Kohlroulade mit Kartoffeln und Sauce
Kochen wurde bei Alfred Biolek als Alltagskultur ohne professionellen Dünkel zelebriert / Dr. Bernd Gross, CC BY-SA 3.0 DE

Kochen wie „die Prinzen“ - Wirsingrouladen bei Biolek

Unser Genusskolumnist hat sich ein paar alte Folgen der Kochshow des vor einer Woche verstorbenen TV-Entertainers Alfred Biolek angeschaut. Die Wirsingrouladen der „Prinzen“ haben es ihm besonders angetan – und nachdenklich gemacht.

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Alfred Biolek ist tot – es lebe Alfred Biolek! Mit den 457 Folgen seiner zwischen 1994 und 2007 ausgestrahlten Kochserie „Alfredissimo“ hat Biolek eine wahre Schatzkiste hinterlassen. Zur dieser Hinterlassenschaft gehören über 900 Rezepte, da in jeder Sendung jeweils ein Gericht von Biolek und eins von den jeweiligen Gästen zubereitet wurden.

Die Sendungen sind ein zeitloses Kompendium der Genussfreude mit einem egalitären Ansatz. Kochen wurde dort nicht als elitäres Herrschaftswissen zelebriert, sondern als Alltagskultur ohne jeglichen professionellen Dünkel. Dampfnudeln, Kartoffelsuppe, Semmelknödel und Grießflammerie stehen dort gleichberechtigt neben Ossobuco, Langusten und Wels in Prosciutto mit Kräuterlinsen.

Es beginnt mit einer Sauerei

Eine ganz wunderbare Folge gab es am 17. Februar 1995, als Biolek die Leipziger Band „Die Prinzen“ zu Gast hatte. Es beginnt mit einer ziemlichen Sauerei, weil ein Fässchen Kölsch nicht ganz fachgerecht angezapft wird. Und ein gewisses kreativ-fröhliches Chaos zieht sich dann durch ganze 30-minütige Sendung. Vom Gastgeber soll die Apfel-Tarte kommen. Gourmets werden die Nase rümpfen, aber es wird ein tiefgekühlter, aufgetauter Teig verwendet, den man knetet, mit der Küchenrolle ausrollt und auf Backpapier in eine flache Form gibt. Dann Äpfel ausstechen, schälen, in Scheiben schneiden, auf dem Teig verteilen. Darüber kommen dann noch Mehl, Zucker, Zimt und Butterflocken. Alles sieht herrlich unbeholfen aus, aber irgendwie klappt es. Die Form kommt dann für 20 Minuten in den auf 200 Grad vorgeheizten Ofen.

Würzmischungen und Fertigsoßen

Anschließend übernehmen „Die Prinzen“ die Regie. Es gibt Wirsing-Rouladen in vier Varianten. Beim Klassiker werden Hackfleisch, Ei, Salz Pfeffer und Thymian („kann aber aber eine Fertigmischung sein“) vermischt. Natürlich auch noch glasig geschwitzte Zwiebeln, mit einem heulenden Prinzen beim Zwiebelschneiden, alles begleitet von einem vierstimmigen Gesangssatz der ausgebildeten Sänger.

Es folgt eine irgendwie griechische Variante, mit Reis, angerösteten Pinienkernen, Petersilie und gepresstem Knoblauch. Eigentlich nehme man ja Minze statt Knoblauch, aber „ich mag keine Minze“, sagt der dafür verantwortliche Prinz. So einfach ist das. Die nächste Füllung besteht aus Frühlingszwiebeln, Champignons (in Scheiben geschnitten) und Speck, was zusammen angebraten wird. Schließlich kommt als Highlight die „Prinzen-Gourmet-Roulade“. Dafür werden gebrühte Bratwürste in mundgerechte Stücke geschnitten, mit Currypulver bestreut, und darüber kommt noch „Salsa-Soße peppig-pikant“ aus der Flasche.

Alltagsküche muss Spaß machen

Die Füllungen werden dann auf blanchierten Wirsingblättern verteilt, die zusammengerollt und mit Küchengarn zusammengebunden werden. Auch das sieht nicht sonderlich professionell aus – aber alles erfüllt seinen Zweck. Schließlich werden die gefüllten Rouladen in Brühe gegart, anschließend gemeinsam probiert, das Kölsch fließt in Strömen, und die Apfel-Tarte kommt dann auch auf den Tisch. Alle haben Spaß, man nimmt sich und die Kocherei nicht übermäßig Ernst und singt schließlich gemeinsam den alten „Prinzen“-Hit „Vergammelte Speisen zu überhöhten Preisen sind zurückzuweisen!

Ja, das ist schlichte Alltagsküche, die jeder nachvollziehen kann und die an realen Kochgewohnheiten anknüpft – inklusive „Gewürzmischung“ und „Salsa-Soße peppig-pikant“. Sicherlich könnte man Wirsingrouladen auch mit geschmacklich etwas „filigraneren“ Füllungen versehen, was ich persönlich wohl auch tun würde. Aber so geht es auch. Jedenfalls habe ich beim Anschauen der Folge herzlich gelacht – und mich auch etwas „ertappt“ gefühlt. Denn irgendwie bin ja auch ein Geschmackspolizist.

P.S. Auf die Zutatenliste wird wegen der etwas unübersichtlichen Komplexität der „Prinzen-Rouladen“ diesmal verzichtet.

Fritz Elvers | So, 1. August 2021 - 00:33

Innen Gehacktes halb und halb. Meine Mutter konnte es ohne Biolek mit echter Soße, sozusagen von Natur aus. Ohne Küchengarn, sondern mit dem gleichen Garn, mit dem sie auch meine Knöppe annähte. Sicher konnte sie es schon in Pommern, vor ihrer Flucht vor der Roten Armee. Alle Mütter konnten es, ohne Terz und Trallala.

gabriele bondzio | So, 1. August 2021 - 09:36

Was ich für meine Familie bestätigen kann. Die Wirsingrouladen (mit Hackfleischfüllung) gehört zum normalen Speiseplan.
Auch Kohlrouladen sind beliebt. Aber die Wirsing-Variante wird häufiger gekocht. Finde sie geschmacklich besser und die blanchierten Blätter sind geschmeidiger (beim einwickeln) als beim Kohl.
Gestern gab es Gefüllte Paprika (ungarisch beeinflusst, durch meine Oma)...auch sehr lecker und im Prinzip die gleiche Füllung, mit etwas anderen Gewürzen.
Biolek`s Kochserie „Alfredissimo“ habe ich oft geschaut. Der Smaltalk mit seinen Gästen, war oft sehr amüsant und aufschlussreich über die Charaktäre seiner Gäste.

„»Alles, was in dieser Welt Wertschätzung verdient, hat seinen Ursprung im Herzen, nicht im Kopf.« (unbekannt)