Alter Mann mit seinem Enkel vor einem Bienenstock
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Kino - „Integration braucht kein Zertifikat"

Der Dokumentarfilm „Der Imker“ erzählt die berührende Geschichte des kurdischen Bienenzüchters Ibrahim Gezer. Bevor der Film am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, erklärt Regisseur Mano Khalil, wie man trotz schwerer Schicksalsschläge seinen Lebensmut nicht verliert und warum Integration auch ohne gute Sprachkenntnisse gelingen kann

Autoreninfo

Studierte Politikwissenschaft, Medienrecht und Werbepsychologie in München und Bologna.

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Ibrahim Gezer hat alles verloren. Er wird aus der engen Gemeinschaft seines kurdischen Bergdorfs vertrieben, verliert seine Bienenvölker - seine Lebensgrundlage, seine Familie. Was ihm bleibt, ist die Liebe zur Natur und ein unerschütterliches Vertrauen in den Menschen. In der Schweiz, seiner Asylheimat, wird er vom Räderwerk der Bürokratie erfasst, in eine winzige Stadtwohnung einquartiert und dem Montageband einer Behindertenwerkstadt zugeteilt. Die Geschichte erzählt, wie Ibrahim trotz schwerer Schicksalsschläge sein Vertrauen in die Menschen bewahrt und wieder zu seiner Leidenschaft, den Bienen zurückfindet.

[[{"fid":"60862","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":525,"width":700,"style":"width: 158px; height: 118px; margin: 5px 10px; float: left;","class":"media-element file-full"}}]]Herr Khalil, wie sind Sie auf die Geschichte von Ibrahim Gezer aufmerksam geworden?
Ein Freund von mir hatte mir einmal von einem Kurden erzählt, der in den Schweizer Bergen imkert. Das hat mich interessiert. Schließlich eröffnen Kurden in Europa meistens einen Kebab, aber imkern!? Das ist doch sehr ungewöhnlich. Also habe ich beschlossen, Ibrahim Gezer zu besuchen.

Wie hat er Sie empfangen? War er sofort damit einverstanden, seine Lebensgeschichte verfilmen zu lassen?
Nein, ganz und gar nicht. Er dachte nämlich, dass es mir ausschließlich um seine Bienen geht. Als er dann erfahren hat, dass ich keinen Film über Bienen plane, sondern seine Familiengeschichte erzählen möchte, hat er erst einmal abgeblockt. Es war eine ganze Menge Überzeugungsarbeit notwendig. Wir haben uns oft getroffen, zusammen ein Picknick in den Bergen gemacht, gemeinsam gelacht und auch geweint. Schließlich hat sich eine echte Freundschaft entwickelt, die übrigens bis heute anhält. Erst dann war Ibrahim dazu bereit, seine Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Und auch für mich war diese Zeit eine sehr prägende Erfahrung. Denn ich bin überzeugt davon, dass die Qualität eines Filmes ganz wesentlich davon abhängt, ob man sich persönlich mit dem Protagonisten versteht oder nicht. Schätzt man ihn nicht als Mensch, kann es auch kein guter Film werden.

Ibrahim Gezer ist Imker aus Leidenschaft. Was fasziniert ihn so an den Bienen?
Ich glaube, Bienen sind für ihn ein Symbol der Freiheit. Er hat sich ja immer gewünscht, in einer freien Welt zu leben. Er ist ein sehr naturverbundener Mensch. Als er klein war, lebte er in den Bergen. Und wenn man da inmitten von Tälern, Wäldern und Hügeln auf die Welt blickt, kommt das der Wahrnehmung einer Biene doch sehr nahe. Gleichzeitig leben Bienen in harmonischen, geordneten Strukturen. Genau das hat er sich immer für seine Familie erhofft.

[video:Der Imker]

Es sollte anders kommen. Nachdem die Familie in Folge des türkisch-kurdischen Konflikts auseinandergerissen wurde, muss Ibrahim Gezer fliehen und wird schließlich in der Schweiz als politischer Flüchtling anerkannt. Sie sind selbst Kurde und mussten aufgrund eines kritischen Filmes in die Schweiz emigrieren. Wie viel Autobiographisches steckt in diesem Film?
Sehr viel. Fast alle meine Filme geben auch einen Teil meiner eigenen Geschichte wider. Und zwischen Ibrahim und mir gibt es tatsächlich eine ganze Menge Parallelen. Wir mussten beide alles zurücklassen und in der Fremde ganz von vorne beginnen. Ibrahim war in seiner Heimat ein sehr erfolgreicher Bienenzüchter, er verkaufte 18 Tonnen Honig im Jahr. In der Schweiz aber wurde er in ein Beschäftigungsprogramm gesteckt, in dem er nur noch Kartons sortieren sollte. Auch ich war zwei Jahre lang im Flüchtlingslager und konnte keine Filme mehr drehen. Für die Schweizer Gesellschaft war ich nichts anderes als eine anonyme Nummer im System.

