Männer im Erzieherberuf - „Eltern unterstellen uns pädophile Neigungen“

Zu wenig Geld, lange Arbeitszeiten, keine Anerkennung und diskriminierende Vorwürfe – so sieht das gesellschaftliche Bild vom Erzieherberuf aus. Wir haben mit einem Mann gesprochen, dem der Beruf trotzdem großen Spaß macht. Aber nicht für immer

Männer sind in Erziehungsberufen noch immer unterrepräsentiert / picture alliance

Autoreninfo

Chiara Thies studiert Journalistik und arbeitet für Cicero Online.
Foto: Emine Akbaba

So erreichen Sie Chiara Thies:

Yannick Ladwig (23) ist Erzieher an einer Schule und im Hort. Vorher war er in einer Krippe für 1- bis 3-Jährige tätig.

Herr Ladwig, in der Gesellschaft wird der Beruf des Erziehers als zu niedrig bezahlt und anstrengend dargestellt. Sie arbeiten in der Nachmittagsbetreuung einer vierten Klasse. Wie ist es wirklich?
Die Arbeit erfüllt mich. Ich mache es gerne und kann es auch gut. Manchmal ist die Arbeit natürlich auch sehr kräfteraubend, aber sie macht Spaß. 

Was macht den Beruf kräfteraubend?
Der Fachkräftemangel und fehlende Räumlichkeiten. Wir haben gerade die Situation, dass die Schule für zwei Jahre in einem Container untergebracht ist, weil ein neues Gebäude errichtet wird. Jetzt hat zwar jede Klasse einen Raum, aber es gibt keine Ausweichmöglichkeiten mehr. 

Bei warmen Temperaturen geht das ja noch. Was passiert dann im Winter?
Theoretisch müssen wir mit den Kindern bei Wind und Wetter rausgehen. Da habe ich erstmal nichts dagegen. Aber was ist, wenn man kranke Kinder bei sich hat? Man kann ja nicht jedes Kind rausscheuchen. Die 10-Jährigen haben trotzdem noch ihr Recht auf Partizipation. Sie dürfen sagen, dass sie nicht draußen spielen wollen. Diese fehlende Struktur stresst mich sehr.

Sind Sie alleine für Ihre 14 Kinder zuständig?
Bei mir in der Klasse gibt es zum Glück noch eine Schulbegleiterin, die für ein Inklusionskind zuständig ist. Da habe ich also noch ein wenig Unterstützung. Mein Kollege ist mit 18 Kindern allein, man sieht ihm die Anstrengung schon im Gesicht an. Er hat aber auch keine „leichte“ Klasse. 

Ist Erzieher ein Beruf fürs Leben?
Nein. Obwohl ich es gerne machen würde. Ich sehe da leider keine Entwicklung für mich. Mein Kollege ist jetzt Mitte 60, spielt mit den Kindern auch Fußball und alles. Es ist also möglich und er macht es mit Freude. Aber für mich wäre das nichts.

Wieso?
Karrieretechnisch ist in dem Beruf nicht viel zu holen. Ich kann maximal Kitaleiter werden, wenn ich in meinem Bereich bleiben möchte. Dafür müssen natürlich auch noch Weiterbildungen gemacht werden. Vielleicht gehe ich also doch noch studieren. 

Egal ob Kindergärtner, Erzieher oder Grundschullehrer – sie gelten noch immer klassische Frauenberufe. Wie ist es als Mann, in so einem Berufsfeld zu arbeiten?
Da kenne ich den Unterschied zu anderen Branchen natürlich nicht. Aber die gängige Meinung gegenüber männlichen Erziehern ist: entweder schwul oder pädophil. Mittlerweile habe ich diesen Generalverdacht sogar selbst verinnerlicht. Ich überlege immer häufiger, ob ich mit dem Kind bestimmte Sachen machen kann, oder ob es so wirkt, dass ich dem Kind etwas Falsches wollen würde – im Schwimmbad beispielsweise. Das schränkt mich in der Arbeit ein.

