Klimawandel, Feinstaub, Homöopathie - Der Kampf zwischen naivem Wissenschaftsglauben und populärer Wissenschaftskritik

Ob über den Klimawandel gestritten wird, über Feinstaub oder Homöopathie: Die Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik gelten nicht mehr. Von Karl Popper und Paul Feyerabend wäre zu lernen, dass Wahrheit keine Frage der Mehrheitsverhältnisse ist

Mexiko-Stadt in einer Smog-Glocke.
Die Debatte um die Feinstaubbelastung wurde zu einer Art Glaubenskrieg / picture alliance

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Frank Lübberding ist freier Journalist und Autor.

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Einmütigkeit unter Wissenschaftlern sei „oft das Ergebnis einer politischen Entscheidung“, so ist zu lesen. Abweichler würden unterdrückt, oder sie schwiegen, „um das Ansehen der Wissenschaft als einer Quelle vertrauenswürdiger und fast unfehlbarer Kenntnisse nicht zu kompromittieren“. Aber selbst dann wäre „diese Einheit des Urteils ein Ergebnis gemeinsamer Vorurteile“. Man mache gewisse grundlegende Annahmen, ohne sie genauer zu untersuchen, und trage sie „mit derselben Autorität vor, die sonst nur der Detailforschung zukommt. Die Wissenschaften sind voll von Annahmen, oder besser, Gerüchten dieser Art.“

Paul Feyerabend formulierte all das 1979 in „Erkenntnis für freie Menschen“. Er galt unter den Wissenschaftstheoretikern als Exzentriker, weil er mit seinem fröhlichen Credo „anything goes“ der Wissenschaft ihren Monopolanspruch auf Erkenntnis absprach. Heute wirken diese Zeilen seltsam aus der Zeit gefallen.

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Ernst-Günther Konrad | Fr, 4. Oktober 2019 - 12:42

Machen wir uns nichts vor. Die meisten Wissenschaftler sind auf die Zuwendungen ihrer Geldgeber angewiesen und präsentieren Ergebnisse, so wie bestellt und bezahlt. Die freien Geister haben in der Regel nicht die finanziellen Mittel, außerhalb politischer Vorgaben nur der Sache und der Wahrheit verbunden zu forschen. Dadurch wurde der Grundsatz der Wissenschaftlichkeit - überalle, an jeder Stelle unter jeder Bedingung beweiskräftig reproduzierbar - auf den Kopf gestellt. Die Wissenschaft selbst streitet ja darum, was wissenschaftlich ist, was unumstößliche Naturgesetze sind, was physikalische Grundgesetze sind. Noch heute wird Einstein einerseits unbestritten bestätigt, um jedoch danach erst jetzt nach so langer Zeit die Beweise für seine Annahmen gefunden zu haben. Also, was war die Reletivitätstheorie damals und was heute? Wenn er damals schon recht hatte, warum werden heute erst die Beweise dafür gefunden? Waren es doch nur Annahmen, Hypothesen oder nur gewünschter Glauben?

Markus Michaelis | Fr, 4. Oktober 2019 - 13:22

Der Mensch glaubt gerne an absolute Wahrheiten - durch Religion oder eben durch Wissenschaft. Bei uns muss alles als "wissenschaftlich" deklariert werden, ersatzweise als von Gesetzen oder dem Gericht bestätigt, um zu zeigen "wir haben in einem absoluten Sinne recht".

Das scheint mir unsinnig. Wissenschaft sollte natürlich begleitend immer dabei sein, um offensichtlichen nicht funktionierenden Unsinn auszusondern.

Aber relevante Dinge sind eigentlich nie wissenschaftlich. Demokratie ist uns etwa etwas wert - aber nicht weil soziologisch-wissenschaftliche Studien irgendwas bestätigen (das ist begleitend), sondern weil wir es wollen.

Familie ist uns etwas wert, oder Bergsteigen, oder Natur. Natur ist nicht deswegen etwas wert, weil Wissenschaft irgendetwas beweist, sondern zuerst einfach so, weil wir das so wollen. Genauso wie vielleicht Kultur oder Jesus oder eigentlich alles was wirklich Wert hat. Daran ist nichts wissenschaftlich.

Hartmut Seinsch | Fr, 4. Oktober 2019 - 15:07

So ist es! Die Unterwerfung der wissenschaftlichen Methode durch politische Zielsetzungen ist leider ein menschliches Handlungsprinzip, das sich durch die Geschichte zieht. Der Ketzer, der in letzter Instanz doch gegenüber dem Volkszorn recht behält, aber für seine Überzeugungen sterben musste, sollte uns in der gegenwärtigen Situation eine Warnung sein. Wenn wir aus dem Albtraum der Klimarettung erwachen, werden wir feststellen, dass wir Ressourcen verbraucht haben, die wir so schnell nicht wieder zurückgewinnen können, um die realen Auswirkungen des natürlichen Klimawandels noch beherrschen zu können.

Rudolf Steger | Fr, 4. Oktober 2019 - 18:17

Nur die Wissenschaft ist "wissenschaftlich".
Wissenschaftler dagegen sind Menschen.
Inwieweit sie "wissenschaftlich" sind,
ist individuell unterschiedlich und jeweils zu prüfen.
Glaube und Ideologie zerstören Wissenschaftlichkeit.
Und damit auch eine sachliche Auseinandersetzung
zur Klärung eines Problems.

