Kein Platz für Luxus

Demokratischer wohnen: Die deutschen Bundeskanzlerhausen ebenso eng und bescheiden wie ihre Wähler.Eine Stilkritik

Hier wohnte Gerhard Schröder zu Kanzler-Zeiten.
() Hier wohnte Gerhard Schröder zu Kanzler-Zeiten.
Als sich Ludwig Erhard – er war noch Bundeswirtschaftsminister – 1953 in Gmund am Tegernsee niederließ, erwartete das Volk, dass er seinen Neubau klaglos der umgebenden Monotonie aus stilisierten Bayernhäusern mit Lüftlmalerei und Geranienbalkon anpassen würde. Stattdessen zeigte Erhard eine Vorliebe für gemäßigte Avantgarde. Mit einem licht durchfluteten Bungalow setzte er einen ornamentlosen Akzent, der zum Hassobjekt der Anwohner wurde. Bundesweit hagelte es Medienschelte. Nach Erhards Tod 1977 rührte sich keine öffentliche Hand zum Erhalt dieses „Period Piece“ aus Wirtschaftswunderzeiten. Das Gesamtkunstwerk ging verloren. Danach hat kein deutscher Bundeskanzler mehr gewagt, mit seinem Eigenheim baulich aus der Reihe zu tanzen. Davor auch nicht: Konrad Adenauer Der erste Kanzler der Republik bewohnte ein Haus, das zu einer bundesrepublikanischen Wallfahrtsstätte geworden ist: Es ist der einzige Privatwohnsitz, der Besuchern offen steht. Das Haus mit typisch deutschem Krüppelwalmdach entstand 1937 – ein Datum mit Symbolwert, steht es doch für Adenauers „Innere Emigration“. Nachdem die Nazis 1933 den Kölner Oberbürgermeister geschasst hatten, wurde ihm verboten, sich innerhalb des Regierungsbezirks Köln niederzulassen. Die Legende will, dass seine Wahl auf Rhöndorf am Rhein fiel, weil es gerade außerhalb der Tabuzone lag und weil man von dort die Turmspitzen des Kölner Doms sehen kann. Der erste Teil der Geschichte ist richtig, der zweite nicht. Dennoch ist es ein hübsch ausgedachtes Detail im Adenauer-Mythos. Man stellt sich vor, wie der rüstige Frührentner beim Bau seines Alterssitzes, bei der Anlage der Terrassen – die Steine soll er eigenhändig herbeigeschleppt haben – bei der Pflege seiner Rosen immer wieder sorgenvoll hinübergeblickt hat zu seiner Vaterstadt. Das Grundstück in Hanglage strahlt bei Sonnenschein eine fast südländische Heiterkeit aus: Weinberge, Rheinblick, Rosengarten. Das Haus selbst ist weder groß noch klein, schnörkelloser Landhausstil mit Fensterläden. Alles fügt sich zu einem derart schlüssigen Bild, dass man schon wieder misstrauisch wird: Das Ölgemälde von Hobbymaler Winston Churchill, die kleine Statue, ein Geschenk von David Ben Gurion. Hatte Adenauer diese Dinge wirklich an dieser Stelle, oder haben es Museumspädagogen posthum arrangiert, damit man Schulklassen die Westintegration und die Israelpolitik anschaulich erklären kann? Die von Adenauer zusammengetragenen Heiligenskulpturen der Altkölner Schule symbolisieren nicht nur rheinische Heimatliebe und katholische Frömmigkeit. Sie sollten Gäste in dem Irrglauben belassen, die Kunstwerke seien Teile einer ererbten Sammlung. Tatsächlich stammte Adenauer aus einer kleinbürgerlichen Familie, die keine gotischen Bildwerke verwahrte. Im Hinblick auf sein Elternhaus unterscheidet sich der erste Kanzler also nicht von den folgenden. Doch nur Adenauer hatte das Bedürfnis, sich mit einer großbürgerlichen Abstammung zu schmücken. Willy Brandt In der Reihe der Sesshaften war Willy Brandt ein ruheloser Vagant. Man wird ihn mit dem Kniefall in Warschau, dem Nobelpreis in Oslo und dem Berlin von Mauerbau und Mauerfall verorten, nicht aber mit einem Stück „Heimat“ in einem vorstädtischen Einfamilienhaus. Während seiner Kanzlerschaft wohnte er nach der Trennung von Ehefrau Rut in einer Zwei-Zimmer-Dachwohnung auf dem Bonner Venusberg. Der Hausmeister war der Kammerdiener, weckte ihn morgens, die Hausmeisterfrau bügelte die Hemden. Den Weg zu Brandts Haus in Unkel am Rhein (Auf dem Rheinbüschel 60), wo er seinen Lebensabend mit Frau Brigitte verbrachte, können Anwohner heute noch mühelos weisen. Doch Brandt blieb ein Wanderer zwischen den Welten. Darüber kann auch nicht das „Willy-Brandt-Zimmer“ mit Möbeln und persönlichen Erinnerungsstücken hinwegtäuschen. Der Bürgermeister hat es im Unkeler Rathaus einrichten lassen, um die Ortsverbundenheit Brandts zu demonstrieren. Gewohnt hat der Kanzler dort freilich nie. Helmut Schmidt Willy Brandts Nachfolger bleibt Rekordträger im Kleben an der Scholle. Seit 40 Jahren bewohnen Helmut Schmidt und Frau Loki ein flach gedecktes Reihenendhaus mit Garten aus den Sechzigerjahren. Spätestens nach dem Ende von Schmidts Kanzlerschaft 1982 wurde das Domizil im unspektakulären Hamburg-Langenhorn zu eng. Es galt ja nicht nur Memoiren zu schreiben, mischt er doch bis heute als Herausgeber der Zeit in der Gegenwartsdeutung mit. Sekretariat, Bibliothek