Kirchenaustritte - Gotteszweifler, bleibt fromm!

Kirchenaustritte sind längst gesellschaftsfähig geworden. Gegenwehr kommt kurz vor Ostern nicht, erst recht nicht von der verlassenen Institution. Bis jetzt: Ein Pastor wehrt sich

Am Rande einer Aktion kollektiver Kirchenaustritt liegen Schilder mit der Aufschrift "Selber Denken! Kirche (durchgestrichen)" auf der Straße (Archivbild 2012)
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Matthias Grießhammer hält nicht mehr die zweite Wange hin. Er wehrt sich, zeigt „Kante“, wie er sagt. 130 Menschen treten jährlich aus seiner Nordstädter Gemeinde in Hannover aus. Denen schreibt der evangelische Pastor jetzt zum Abschied einen Brief: „Während Gott seinen Vertrag mit uns Menschen nicht aufkündigt, haben Sie das mit Ihrem Austritt aus der christlichen Gemeinschaft getan. [...] Auf Ihrem Konto ist ab jetzt mehr Netto. Ein paar kleine Verluste gibt es aber auch für Sie: Auf Ihrer Beerdigung wird ein evangelischer Pastor nicht dabei sein.“ Grießhammer mache ihm ein schlechtes Gewissen, schimpfte daraufhin Miguel Rodriguez, eines seiner abtrünnigen Schäfchen, im Norddeutschen Radio.

Und er ist tatsächlich ungewöhnlich, dieser Tonfall des Pastors. Von der Kirche erwarten wir Demut, auch im Scheitern. Düsseldorf zum Beispiel vermeldet gerade den Höchststand von Kirchenaustritten, auf evangelischer noch mehr als auf katholischer Seite. Die Gegenstrategie der dortigen Kirchen ist eine Plakataktion, die mit der Bitte wirbt: „Gönnen Sie uns das Wort.“ Mehr Betteln geht kaum. Verdient sich die Kirche nicht eher Respekt, wenn sie aufbegehrt gegen all die Wut, die ihr entgegenschlägt?

Aus- und Eintritt nach Bedarf: Glaube auf Abruf


Es wirkt ein bisschen so, als sei der Fall Tebartz van Elst vielen Kirchenmitgliedern ein willkommener Anlass, ihren Austritt in die Realität umzusetzen. Denn seit der Katastrophe von Limburg steigt die Zahl der Abtrünnigen. Das Konstrukt der ökumenischen Haftungsgemeinschaft aber, in die sie nun genommen würden, so sagen viele Lutheraner, scheint weniger plausibel denn dies: Kirche wird heute nach Bedarf genutzt. Austreten ist gesellschaftsfähig und – meist – ohne Gegenwehr. Wer vor den Altar treten will, wer Kinder bekommt, die getauft werden sollen oder von einer unheilbaren Krankheit erfährt, der tritt eben wieder ein.

Die evangelische Kirche macht es einem leicht: „Sie möchten nach einer Zeit des Abstandes oder aufgrund neuer Erfahrungen wieder in die Kirche aufgenommen werden? Kein Problem!“, heißt es bei evangelisch.de. Der Glaube auf Abruf. Dabei muss überzeugtes Gottgedenken doch gar nicht unbedingt vorhanden sein, um eine Mitgliedschaft in der Kirche zu rechtfertigen. Im Gegenteil. Kaum ein guter Pfarrer, der nicht offen mit seinen eigenen Zweifeln an der Existenz Gottes, an seiner Güte, seiner Allmacht umgeht. Wer könnte auch nicht zweifeln, der die Augen auf der Straße öffnet oder abends die Tagesschau sieht.

Dass Menschen lediglich als „Kulturchristen“ leben, wie es Thomas Mann für sich in Anspruch nahm, dass sie Rituale und Werte des Christentums leben, ist für eine Kirchengemeinschaft genauso wichtig. Die 4,7 Milliarden Euro Steuergelder für die evangelische Kirche kamen im vergangenen Jahr vor allem der Pfarr- und Jugendarbeit und Kindertagesstätten zugute, wie auf einer interaktiven Grafik eingesehen werden kann. Die Kirche vereint viele. Vor allem aber die Zweifelnden. Sie bietet gerade denen Heimat, die nicht sicher zu ihrem Glauben stehen. Selbst Martin Luther hat in Zeiten tiefster seelischer Bedrängnis, „wenn er an nichts mehr glauben konnte, auf einem geschriebenen Zettel festgehalten: ‚Ich bin getauft.’“, schreibt Jan von Lingen in „Noch eine Frage, Herr Pfarrer.“

Frömmigkeit heute fast verpönt


Und deswegen ist fehlende Gottesüberzeugung und rationales naturwissenschaftliches Denken keine gute Erklärung für den Austritt derer, die nur noch wutschnaubend ihre Kirchensteuer zahlen.

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld.

Wie die Geschichte der Gebrüder Grimm weiter geht, weiß jedes Kind. Das Sterntalermädchen gibt alles her, bis es nichts mehr am Leib hat. Und am Schluss fallen ihm die Sterne als Goldtaler in den Schoß. Glaube schwankt. Und das fromme Sterntalermädchen zieht uns nicht so in seinen Bann, weil es gut ist und seine Kleider hergibt. Sondern, weil es nicht zweifelt. Weil es ohne zu zögern handelt. Das wohl bedeutet das altmodische Wort „fromm“, das heute nur noch selten genutzt wird. Weil es außergewöhnlich ist, sich in seinem Handeln sicher und aufgehoben zu fühlen. Wir haben gelernt zu zweifeln, aufgeklärt die Dinge zu hinterfragen. Ohne dies wäre eine moderne, demokratische Welt, wie wir sie leben, nicht denkbar. Und gerade deswegen bietet der Glaube denen, die ihn brauchen, einen Halt.

Wann wir aber diesen Halt am dringendsten benötigen, ist nicht vorauszusehen. Aber dass es viele Menschen gibt, die im Angesicht des Todes wieder zu einer Frömmigkeit zurückfinden und Gewissheiten in der Kirchengemeinschaft suchen, können wir aus Pastor Grießhammers Reaktion herauslesen.

Sicher kennt auch Grießhammer den Sterntaler, der sich alles hat abschnacken lassen. Nichts ist ihm geblieben, nachdem seine Mitmenschen ihn ausgenutzt und nackt im Wald zurückgelassen hatten. Aber dann stürzte doch das Gold vom Himmel. Das gibt’s ja nur im Märchen, wird sich der Pastor gedacht haben.

 

 

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