Daniel Kehlmann
() Daniel Kehlmann
Kehlmann liest Algernon Blackwood

Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts machen zwei abenteuerlustige junge Männer, ein Engländer und ein Schwede, eine Bootsfahrt auf der Donau. Ein paar Stunden nach Wien nur, da der Strom breiter wird und es keine Siedlungen mehr gibt, gehen sie an einer von Weiden überwachsenen Insel an Land und zünden ihr Lagerfeuer an.

Kein Mensch weit und breit, nur Wildnis. Was dann passiert, erzählt auf knapp hundertfünfzig Seiten die vielleicht beste Horrornovelle aller Zeiten.

Der Engländer Algernon Blackwood schrieb in seinem langen Leben von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts viele Dutzend Bücher: Romane, Kurzgeschichten, Reiseerzählungen und Reportagen. Von diesem umfangreichen Werk wird womöglich nichts bleiben als die schmale Novelle „Die Weiden“. Im Jahr 1901 hatte Blackwood die Donau befahren, kurz danach veröffentlichte er einen unspektakulären Reisebericht, aber erst sieben Jahre später schrieb er jene Erzählung, in der es ihm gelang, das Erlebnis durch seine dunkle Fantasie in ein großes Werk des Schreckens zu transformieren.
Es gehört zu den Stärken von „Die Weiden“, dass es kaum möglich ist, den Inhalt konzise zusammenzufassen: Zu traumartig ist hier alles, zu verwirrend und rätselhaft. Blackwood arbeitet mit atmosphärischen Andeutungen, und anders als seine Bewunderer P.H. Lovecraft und Stephen King widersteht er der Versuchung, den Schrecken durch Abrundung des Erzählbogens oder durch Verflachung der Bedrohung in physische Brutalität zu schwächen. Das Furchtbare nimmt nie Gestalt an, und eben dadurch wird es nie banal oder albern.
Seltsame Dinge geschehen auf der Insel.

Zunächst haben die beiden Männer Angst, ohne dass sie selbst wissen wovor; sie spüren, dass sie nicht alleine sind, und die Insel nicht ist, was sie scheint. Sie hören Geräusche, die nicht von außen, sondern aus dem Inneren des Raumes selbst zu kommen scheinen, sie haben fiebrige Visionen, sie merken, dass die Geografie der Insel sich verändert; und zugleich ist, wie es in einer klassischen Horrorgeschichte sein muss, plötzlich ihr Boot beschädigt und eine Flucht unmöglich. Die beiden beginnen Dinge zu sagen, die nicht die eigene Vernunft ihnen eingegeben hat, sie finden Muster im Sand, und sie wissen plötzlich, dass sie gejagt werden.

Man tut aber der Erzählung Unrecht, wenn man sie auf diese Art zusammenfasst: Bei Lovecraft, dem Innovator der Gattung, entsteht der Horror meist aus der Begegnung mit dem völlig Fremden, normalerweise aus dem Weltall oder aus dem Urgrund der Zeiten, das so erschreckend ist, dass allein sein Anblick den Geist der handelnden Figuren trübt oder zerstört. So auch bei Blackwood – nur ist bei ihm die Fremdheit keine physiologische, sondern eine der Dimension; es gibt keine Aliens, keine gepanzerten Monster, sondern die Ahnung eines anderen Kosmos, der an einigen Punkten dem unseren nahekommt: Der Vorhang wird dünn. Für einige Momente werden die beiden Männer an solch einem Punkt für die drüben, jenseits des Abgrunds lebenden Wesen sichtbar – kraft ihrer Angst und durch ihre Gedanken.
Humor und Schrecken lassen sich nicht zusammenfassen, beide existieren nur in der erzählenden Realisierung, man muss sie erleben, um sie nachzuvollziehen. Wem es Vergnügen macht, auf kluge Art erschreckt zu werden, sollte „Die Weiden“ lesen. Wer solch ein Vergnügen aber nicht kennt und sein Leben lieber ohne Kontakt mit der Angst führt, sollte von diesem Buch nun wirklich die Finger lassen.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann las für Cicero: Algernon Blackwood, Die Weiden: Eine phantastische Geschichte und eine Reiseerzählung, Heinrich & Hahn, 2007.

Foto: Picture Alliance

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