zu dokumentieren. Erst 1999 wurde die Restaurierung abgeschlossen
Ted Spiegel/Corbis

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Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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O Stern, Zeit der Besinnung, wollen wir mit Andy Warhol beginnen. Dessen Idee, sich mit Leonardos „Letztem Abendmahl“ auseinanderzusetzen, geht auf den Balletttänzer und Galeristen Alexandre Iolas zurück. Der Zeitpunkt war gut gewählt. Die Restaurierung des Wandbilds im Refektorium des Mailänder Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie währte damals – 1986 – schon acht Jahre und sollte noch fast doppelt so lange dauern: Zeit für etwas Publicity um ein bedrohtes Kunstdenkmal. 1969 hatte Ted Spiegel diesen matt kolorierten, prekären Schatten von Geniestreich im Auftrag von National Geographic fotografiert. Warhol schien die Aufnahme ungeeignet, da sie den ruinösen Zustand des Originals schonungslos dokumentierte. Er wählte für den Siebdruck einen anonymen Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert. Als Fest zur Überbrückung zwischen High und Low im Geist von Pop und Postmoderne wurde die Schau im Palazzo Stelline am 22. Januar 1987 eröffnet. Frucht der virtuellen Begegnung zwischen einer toten und einer lebenden Künstlerlegende bilden 100 Siebdrucke aus Warhols Factory nach Motiven von Leonardos Wandbild, die meisten heute in Privatbesitz.

Es sollte Warhols letzter Auftritt sein. Einen Monat später starb der Künstler überraschend in New York. Das „Letzte Abendmahl“ sei das letzte Wort des Königs von Pop-Art, betont die Warhol-Hagiografie und versäumt nicht hervorzuheben, dass der Sohn polnischer Einwanderer als gläubiger Katholik gelebt habe. Auch Leonardo ist versöhnt mit Gott gestorben, nachdem er in der Osternacht 1519 sein Testament geschrieben hatte. Glauben wir Giorgio Vasari, seinem ersten Biografen, starb das gefeierte Genie, nachdem es seine Sünden gebeichtet hatte, in den Armen von Franz I.

Nun waren aber die französischen Könige Kriegsgegner von Ludovico Sforza, dem Auftraggeber des „Letzten Abendmahls“. Was war passiert? Wollte Leonardo seinen Mailänder Dienstherrn nicht sogar mit einer Reiterstatue ehren? Das Projekt kam nicht zustande, weil Il Moro, wie Sforza auch genannt wurde, alles Erz der Lombardei requirierte zum Kanonengießen: gegen die Franzosen.

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Der französische König Ludwig XII. marschierte 1499 in Mailand ein und vertrieb den Herzog. Es kam zum Stellungskrieg in Novara mit einem fatalen Handicap: Beide Kriegsgegner waren durch Schweizer Söldnertruppen verstärkt. Damit die Eidgenossen nicht gezwungen wären, sich gegenseitig abzuschlachten, stimmte Ludwig XII. dem freien Abzug der Schweizer zu unter der Bedingung, dass Il Moro ausgeliefert werde. Die Schweizer in Mailänder Diensten griffen zur Kriegslist und verkleideten ihren Herrn als Söldner. Beim Auszug aus der belagerten Stadt am 10. April 1500 durch eine Gasse von Eidgenossen auf der Seite der französischen Belagerer wurde Sforza aber von einem Urner Kriegsknecht verraten.

200 Kronen waren sein Lohn, der fünffache Sold eines Jahres. Damit sei vom Zeitgeschehen zum „Letzten Abendmahl“ ein ikonografischer Bogen geschlagen. Judas hatte für den Verrat an Jesus 30 Silberlinge bekommen; Leonardo malt ihn als dritten Jünger links von Jesus, zurückgelehnt, den Geldbeutel in der Faust. Hinter ihm sitzt der impulsive Petrus und macht mit seiner ausgestreckten Linken am Hals von Johannes vor, wie er dem Verräter des Heilands an die Gurgel ginge. Verbirgt sich hinter jenem anmutig weiblichen Lieblingsjünger die angebliche Geliebte von Jesus, Maria Magdalena? Dan Brown machte diesen Verdacht im „Da Vinci Code“ populär.

Ludwig XII., ein großer Leonardo-Sammler, wollte das „Letzte Abendmahl“ dann als Beutekunst nach Frankreich schaffen, ließ aber vom Vorhaben ab, da der Transport samt Refektoriumsmauer zu kostspielig geworden wäre. Ludovico Sforza, der Auftraggeber des Wandbilds, starb acht Jahre später im Gefängnis von Loches an der Loire. Leonardo verschied erst 1519 im Schloss Clos Lucé bei Amboise, das ihm der junge König Franz I. zusammen mit einer ansehnlichen Ehrenpension überlassen hatte.

Leonardo war kein Judas, er war ein normaler Opportunist, der auf der Seite der Sieger steht. Für die Künstler gilt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die Gesellschaft nimmt es ihnen nicht übel und gedenkt ihrer in unschuldig lustigen Anekdoten, wie sie seit Plinius überliefert sind. 

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