Gisela Fimiani | Fr, 4. Oktober 2019 - 18:27

Nach meiner Überzeugung ist Karl Popper heute aktueller und aussagekräftiger denn je. Seine Texte zu Gesellschaft und Demokratie sollten zur Pflichtlektüre in Schule und Politik werden. Im Jahr 2004 schrieb Die Zeit: „Poppers intellektuelle Unabhängigkeit - die in unseren Tagen allein schon ans Wunderbare grenzt - ist zweifellos das Ergebnis von Poppers Idee der Kritik, der Suche nämlich nach Fehlern, aus denen wir am meisten lernen können.“ Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen Die Zeit, die ihre „intellektuelle Unabhängigkeit“ dem Zeitgeist geopfert hat.

Dieter Freundlieb | Fr, 4. Oktober 2019 - 19:39

Die naive Wissenschaftsgläubigkeit der Anhänger von Greta Thunberg, einschließlich ihrer Anhänger in der Politik und in den Kirchen, hat wirklich besorgniserregende Formen angenommen. Ein wenig Verständnis von Wissenschaftstheorie (z. B. von Popper) und Wissenschaftsgeschichte könnte Greta und ihre Anhänger davon abhalten, im Fall der Verlautbarungen des IPCC ständig davon zu reden, dass es sich bei ihnen um DIE Wissenschaft handelt, der wir nur zu folgen hätten. In der Ernährungswissenschaft erleben wir ständig neue Theorien, so dass kaum noch jemand den neuen Trends glaubt. In der Klimawissenschaft, die mindestens so komplex ist wie die Ernährungswissenschaft, hält man die äußerst unsicheren Ergebnisse aber für DIE Wissenschaft, die uns die Wahrheit über den Klimawandel sagt.

Und dies, obwohl leitende Vertreter des IPCC wie seinerzeit Prof. Stephen H. Schneider (1945 - 2010) meinten, man sollte Panik verbreiten. (Fortsetzung folgt)

Dieter Freundlieb | Fr, 4. Oktober 2019 - 20:06

Schneider war sich darüber im klaren, dass die sehr unsicheren Ergebnisse der Klimaforschung und der komplexe und undurchsichtige Prozess ihrer Gewinnung die Öffentlichkeit nicht überzeugen würden. Deshalb hielt er es für vertretbar, Panikmache anzuwenden. Popper würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das lesen müsste.

Um potentielle Schäden durch Klimawandel zu vermeiden, schlägt Schneider vor:

... "we need to get some broad based support, to capture the public’s imagination. That, of course, means getting loads of media coverage. So we have to offer up scary scenarios, make simplified, dramatic statements, and make little mention of any doubts we might have." (Discover, Oktober 1989)

Für den guten Zweck darf die Wissenschaft, wie er sie versteht, die Öffentlichkeit täuschen und irreführen. Und diese Wissenschaft behauptet heute, die Debatte sei vorbei. Es gebe nichts mehr zu diskutieren.

Ulf Müller | Sa, 5. Oktober 2019 - 00:37

Es gibt sie die Vernunft, die ideologisch verblendete Masse will leider nicht hören. Poppers Sozialtechnik statt Sozialutopie ist der einzige richtige Weg. Deng Xiaoping hat so die wirtschaftliche Öffnung Chinas in die Wege geleitet. Der Dr. der Philosophie Habeck sollte doch mit Popper vertraut sein. Aber seine Jünger wollen die Revolution und er will sicher keine Farbbeutel auf die Ohren bekommen. ULF Müller

gabriele bondzio | Sa, 5. Oktober 2019 - 10:30

Philosoph K. Popper schrieb, dass "unser Nichtwissen (…) durch Wahrscheinlichkeit überbrückt und ergänzt" wird. Erkenntnisgewinn und Rationalität in wissenschaftlichen Fragen müssen sich der Falsifizierbarkeit und Kritisierbarkeit stellen. Und sie nicht als Dogma in den Raum stellen, weil es politisch nützlich ist. Die Erkenntnisfähigkeit der Menschen ist nicht unendlich, nimmt schrittweise zu. Die politische Einflussnahme auf die Wissenschaft verhindert/verbiegt, meiner Meinung nach, den wissenschaftlichen Fortschritt. Erkenntnisse sind immer vorläufig und könne durch andere Aussagen, durch bessere Theorien widerlegt werden.
Es ist freilich, im Fall der Umwelthilfe, eine "Verkaufsstrategie" die Feinstauberzeugung bei Holz­öfen(erzeugen mehr FS als der gesamte Verkehr)zu unterschlagen und das Auto in den Mittelpunkt zu heben. Holzöfen besitzen ja ein grünes Image. Die Umformungs-Idee der Menschen, unter dem Motto "wir bestimmen was richtig ist" ist nicht zu übersehen!

Gabriele Pohl | Sa, 5. Oktober 2019 - 12:04

Ach wären doch alle Journalisten so klug wie Herr Lübberding. Er fehlt sehr in der FAZ.

Robert Denschlag | Sa, 5. Oktober 2019 - 16:03

Sehr geehrter Herr Lübberding, mein Glückwunsch zu diesem hervorragenden Artikel.

Hannibal Murkle | So, 6. Oktober 2019 - 00:57

Egal, wie wenige Klimatologen den Mut aufbringen, kritische Fragen zu stellen - die zwei längere Perioden sinkender Temperaturen trotz CO2 nach dem Zweiten Weltkrieg reichen, um die Hockeykurve&Co zu widerlegen. Demos sind in den Naturwissenschaften kein "Beweis".