Die Kulturkolumne - Die Barock-Geige, die mich führte

Was ist es für ein Gefühl, auf einem der besten Instrumente der Welt spielen zu dürfen? Als unser Kolumnist die Geige des polnischen Virtuosen Karol Lipi?ski, einem Zeitgenossen Chopins und Liszts, in die Hände bekam, schien plötzlich alles möglich zu sein
 

(Foto: MonikaLawrenz) In barocke Welten eingetaucht: Violinist und CICERO-Kolumnist Daniel Hope

Die folgende Anekdote ist unter Musikern sehr beliebt: Jascha Heifetz, einer der größten Geiger aller Zeiten, berühmt für seine atemberaubende Perfektion, aber auch für seinen bissigen Humor, hat gerade ein Konzert gespielt. Eine junge Dame lauert ihm hinter der Bühne auf und wirft sich ihm mit den Worten an den Hals: „Herr Heifetz, Ihre Geige … sie klingt so schön!“ Heifetz, ohne eine Miene zu verziehen, schüttelt das Instrument, hält es an sein Ohr und erwidert: „Wirklich? Ich höre nichts.“

Auch die besten Instrumente der Welt brauchen einen Musiker, um sie zum Leben zu erwecken. Aber was ist es für ein Gefühl, ein solches Trauminstrument tatsächlich in die Hände zu bekommen? Seit meinem 15. Lebensjahr spiele ich eine Geige von Januarius Gagliano, die einst Yehudi Menuhin gehörte, gebaut 1769 in Neapel. Die Familie Gagliano wurde von Antonio Stradivari höchstpersönlich protegiert, und ihre Instrumente gehören zur oberen Garde, wenn auch nicht zur absoluten Spitze. In mehr als 20 Jahren jedoch sind wir ein Herz und eine Seele geworden. Sie ist mein Trost, meine Zuflucht, meine Inspiration und meine Familie. Wahrlich eine „Sie“ und kein „Es“, eine Dame, mit der man ständig Zeit verbringen will. 20 Alben, unzählige Konzerte, durch dick und dünn.

Umso misstrauischer war ich, als ich Anfang des Jahres einen mysteriösen Anruf erhielt. Halbsätze wie „eine Familie aus Deutschland sucht eine einmalige Investition“ oder „ein Instrument Ihrer Wahl aussuchen“ habe ich noch in den Ohren. Ob ich mir vorstellen könnte, „was Neues zu spielen“. Aber die Neugier packte mich, und bald befand ich mich im Haifischbecken der Geigendealer. Für mich war klar: Nur die beste Geige der Welt könnte mich von meiner Partnerin trennen.

Weil die Violine in der Barockzeit eine so wichtige Rolle spielte, blühte auch der Instrumentenbau. In mehreren italienischen Städten gab es Spezialwerkstätten, in denen Geigen von höchster Qualität angefertigt wurden und deren Klang bis heute unübertroffen ist. Zentrum des Geigenbaus war Cremona, wo die geheimen Anleitungen zur Herstellung von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Neben Stradivari waren dort gleich noch zwei berühmte Geigenbauer ansässig: Amati, der als Quasi-Erfinder der Violine gilt, und ein Mann, dessen Instrumente eigentlich am teuersten sind und der mich mehr als alle anderen fasziniert: Bartolomeo Giuseppe Antonio Guarneri, der den Spitznamen „del Gesù” (von Jesus) trug.

Florian Leonhard, ein Londoner Experte, drückte mir eines Tages eine Geige von del Gesù in die Hand. Er erinnerte mich an einen älteren Bruder, der dir die erste Zigarette anbietet: „Probiere es doch, du wirst es nicht bereuen.“ Und nun nahm ich meinen ersten Zug… Ich war wie benommen, als wäre ich in eine völlig andere Welt eingetaucht. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, eine Geige nicht beherrschen zu müssen. Im Gegenteil, sie nahm mich einfach an die Hand und führte mich. Plötzlich schien alles möglich zu sein, jede Klangvariante, jede Ausdrucksform.

Solche Instrumente tragen immer den Namen ihres berühmtesten Besitzers. Die Geige von Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1742 gehörte einst einem der größten Virtuosen seiner Zeit, dem polnischen Violinisten Karol Lipi?ski (1790 bis 1861). Obwohl ein Rivale Paganinis, verband ihn eine enge Feundschaft mit dem italienischen Teufelsgeiger, der ihm sogar ein Stück widmete. Beide bestritten Geigenduelle vor dem Publikum. Gefragt, wer der beste Geiger der Welt sei, antwortete Paganini seinerzeit keck, er wisse es nicht, aber der zweitbeste sei Lipi?ski. Der Pole spielte mit Liszt, Schumann und Chopin, und 1837 wurde er Kapellmeister in Dresden. 1861, am Ende seines Lebens, gründete er eine Geigenkolonie für bedürftige, talentierte Bauernkinder in Galizien, eine philanthropische Idee, die ihrer Zeit weit voraus war.

Ich begann, mich intensiver für Lipi?ski zu interessieren, und fand heraus, dass auch er mehrere Violinenwerke komponiert hatte. Dann fielen mir alte Bücher in die Hände, die über weitere Besitzer des Instruments Auskunft gaben: Die deutsche Geigenlegende August Wilhelmj war darunter und der Fürst Nikolai Borissowitsch Jussupow, einer der reichsten Bürger Russlands, befreundet mit Puschkin und Liebhaber von Katharina der Großen. Seit zwei Wochen ist die weit gereiste Geige meine neue Begleiterin durch die Konzertsäle dieser Welt, und nun liegt es an mir zu versuchen, die „Ex-Lipi?ski“ nach längerer Zeit wieder zum Klingen zu bringen. Ich bin gespannt, wo die Reise uns hinführt…

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