und Archiv sprengten den Rahmen des Hauses. Doch statt ein größeres zu erwerben, in dem der Klavier spielende Altkanzler an Stelle seines Stutzflügels einen Konzertflügel hätte aufstellen können, kaufte das Paar ein Haus in der Nachbarschaft. Seitdem pendeln die Schmidts über die Straße hinweg zwischen beiden Anwesen. Im Haupthaus gibt es viele Bücher, eine Sitzgruppe, eine Hausbar und ein Gewächshaus für Lokis botanische Neigungen. Die Message dieser Home Story lautet: Seht her, ich bin einer von euch, bodenständig und sesshaft, ich teile euren Geschmack und wohne demokratisch. Helmut Kohl In der Rekordkanzlerschaft von Helmut Kohl war der Bungalow in Ludwigshafen-Oggersheim, Marbacher Straße 11, ein wichtiger Ort. Lang ist die Liste der Staatsmänner, die hier zu Gast waren. Das Haus hat Kohl 1971 als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz bezogen. Verantwortlich für Planung und Baudurchführung: seine Frau Hannelore. Das Gebäude sollte „separate Abläufe“ zulassen. Im ersten Stock der Privattrakt der Kohls und ihrer Söhne, im Zwischengeschoss eine Einliegerwohnung für die Schwiegermutter und im Erdgeschoss die Räume, die ausländischen Staatschefs einen nachhaltigen Eindruck deutscher Gemütlichkeit hinterlassen sollten. Neben dem „Bauernzimmer“ und der quadratischen Küche liegen das Esszimmer, das in ein lang gezogenes Wohnzimmer mit anschließender Bibliothek übergeht. Dazwischen befinden sich große tapezierte Schiebetüren, die bei Bedarf als Trennelemente fungierten. Die Zimmerdecken sind mit Holzfunierpaneelen verkleidet. Das verleiht den Räumen dieselbe Spannung aus Sterilität und Heimeligkeit, die pfälzischen Weinstuben innewohnt, wenn sie in den siebziger Jahren renoviert wurden. Im Keller steht eine Tischtennisplatte. Gipfelpunkt der Extravaganz ist ein kleiner Swimmingpool im Garten.Als die schwarzen Kassen des Altkanzlers Kohl aufflogen, haben ihm seine Anhänger zugute gehalten, dass die illegalen Gelder nie in seine Taschen geflossen sein sollen. Anscheinend ging ihm es nicht darum, eine Luxus-Finca mit Meerblick auf Mallorca oder ein Barockschloss am Wolfgangsee zu erwerben. Vielmehr träumte er davon, auch noch im Jahre 20 seiner Kanzlerschaft die Mächtigen in seiner kleinen Oggersheimer Bauernstube mit Pfälzer Saumagen zu verwöhnen. Gerhard Schröder Manch einer hat sich beim Anblick des hannoverschen Reihenendhauses der Familie Schröder gewundert, dass dies nun die Endstation Sehnsucht nach 40 Jahren Ochsentour durch Partei und Staat sein soll (für Details siehe: www.gerdsneuehuette.de). Das schwerblütige Haus wurde 1930 im gutbürgerlichen „Hindenburg-Viertel“ errichtet. (Hier lebte der pensionierte Feldmarschall vor seinem Umzug als Reichspräsident nach Berlin.) Schröder zog hier 2002 ein, und der Vorbesitzer – ein Architekt – hatte das Gebäude komplett umbauen lassen. Nur die dunkle, knarrende Eichentreppe mit schwerem Handlauf erinnert an die Vergangenheit. Alles andere ist in hellen Farben und leichten, unprätentiösen Formen neu gestaltet worden: die Arbeitszimmer von Kanzler und Gattin im Souterrain, Wohn- und Esszimmer nebst Küche im Erdgeschoss, Schlaf- und Gästezimmer im Obergeschoss. Hier könnte auch ein Anwalt oder ein Architekt wohnen. Überall hängen Bilder zeitgenössischer Künstler, die dem Hausherrn oft persönlich zugeeignet sind: Lüpertz, Immendorff, Baselitz. Dazu ein paar ältere Expressionisten und Neue Sachlichkeit. Handzeichnungen, Aquarelle und Skizzen. Es wird berichtet, dass Schröder während seiner eng bemessenen Freizeit Kunstkataloge wälzt und die Hängung seiner Bilder neu arrangiert. Ölschinken findet man nicht – für die würde auch der Platz nicht reichen. Am Esszimmertisch können nur acht Personen sitzen. Besonders chinesische Kommunisten, die mit großem Gefolge nach Deutschland anreisten, sollen schockiert gewesen sein über solch häusliche Enge. Liegt es am fehlenden Gelde? Harald Schmidt hat einmal erklärt, dass Gerhard Schröder gerade mal 300 000 Euro brutto verdient, bei der Steuer nicht mogeln darf, und als viermal Verheirateter vielleicht auch stattliche Alimente zahlen muss. Gäbe es dieses Handicap nicht, wäre es denkbar, dass sich der Bundeskanzler nach dem Ausscheiden aus dem Amt endlich jenen luxuriösen Wohnsitz zulegte, den er sich vielleicht heimlich erträumt. Doch Schröder, wie alle seine Vorgänger, weiß: Gehobene Wohnkultur der Mächtigen wird von den Wählern nicht honoriert. Der Autor ist Historiker und Museums­kurator. Ab November wird er die Aus­stellung „Schatzhäuser Deutsch­lands“ im Haus der Kunst in München leiten Foto: Picture Alliance

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