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Keine Zeit? - Ein Hoch auf die Langeweile

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Die Beschwerde, auf die wir uns alle einigen können, lautet: Zu wenig Zeit! Dabei haben wir längst verlernt, mit freier Zeit umzugehen. Schlaf ist verpönt, wer sich langweilt, gilt als Verlierer. Zu Unrecht. Ein Weckruf

Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Wenn sich unsere Gesellschaft in einer Klage einig ist, dann ist es die über mangelnde Zeit. So lesen sich die Ergebnisse zahlreicher Umfragen, sei es in Bezug auf Partnerschaft und Ehe, Kinder und Familie, auf Karriere und Job. Titelgeschichten noch und nöcher zieren die Kiosks rund um die Frage, wohin wir rennen, warum wir so hetzen, wo die Zeit geblieben ist. Der Soziologe Hartmut Rosa warnt seit Jahren vor einem Steigerungszwang, in dem wir uns befänden, der „fortwährend auf Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung“ setze.

So entstehe eine entfremdete Gesellschaft, die sowohl ihre Psyche als auch Physis überfordere. Wir gönnen uns keine Rast, der dringlichste Wunsch an den modernen Arbeitgeber ist kein feiner Firmenwagen, sondern mehr Freizeit. Dass Apple, dieser Konzern am Puls der Zeit, seine Entwicklungsgelder nun in eine Armbanduhr gesteckt hat, scheint mehr als ein Gleichnis. Denn am Ende opfert sich der Angestellte dann doch genauso auf wie der Selbstständige, überfrachten wir freiwillig unsere Sonntage mit Verabredungen, nutzen wir jede Lücke im Feierabend für Hobbys und Veranstaltungen.

Latte-Macciato-Mütter und Fenstergucker
 

Denn eines ist klar: So schlimm es auch ist, keine Zeit zu haben, viel schlimmer noch scheint der Zustand, zu viel Zeit zu haben. Denn wer viel Zeit hat, wer sich gar offen langweilt, zieht Unverständnis auf sich. Er gilt als nicht gefragt, als Loser, hat entweder keine Freunde – oder keinen Job. „Du hast doch zu viel Zeit“, wird als Schimpftirade gern gebraucht. Wer sich langweilt, ist sich selbst nicht genug. Ein schlimmeres Urteil kann es kaum geben. Wir sehen das an überperfekt geputzten Wohnungen von Hausfrauen, deren Kinder ausgezogen sind. An älteren Menschen, die sich ins Getümmel eines freizeitgestressten Daseins werfen und anstatt den Lehnstuhl warm zu sitzen, Touren mit dem E-Bike unternehmen. Die Jungen sitzen im Café und sind busy, unterhalten sich mit Projektpartnern oder wischen auf mobilen Endgeräten herum. Auf gar keinen Fall aber stieren sie aus dem Fenster.

Latte-Macciato-Mütter sind verschrien, weil sie – vermeintlich – gar nichts tun während sie müde an ihrem Kaffee nippen. Nur der Eingeweihte sieht, dass sie auf die nächste Challenge ihres Auftraggebers warten, während sie die nicht selbst gewählte Pause nutzen. Noch nie habe ich den Facebook-Eintrag gelesen: Ich langweile mich. Nein, wir nennen es lieber Prokrastination und sind damit sozusagen in der Königsklasse angekommen. Sascha Lobo, Prokrastinationsprofi und erfolgreicher Selbstständiger, ist stets sichtlich beschäftigt und beileibe nicht der Typ, der lahm vor sich hinvegetiert. Im Gegenteil prokrastiniert er, indem er langweilige Dinge aufschiebt, weil er besseres zu tun hat. Und das ist sicher nicht aus dem Fenster schauen.

Zeit frisst Hirn
 

Dabei ist es wichtig, sich zu langweilen. Nur durch Langeweile werden „wichtige Entwicklungsschritte vollzogen“, sagt Linda Caldwell von der Penn State University, die das Freizeitverhalten von Jugendlichen erforscht. Aber auch Erwachsenen gilt sie als Triebfeder des Geistes, als Voraussetzung für einen kreativen Umgang mit dem Selbst. Die Langeweile erst macht es möglich, wahre Eigeninteressen aus der Vielzahl der Angebote herauszufiltern. Wie soll also eine Gesellschaft vorankommen, die nicht aus dem Fenster schaut? Sie ist genauso gefährdet wie eine Menschheit, die ihrem Bedürfnis nach ausreichend Schlaf nicht nachkommt. Denn auch in diese Falle sind wir längst getappt. Wir folgen einer Kanzlerin, die sich immer wieder ihres kamelhaften Habitus’ rühmt, der es ihr erlaube, mit nur vier Stunden Schlaf auszukommen. Ihre Speicher müssten dann einfach immer mal wieder aufgefüllt werden, erklärt sie lapidar. Seit Jahrzehnten vermindert sich die Zeit konsequent, die wir im Bett verbringen, die gesamte Gesellschaft leide unter „relativem Schlafentzug“, melden Neurologen nun. Und das schade dem Hirn, es drohe Demenz.

Wir wären also schön blöd, wenn wir uns weiterhin selbstverschuldet um Schlaf und Langeweile brächten. Wir müssten sie dagegen viel mehr loben und preisen. Lernen, sie zu kultivieren. Es gibt dann schon genug Gründe, die uns zum Wachsein verdammen. Bei mir war es heute Nacht der Hahn, seit kurzem geschlechtsreif, der seine neue Erfahrung mit dem gerade erwachenden Testosteronhaushalt um drei Uhr morgens in die kalte Heideluft krähen musste. Heute stiere ich dafür ein bisschen mehr aus dem Fenster. Macht nichts.

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