Kapitalismuskritik - Jakob Augsteins Flirt mit der Gewalt

In seinem Buch „Sabotage“ gibt Jakob Augstein den beinharten Kapitalismuskritiker und stellt die Systemfrage. Doch seine eigentlichen Souffleure sind Bob Dylan und Joan Baez

Jakob Augstein
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Autoreninfo

Alexander Wallasch ist Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm die Romane „Pferdefleisch und Plastikblumen: Geschichten und Kolumnen aus der Schattenwirtschaft“ und „Deutscher Sohn“.

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Ist Jakob Augstein Politnostalgiker? Sein soeben erschienenes Buch „Sabotage – Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen“ könnte man so lesen. Die Augsteinsche Kapitalismuskritik ist nämlich überhaupt keine, sondern lediglich ein Update der Diskussion des Gewaltbegriffs, dieser an RAF, Brockdorf, Startbahn West und zuletzt Stuttgart 21 ausgeleierten Diskussion auf Marcuses Spuren um Gegengewalt und Widerstand. Um Gewalt gegen Menschen, gegen Unterdrücker, gegen Sachen. Um Sabotage.

Das Buch „Sabotage“ versucht im Schatten der Finanzkrise noch einmal eine moralische Legitimation des elend überstrapazierten Slogans „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Augstein braucht 250 Seiten seines 300-seitigen Werkes, um mit sich, uns und irgendeinem eignen Standpunkt zu ringen, ob nun Gewalt gegen Ungerechtigkeit, gegen Ungerechte legitim sei, überhaupt legitim sein könnte oder eben doch nicht sein darf, was nicht gesetzeskonform ist.

Also heißt Augsteins Losung „Nur die Knarre löst die Starre“? Ja und Nein. Denn er befindet, dass man sich „auf die Politik als treibende Kraft einer zivilgesellschaftlichen Rückeroberung“ nicht mehr verlassen sollte. „Wir müssen unsere Sache selber in die Hand nehmen. (…) Wir müssen den Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit finden. Aber ohne Mut zur Radikalität wird das schwer.“ Die „Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft gegen die Partikularinteressen der Habenden“ gibt es für Augstein nicht zum gewaltfreien Nulltarif. „Kants ‚sapere aude‘“ schreibt er, „setzt Mut voraus. Und zwar den Mut, nicht nur zu denken, sondern zu handeln.“ Der Marsch durch die Institutionen war also aus Augsteins Sicht erfolglos.

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Halten wir zunächst fest: Wenn der Staat die demokratisch legitimierte und durch die Verfassung abgesicherte Definitionsmacht über Recht und Gesetz innehat und ausübt, dann bewegt sich jeder Widerstand dagegen außerhalb dieser gesetzlichen Ordnung, ist ungesetzlich. So simpel ist das und bleibt das.

Nun hat aber die Erfahrung aus dem Nationalsozialismus ein Widerstandsrecht in die Verfassung geschrieben, das diese schützen soll, wenn der Staat sich anschickt, durch politische Entscheidungen die gegebene Verfassungsordnung außer Kraft zu setzen: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Ein Zitat übrigens, das in abgewandelter Form drei Jahrzehnte lang fast so häufig an den Pinnwänden linker Wohngemeinschaftsküchen zu finden war wie diese Indianerhäuptlingsweisheit, die besagt, dass wir die Erde nur von unseren Kindern geborgt hätten.

Nach drei solchen Kindern, einem erfolgreich abgewehrten Antisemitismus-Vorwurf und einem Indianerbuch übers Gärtnern scheint es für Augstein nun an der Zeit gewesen, sein großes Ding zu schreiben oder aus Kolumnen zusammenzustellen und klar zustellen: Ich, Jakob Augstein, bin kein zaudernder Liberaler, kein zweifelnder Linker mehr, sondern ein harter Junge. Ein Kämpfer für das Gute, für Gerechtigkeit, für Freiheit.

Augstein will nachweisen, dass Widerstand dort zur Pflicht wird, wo der deutsche Staat auf dem Weg ist, die Verfassungsordnung außer Kraft zu setzen. Er sieht die Republik in Gefahr: „In der Finanzkrise haben wir, auch in Deutschland, den moralischen Meltdown des Systems erlebt. (…) Darum ist es an der Zeit, wieder zu kämpfen: für Gerechtigkeit, Gesetz, Gleichheit, Demokratie, Freiheit. Der Finanzkapitalismus hat uns diese Begriffe geraubt. Jetzt gilt es, sie zurückzuerobern. Bei der Bundestagswahl die Stimme abzugeben und danach zu schweigen – das ist zu wenig.“

