Karl Lagerfeld - „Nach mir die Sintflut“

Er galt als der letzte Superstar der Mode. Über ein halbes Jahrhundert hat Karl Lagerfeld die Mode von Paris aus regiert. Jetzt ist er mit 85 Jahren gestorben. Nachruf auf einen Exzentriker, der schon zu Lebzeiten an seinem eigenen Denkmal gearbeitet hat

Karl Lagerfeld 2014 bei einer Ausstellung im Essener Folkwang-Museum
„I'm very much down to earth – just not this earth.“ Karl, der Große, 1933-2019 / picture alliance

Autoreninfo

Jonathan Meynrath studiert Kunstgeschichte und schreibt Essays zu Themen der Kultur und Unterhaltung.

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Jonathan Meynrath

Auf sämtlichen Instagram- und Twitter-Accounts der Prestigeträchtigen und Reichweitenstarken, von Diane Kruger über Victoria Beckham bis hin zu Christian Lindner, ist Karl Lagerfeld im Laufe seines Todestages bereits ins Gebet genommen worden. Falls er, der auch und gerade im real existierenden Egalitarismus gern als ‚Modezar‘ von sich reden machte, der bekannteste Deutsche gewesen sein sollte, so hätte er darauf nicht viel gegeben: Wenn ihn im Ausland Menschen mit dem Hinweis ansprachen, sie seien auch Deutsche, dann zeigte er sich für gewöhnlich kurz angebunden: „Da gibt’s 80 Millionen von.“

Als Sohn eines Hamburger Fabrikanten in wohlhabende Verhältnisse geboren, genoss Lagerfeld von klein auf die Freiheit, zu tun und vor allem zu lassen, was er wollte. Zur Schule etwa, wo er schon früh den Französisch-Lehrer ausstach, verschlug es ihn laut Selbstauskunft nur gelegentlich. Nur einem Ort, das hatte seine offenbar umsichtige Mutter verfügt, musste der Junge fernbleiben: der Kirche. Denn die vorkonziliare Prunkentfaltung der tridentinischen Messe, mitunter abschätzig als „Operetten-Katholizismus“ geschmäht, hätte dem Jungen, so zumindest die Befürchtung der Mutter Elisabeth Bahlmann, imponieren und ihm in der Folge so manchen anderen Weg verbauen können. Schon der Großvater Karl Bahlmann war in der katholischen Zentrumspartei aktiv gewesen.

Von Bahlmann zu Balmain

Stattdessen verbrachte Lagerfeld seine Jugend vornehmlich lesend und zeichnend. Als frühes Lieblingsbuch führte er bisweilen eine opulente Ausgabe des Nibelungenliedes an, bebildert von Moritz von Schwind und Julius Schnorr von Carolsfeld. Noch Jahrzehnte nach dieser prägenden Lektüre erkannte sich der Gealterte nicht zuletzt in der ausdauernden Kriemhild wieder: Allzu pünktliche Rache, so erklärte der Modemacher, sei ihm zu vulgär. Wie Kriemhild aber Jahre der vermeintlichen Ruhe ins Land ziehen zu lassen, ohne dabei das Kriegsbeil tatsächlich zu begraben, um unbeglichene Rechnungen schließlich in einem Moment wieder aufzumachen, da es niemand mehr erwarte, das könne schon Stil haben und sei auch ihm nicht ganz fremd.

Als neben dem Lesen auch das Zeichnen überhand nahm, soll die Mutter einige Skizzen des Sohnes dem Direktor der Hamburger Kunstakademie zugespielt haben, um ein fachkundiges Urteil einzuholen. Nachdem der Mann die Zeichnungen begutachtet hatte, fällte er ein Urteil, das im Rückblick kaum Widerspruch auf sich ziehen kann: „Wissen Sie, gnädige Frau, das Zeichnen ist Ihrem Sohn doch ganz gleichgültig. Den interessieren doch nur die Kleider.“ Dieser Feststellung folgend, verließ Lagerfeld 1952 seine Geburts- und Heimatstadt in Richtung Paris, von Bahlmann zum aufstrebenden Modeschöpfer Balmain, der nicht nur Marlene Dietrich und Katherine Hepburn zu seinen Kundinnen zählte, sondern bald auch Lagerfeld zu seinen Lehrlingen. Über zahlreiche Umwege verschlug es ihn 1983 zu Chanel, wo er es in der Position des künstlerischen Direktors immerhin zum Modepapst brachte, nachdem er als Kind der Kirche hatte fernbleiben müssen. 

Rilke als literarischer Hausgott 

Daneben fand Lagerfeld genügend Zeit, sich eine Privatbibliothek von rund 300.000 Bänden aufzubauen. Nachdem Roger Willemsen 2012 auf der lit.Cologne ein bejubeltes Interview mit dem hanseatischen Wahl-Pariser führte, attestierte er seinem Gesprächspartner im Nachgang beinah ungläubig, wahrscheinlich nicht wenige dieser Bände auch wirklich gelesen zu haben. Zu seinen literarischen Hausgöttern zählte Lagerfeld neben Thomas Mann und Rainer Maria Rilke auch vergleichsweise unbekannte Figuren wie Liselotte von der Pfalz, eine Schwägerin Ludwigs XIV. und scharfzüngige Beobachterin des zeitgenössischen Hoflebens, deren Briefwechsel er begeistert las.