Reden Sie da auch mit anderen männlichen Kollegen drüber?
Ja. Vielen wurde von den Eltern auch schon offen pädophile Neigungen unterstellt. In der Krippe forderte mal ein Elternpaar, dass ein Kollege von mir ihr Kind nicht wickeln darf. Diese Sorgen entsprechen natürlich nicht der Realität. Das Bild wurde von der Gesellschaft und den Medien über Jahrzehnte hinweg errichtet. Noch sind sind Männer in Erzieherberufen unterrepräsentiert. Wir sind 14 Kollegen im Team, davon zwei Männer. 

Wenn Sie von heute auf morgen etwas an dem Erzieherberuf ändern könnten. Was wäre das?
Die Ausbildung. Ich bin dafür, dass es wieder ein Anerkennungsjahr gibt. Das heißt, vor dem Beginn der Ausbildung muss man ein Jahr Praktikum in einer sozialen Einrichtung absolviert haben. Sonst haben wir zu viele Azubis, die einfach gerne was mit Kindern machen würden. Mit den komplexen und schwierigen Herausforderungen des Berufs haben sich nur wenige auseinandergesetzt. Denn immerhin erziehen wir die nächste Genration.

Welche Eigenschaften muss ein Erzieher denn haben?
Reflexionsvermögen, Empathie und Selbstkritik.

Sollte noch etwas an der Ausbildung geändert werden?
Ja. Da kommt wieder das Klischee der weiblichen Erzieherin und der damit einhergehenden Mutterrolle zum Vorschein. Die Rolle des Mannes, beziehungsweise des Vaters wird in der Ausbildung überhaupt nicht thematisiert. Obwohl sie genauso wichtig ist. Egal ob im Hort oder in der Kita, Kinder brauchen sowohl weibliche als auch männliche Bezugspersonen.

Familienministerin Franziska Giffey will jetzt eine Fachkräfteoffensive starten, um mehr Männer für den Beruf begeistern. Das will sie erreichen, indem die Erzieherausbildung vergütet wird. Sind Männer wirklich nur wegen des Geldes nicht in dem Beruf?
So einfach sind wir Männer dann doch nicht gestrickt. Der Beruf ist gesellschaftlich nicht wirklich anerkannt, das macht ihn für viele unattraktiv. Vielleicht muss man auch die Anforderungen innerhalb der Ausbildung erhöhen. Nach dem Prinzip einer Hochschule könnte man Ausbildung und Forschung miteinander verbinden. 

Sind dann nicht die Anforderungen für viele angehende Erzieher zu hoch?
Wäre das so schlecht? Immerhin geht es hier um die nächste Generation. Eine Mitschülerin von mir war auch nach ihrem Abschluss noch davon überzeugt, dass Afrika ein Land sei. Dort würden alle Menschen in Lehmhütten wohnen und seien ungebildet. Wollen wir wirklich, dass solche Menschen die nächste Generation erziehen?

„Wie es im wirklichen Leben aussieht, davon habt Ihr doch keine Ahnung“ – diesen Vorwurf hören Politiker immer wieder, aber auch Journalisten. Gerade wenn sie – wie wir in der Cicero-Redaktion – in der Hauptstadt Berlin leben und arbeiten, wirkt das auf viele offenbar so, als seien wir auf einem fernen Planeten unterwegs. Es wird kritisiert, dass wir zwar gern über Menschen sprechen und schreiben, aber kaum mit ihnen reden würden. Der Vorwurf trifft uns hart, und wir nehmen ihn sehr ernst.

Deswegen haben wir auf Cicero Online eine Serie begonnen, in der wir genau das tun: Mit Menschen sprechen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, aber mitten im Leben, und dort täglich mit den Folgen dessen zurechtkommen müssen, was in der fernen Politik entschieden wird. Den Auftakt haben wir mit einem Gespräch mit einem Mann gemacht, der illegal in Deutschland lebt. Es folgten Gespräche mit einer Rentnerin, einer Jüdin und einer Pflegerin.