Überschrieben sind Augsteins Kapitel alliterativ mit „Regime“, „Reflex“ und „Reaktion“. Als „Zwischenspiel“ hat er sich Oskar Negt und Wolfgang Kraushaar als Kronzeugen für seinen Aufruf zum Widerstand ausgesucht. Und da er nun aber Zeile für Zeile mehr über die Tollkühnheit seines Vorhabens erschrocken scheint, wird seine Beweisführung hin zum ersten Pistolenschuss beziehungsweise Farbbeutelabwurf – eine ziemlich seltsame Anleitung zur Herstellung solcher Wurfgeschosse ist dem Text vorangestellt – immer zäher. Ein Ringen um Worte. Verweigerte Klarheit. Und ersatzweise ein großes Abschweifen in die Niederungen gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse in Deutschland. Der Mann hat ja ein respektables Anliegen, aber er ist leider ein denkbar schlechter Dramaturg.

Eliten sind bei Augstein wieder die „herrschende Klasse“. Er sieht in Deutschland einen Ständestaat herangewachsen, in dem Ungleichheit nicht mehr auf dem Prinzip Leistung beruht, welches er für tolerabel hält. Leistung sei heute als starkes Prinzip der Gerechtigkeit entwertet. Ja, Werte, deutsche Werte – der Mann hätte wahrscheinlich nach seinem Gartenbuch viel lieber mit Thea Dorn an „Deutsche Seele“ geschrieben – spielen bei ihm eine wichtige Rolle, wenn er feststellt: „Fleiß, Eigeninitiative, Ehrgeiz – das genügt alles nicht, das garantiert alles gar nichts, das bedeutet im Zweifelsfall alles nichts. Leistung und Fairness sind nicht mehr die prägenden Prinzipien unseres Systems.“

Augstein ist ein Kind der alten Bundesrepublik. Mitten hineingeboren in ein kapitalistisches Wirtschaftswunderland mit sozialer Marktwirtschaft, in das die US-amerikanische Kultur der 1970er Jahre tief eingesickert ist. Die großen politischen US-Liedermacher, die Dylan und Baez mit ihren simplifiziert-sozialkritischen, bisweilen apokalyptischen Texten und diesem unwiderstehlichen Hang zum Sozial-Pathos, sind Augsteins Souffleure. Nostalgie pur herrscht immer dann, wenn der gebürtige Hamburger den ominösen Rheinischen Kapitalismus samt sozialer Marktwirtschaft und starken Gewerkschaften wie den Garten Eden beschreibt. Die große Geste, die Internationale – spielt alles keine Rolle. Bei Augstein werden der deutsche Mensch und seine Leiden am Neoliberalismus, an der „herrschenden Klasse“, lediglich zwischen Flensburg und Konstanz verhandelt.

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Zum Ende hin fragt man sich, wo denn dieses Deutschland-Plauderstündchen hinführen soll. Wann der Autor wenigstens diese eine Gewaltfrage verbindlich beantwortet wird. Versandet das nun alles in Gebrauchslyrik? Einmal blitzt es dann doch auf. Dann nämlich, wenn Augstein, dieser beeindruckend körperliche Mensch, der Gärtner, der Medienpräsente, der Gestiker, der Mime und Frauenschwarm, der Piratenpartei „die Abwesenheit des Körpers“ als „Bestandteil eines grundlegenden Piraten-Konzepts, der „Plattformneutralität“, zum Vorwurf macht. „Aber ohne den Körper fehlt der Politik etwas. Das letzte Argument. Der höchste Einsatz. Der Körper ist gleichzeitig das stärkste Symbol und die stärkste Realität. Und der Körper ist das einzige Kapital, das auch den Kapitallosen zur Verfügung steht.“

Sieht Augstein sich nun auf Augenhöhe mit debattenstarken Bestsellerjournalisten wie Frank Schirrmacher? Oder hofft er, mit „Sabotage“ sogar auf eine Wahrnehmung, wie sie Klaus Wagenbach in seiner denkwürdigen Grabrede für Ulrike Meinhof formulierte? „Ulrike Meinhof wurde innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten linken Journalistin der Bundesrepublik. Sie nahm damit sehr früh etwas wahr, was wir heute erst zu begreifen beginnen: die psychischen Kosten des Kapitalismus, die innere Verelendung.“

Ulrike Meinhof? Nein, das wäre zu viel der Ehre. Jakob Augstein ist Joan Baez.

Alexander Wallasch ist Schriftsteller. Demnächst erscheint „Pferdefleisch und Plastikblumen: Geschichten und Kolumnen aus der Schattenwirtschaft“.

 

 

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