Heute sind Sie ein mehrfach prämierter Regisseur. Wie haben Sie es geschafft, sich aus dieser schwierigen Situation zu befreien?
Das war nicht ganz einfach. Ich zeigte den Behörden meine Diplome; immerhin hatte ich in Syrien Jura und Geschichte studiert und war anschließend in der ehemaligen Tschechoslowakei an der Filmhochschule gewesen. Außerdem sprach ich zu dem Zeitpunkt tschechisch, slowakisch, arabisch, kurdisch, englisch, ein bisschen italienisch und lernte gerade deutsch. Ich hätte also wunderbar eine Übersetzungstätigkeit ausführen können; mein Sachbearbeiter schlug mir stattdessen eine Ausbildung zum Taxifahrer vor. Dagegen habe ich mich gesträubt. Schlussendlich organisierte er mir einen Job beim Theater in Bern und lockte mich mit lukrativen Kontakten zu interessanten Schauspielern und Künstlern. Das klang vielversprechend in meinen Ohren. Als ich dann aber beim Theater anfing, merkte ich schnell, was meine wirkliche Aufgabe war: Circa achtzig Prozent meiner Arbeitszeit habe ich darauf verwendet, die Toiletten zu putzen. Das habe ich dann die nächsten fünf Jahre gemacht.

Sie haben nie resigniert?
Nein, wirklich nie. Man darf seine Hoffnung nicht verlieren. Das ist ganz entscheidend. Also habe ich während dieser fünf Jahre weitergemacht, Filme zu drehen und Regie zu führen. Und sehen Sie: Nun feiert mein Film in Berlin Premiere. Ich habe mir immer gedacht: Wenn ich aufgebe, hat das Regime in Damaskus gewonnen. Und diesen Triumph wollte ich den Machthabern einfach nicht gönnen (lacht). Doch das soll keine Kritik an der Schweizer Gesellschaft sein. Ich lebe sehr gerne dort.

Auch Ibrahim Gezer scheint wenig Groll darüber zu empfinden, dass die Schweiz seinen Beruf zum bloßen Hobby degradiert und ihn stattdessen Kartons sortieren lässt. In vielen Szenen zeigen Sie ihn geradezu als Inbegriff eines Schweizers: Er ist pünktlich, genügsam, bindet gar seinen Müll zusammen…
Ja und diese Szenen habe ich sehr bewusst gewählt. Denn die Geschichte von Ibrahim beweist für mich auch, wie vielfältig und individuell gelungene Integration aussehen kann. Dieser Prozess folgt nun einmal keinem festen Schema. Ibrahim etwa liebt die Natur, findet Freunde, achtet die örtlichen Gesetze: Er ist also bestens integriert, obwohl er nicht einmal dieselbe Sprache spricht. Dafür braucht es weder einen Kurs noch ein bestimmtes Zertifikat. Welchen Aussagewert sollte das auch haben? Ich kenne hingegen auch ziemlich viele Schweizer, die nur unzureichend in die Gesellschaft integriert sind: Etwa wenn sie arbeitslos sind oder Probleme mit Alkohol und Drogen haben.

Der Film ist auch eine Hommage an die Menschlichkeit. Ibrahim ist eigentlich ein unpolitischer Mensch, verliert aber zwei Kinder im Guerilla-Krieg der PKK, ohne darüber zu verbittern. Welche politische Botschaft geht von dem Film aus?
Mir ging es eher um die psychologische Dimension, als um eine politische Aussage: Wie hält es ein Mensch aus, so viel Leid zu ertragen? Dass es sich dabei nun um einen Kurden handelt, war für mich nicht so entscheidend. Es hätte auch ein Deutscher oder ein Afrikaner sein können. Es gibt einfach Ungerechtigkeit in dieser Welt, die jedem widerfahren kann. Das wollte ich zeigen.

 

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