Klatsch-Kulturen - Andere Länder, anderer Applaus

In Japan bricht der Beifall lawinenartig los, in Frankreich klatscht man rhythmisch und lang, der Italiener applaudiert, wenn er Lust hat, und in China kann alles passieren. Warum sind gerade die Deutschen solche Konzertpuristen?

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(picture alliance) Applaus in Wien für den österreichischen Pianisten Alfred Brendel

Gerade komme ich aus dem französischen Nantes. Das dortige „La Folle Journée“, konzipiert von René Martin, einem der beeindruckendsten Musikmanager, den ich kenne, ist ein Festival sondergleichen. Jedes Jahr werden in fünf Tagen bis zu 280 Konzerte mit 1800 Musikern präsentiert. Kein Konzert dauert länger als 45 Minuten, und das Publikum kann zwischen zehn Sälen umherwandern. Die Idee dahinter: Menschen soll die Chance gegeben werden, klassische Musik auf höchstem Niveau zu hören, stundenlang, hautnah und unprätentiös. Böse Kritikerzungen sprechen von „Supermarktkunst“, andere glauben darin die Zukunft der klassischen Musik zu erkennen. Für mich sind die Konzerttage in Nantes eine geniale Erfindung. Wie zukunftsträchtig die Idee ist, sieht man daran, dass sie inzwischen auch in Lissabon, Bilbao, Tokio und Rio de Janeiro erfolgreich umgesetzt wird.

Das Thema in diesem Jahr lautete „russische Musik“, und ich spielte das zweite Violinkonzert von Sergei Prokofjew, in einem ausverkauften Saal mit knapp 2000 Zuhörern. Da immer auch viele Klassikeinsteiger in diese Konzerte kommen, war ich auf die Reaktionen besonders gespannt. Zwischen den Sätzen gab es absolute Stille, aber der Applaus am Ende steigerte sich langsam und stetig zu einem langen rhythmischen Klatschen.

Spätestens seit ich ein Buch zum Thema Applaus geschrieben habe, werde ich immer wieder gefragt, wann man eigentlich klatschen soll. Dabei finde ich es hochinteressant, die unterschiedlichen Klatschkulturen der verschiedenen Länder zu beobachten. In Holland steht das Publikum meist sofort auf, nur, um so schnell wie möglich den Saal zu verlassen. Das rhythmische Klatschen scheint besonders in Frankreich und Skandinavien verbreitet zu sein.

In Japan herrscht hingegen bedingungslose Stille bis zum letzten Ton, dann folgt der Applaus lawinenartig, aber im Gleichtakt. In China kann alles passieren – neben einem interessierten bis begeisterten Publikum hat man häufig nicht nur mit klingelnden Handys zu kämpfen, sondern auch mit angenommenen Anrufen. Die Italiener gehen freigebiger mit Applaus um. Wenn ihnen etwas gefallen hat, klatschen sie, egal ob noch ein paar Sätze folgen oder nicht. Ihr Temperament äußert sich aber auch im umgekehrten Fall unmissverständlich: Versager werden gnadenlos ausgebuht.

Was für das Publikum im Süden normal ist, gilt im Norden vielfach als grobe Stillosigkeit, wenn nicht gar als Zeichen von Unwissen. Die deutsche Konzerttradition sieht Beifall nach einzelnen Sätzen nicht vor, und hält sich jemand nicht daran, kann es sein, dass hemmungslos gezischt wird. Woher kommt das?

Man sollte nicht vergessen, dass die Leute im 18. Jahrhundert im Konzert lautstark miteinander sprachen, rauchten, tranken und Karten spielten. In Paris saßen die Herren gerne mit dem Rücken zum Podium, damit sie den Damen besser in die Augen schauen konnten. Noch 1824, bei der Uraufführung von Beethovens „Neunter“, wären die Konzertsaalpuristen von heute vor Schreck erstarrt: Nach jedem Satz gab es tosenden Beifall, und mit den Taschentüchern wurde begeistert gleich nach den Donnerschlägen der Pauken gewunken, mitten im Satz, der zu allem Überfluss auch noch wiederholt wurde.

Angesichts der lockeren Sitten, die damals in der Musikwelt herrschten, waren die Bemühungen um geordnete Verhältnisse vielleicht verständlich. Der Komponist Carl Reinecke war hoch beglückt, als er 1860 das Leipziger Gewandhaus besuchte und dort eine „andächtige Gemeinde“ vorfand. Hatte die „Umerziehung“ in Leipzig funktioniert, war sie anderswo nur bedingt erfolgreich. Offenbar mochten sich viele Konzertgänger nicht so ohne Weiteres mit den neuen, strengen Regeln anfreunden. Noch 1910 wurde bei Quartettabenden in Berlin die „Beifallsenthaltung zwischen den einzelnen Sätzen“ ausdrücklich angemahnt, und 1940 wurde auf Programmzetteln der Berliner Singakademie gebeten, „die Werke nicht durch Beifall zu unterbrechen“.

Heutzutage werden wir Musiker eher von twitternden Zuschauern unterbrochen oder von Leuten, die mit dem Smartphone schon während des Konzerts unsere Interpretationen auf Youtube hochladen. Vielleicht entwickeln wir in 50 Jahren sogar einen Ersatz für das Klatschen. Virtuell, versteht sich, und ohne Zischen … 

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