Überhaupt schien Lagerfeld geistig zeitlebens in einer Welt zu residieren, in der Absolutismus und Belle Èpoque, Art déco und Jugendstil wie selbstverständlich fortexistierten, in der Oscar Wilde und Montesquiou gelesen wurden und in der Schönheit noch nicht als verdächtig galt. Inmitten einer Dekadenz also, die er zugleich bewunderte und erfolgreich von sich fernhielt: Denn zur Selbstzerstörung, so betonte der disziplinierte Workaholic oft, fehle ihm schlicht das Talent. Was andere aus der Bahn werfen konnte, ließ ihn kalt: „Die Gleichgültigkeit ist an mir hochgewachsen wie Efeu. Nur gewöhnliche Leute ärgern sich.“

Wettern gegen die Willkommenspolitik 

Nur selten wich er von dieser weltentrückten Haltung ab. So etwa im Herbst 2017, als er, Kosmopolit und jedes „Hornvieh-Nationalismus“ (Nietzsche) unverdächtig, sich zur Migrationspolitik der Bundeskanzlerin in ungewohnter Schärfe einließ. Lagerfeld, als Direktor von Chanel eng mit der Besitzer-Familie Wertheimer bekannt. Er verurteilte die folgenreiche Grenzöffnung mit dem womöglich überspitzten – jedoch nicht ganz von der Hand zu weisenden Einwand – dass es schon einer recht eigenwilligen Interpretation von historischer Verantwortung bedürfe, um erst Millionen Juden zu töten, um dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land zu lassen. Auch sprach er der Willkommenspolitik die hehren Motive ab, um sogleich weniger altruistische ins Spiel zu bringen: In erster Linie habe Merkel ihr „Image als Rabenmutter in Europa“ wieder aufpolieren wollen. Schon 2015 hatte Lagerfeld durch eine spontane Zeichnung seine Solidarität mit dem Satire-Magazin ‚Charlie Hebdo‘ bekundet.

Darüber, was der Modeschöpfer über den eigenen Tod sagen würde, muss nicht spekuliert werden: Oft hat er Fragen dazu in der ihm eigenen, unsentimentalen Weise weggewischt: „Nach mir die Sintflut“, lautete dann die häufigste Entgegnung, ganz im Stile der Madame de Pompadour und des von ihm verehrten französischen Absolutismus. So wie man sich nach dem Tode von Bruno Ganz fragen kann, was aus dem Iffland-Ring wird, so könnte man sich im Falle Karl Lagerfelds fragen, was denn nun aus den 300.000 Büchern werde, von denen er nicht wenige gelesen hat. Auch darauf antwortete der heute Verstorbene bereits zu Lebzeiten: „Das ist die einzige Frage, die ich mir noch nicht beantwortet habe. Ich beschäftige mich mit dem Heute und dem Morgen. Was nach mir ist, interessiert mich nicht.“

Michaela Diederichs | Di, 19. Februar 2019 - 19:20

Würdiger Nachruf!

Romuald Veselic | Mi, 20. Februar 2019 - 07:56

im Griff". Orig. Zitat v. Mr. Lagerfeld.
Und es werden immer mehr, was man sieht, wenn man unter die Leute geht. Schlabbernde Jogging/Freizeithosen sind In. Ausschließlich bei Männern, die unrasiert oder bärtig sind, mit aerodynamischen Frisuren. Was könnte dahinter stecken?
Emanzipation der Männer in einem Alter bis 30?

Hallo Herr Veselic,
genau was Sie in kurzen Sätzen beschreiben, versursacht bei mir immer ein Kopfschütteln & Augenschmerz beim Anblick solcher "Zeit"-Genossen!
Individuell-Denkste? Nein, reiner Herdentrieb oder Rudeldenken.
Sieht einfach doof aus: Männer mit kurzen Hosen, dreiviertel lange Hosen oder zerfranzte mit Löchern übersäte(u.a.) Jeanshosen. "Frisuren" wo einem die Haare zu Berge stehn. Jeder 2. mit einen "IN" (Hipster)-Dreitage-Bart rumläuft. Kopfhörer tragend, so groß wie Schildkrötenpanzer. Mache hier Schluß mit Aufzählen!
MfG.
P.S. Vieleicht darf ja KL oben beim Herrn die Engel & andere Geschöpfe neu einkleiden?
Au revoir, Karl!

Jens Rotmann | Mi, 20. Februar 2019 - 10:00

......habe ich ihn wahrgenommen. Und zur Merkel-Politik, klare Worte. Überspitzt fand ich das nicht. Nach mir die Sintflut - auch das wird eintreten und zwar bald.

Ich bin vielleicht doch nicht so leicht zu lesen?
Da ich die Entwicklung (West)Deutschlands der letzten Jahrzehnte für EIN WUNDER halte, errichtet auf VÖLLIGER ZERSTÖRUNG, vielleicht sogar ohne die Gewissheit auf Zukunft, aber sich IN WÜRDE den Reparationen und Reglementierungen EINFÜGEND, packte mich angesichts der evtl. "Unverfrorenheit" Merkels gepaart mit vor allem Nichtwissen um das Juwel Westdeutschland das kalte Grausen.
Ich gebe zu, dass meine Befürchtungen übertrieben waren!
Anders als die meisten hier im Forum, aber auch bei Presse oder Politik schliesse ich mich Kohls Sichtweise auf sie an.
Durchaus aus verwandter Sicht, schaute er aus Wolken seiner m.E. eher Selbstüberschätzung auf die platte Erde.
Die Fallhöhe stimmt aber.
Nur besteht die Welt eben doch noch aus mehr als Frau Merkel und sie dreht sich mit uns Allen.
Nachdem Merkel sich selbst evtl. zur Maxime machte und über alle brachte, gibt es also einen GEMEINSAMEN Ausgangs-punkt:)
Das lässt mich hoffen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 20. Februar 2019 - 10:41

stellt sich für mich die Frage, ob Karl Lagerfeld wirklich ein "Modezar" war.
Ein Irrtum zu glauben, er interessiere sich nur für Kleider, mir scheint, er bebilderte, kleidete eine Zeit, die er selbst evtl. noch verkörperte, mindestens aus Büchern erstehen lassen konnte, kurz die Zeit, die die Weltkriege gerade für Deutschland zerstörten, um die Deutschland gebracht wurde.
Wenigstens für einen Moment lang
will ich in der Person Karl Lagerfeld trauern um eine Zeit, die Deutschland nur als Sintflut erlebte.
Ich hoffe, dass sich für Deutschland die Wellen zurückziehen.
Karl Lagerfeld war eine Brücke, über die wir vielleicht auch einmal zurückschauen können.
Vor allem Frau mußte in seine Mode passen, was sich mir naturgemäss nicht erschliesst.
Ich TRAGE gerne Ulla Popken.
Näher ist mir auch Harald Glööckler, den ich aber auch eher in der Tradition eines Karl Lagerfeld sehe, als jedoch moderner "Bildhauer" und "Gesellschafts-Maler".
Bumms, jetzt sind alle Leser umgefallen?

Nein liebe Frau Sehrt-Irrek, ich bin nicht umgefallen. Ich finde ihre respektvoll formulierten Ansichten durchaus interessant und ihre Kommentare immer wieder zum Nachdenken anregend. Deswegen müssen wir aber nicht immer einer Meinung sein. Alles Gute.

Da Sie ne lustige Nummer sind war schon nach dem Lesen der ersten Zeilen Ihres Kommentars klar- "köstlich" hätte KL wohl gesagt.

gabriele bondzio | Mi, 20. Februar 2019 - 11:00

Jedoch nicht ganz von der Hand zu weisenden Einwand über die Einwanderung und ihren Antisemitismus. Dieser Einwand wird ja beinah täglich bestätigt.Antisemitismus unter Muslimen ufert aus. Die Angst, „den Rechten“ in die Hände zu spielen,verhindert eine Thematisierung und Veröffentlichung.
Lagerfeld hatte nicht nur eine spitze Zunge, er war auch gut bei Verstand, sehr belesen. Und hielt sich nicht an politische Verbote.
Viele seiner Sprüche sind Kult geworden.

Bernd Muhlack | Mi, 20. Februar 2019 - 15:56

Lagerfeld gefiel mir immer sehr gut; sein Schnell-Sprech und seine schnoddrige politisch unkorrekte Art!
Er kokettierte ja immer mit seinem Alter, seiner Fitness, "Workaholism".
Ich fand einen schönen Bericht über Loriot, welcher ja nie einen Hehl qua seines Alters machte, ganz im Gegenteil!
Das Alter, so konstatierte Loriot vor 6 Jahren gegenüber dem Magazin der „SZ“, sei „nicht der erwartete beschauliche Ausklang“, sondern geprägt durch eine wachsende Zahl kleiner Übel: „Ächzendes Verlassen des Taxis, Zögern bei der letzten Treppenstufe, Unauffindbarkeit des zweiten Mantelärmels, zu Hilfe eilende junge Damen - Altern ist schon eine Zumutung.“ Etwas altersmilder zeigte er sich 4 Jahre darauf in der „BamS“: „Aber selbst wenn man feststellt, dass man ein Taxi nur noch mit grotesken Windungen verlassen kann, hat der Verlust dieser ehemals so eleganten Bewegung auch seine komische Seite.“

Menschen wie Lagerfeld oder Loriot sind schlicht nicht zu ersetzen, geniale Unikate!