Der Kaffee-Versuch - Vollendet veredelte Genussindustrie

Warum schmeckt der Filterkaffee nicht mehr wie früher? Warum verbietet der Barista Eiswürfel im Tee? Schriftsteller Jan Hoffmann über unterentwickelte Geschmacksknospen, Druckbrühautomaten und die einzige Rettung: Kamillentee vom eigenen Balkon.

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Beim Trainieren der Geschmacksknospen: Jan Hoffmann / Sibylla Hirschhäuser

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Jan Hoffmann studierte Rechtswissenschaften in Berlin und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Veröffentlichungen u.a. im Logbuch Suhrkamp und bei Zeit Online. (Foto: Sibylla Hirschhäuser)

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Neulich blieb ich vor dem aufwändig gestalteten Schaufensterschild eines von Münchner Millennials betriebenen Third-Wave-Cafés stehen. Es besagte: „Unser Kaffee wird in 4 von 13 Münchner Ein- bis Zwei-Sterne-Restaurants serviert.“ Ich hatte mir schon lange vorgenommen, einmal in einem solchen Restaurant zu speisen. Und hier bot sich mir die Gelegenheit, noch bevor ich mir ein 13-Gänge-Menü leisten konnte, in den Genuss eines Sterne-Kaffees zu kommen.

Also reihte ich mich in die lange Schlange ungefähr Dreißigjähriger ein und bestellte mir einen kleinen Kaffee für 4,50 Euro. Ein echtes Schnäppchen, das ich aus dem Pappbecher auf einer Bank im Schatten der Universität trank. Kurze Zeit später warf ich mit dem Nachgeschmack eines mittelguten Kaffees auf der Zunge den Becher in einen von Wespen umkreisten Mülleimer.

Eigentlich bin ich keine Luxusratte

Seit Jahren sagten Experten den Untergang der klassischen Werbung durch meine medienkompetente Alterskohorte voraus. Doch hier war der Beweis: Autoritätsargumente zogen auch bei Millennials! Ich kam mir vor, als hätte ich gerade ein Rewe-Fertig-Rindergulasch aus der Convenience-Linie von Alfons Schubeck zu Abend gegessen und mich dabei wie ein Baby Schimmerlos gebärdet, der die Köche aller 13 Münchner Ein- bis Zwei-Sterne-Restaurants auf Speeddial hat.

Dabei bin ich eigentlich keine Luxusratte. Ich halte es lediglich mit Jerry Seinfeld, der in seiner Show über Autos und Kaffee einmal gesagt hat, Professionalität sei das einzige, was die Menschheit erhaltenswert macht. Ich werde sofort hellhörig, wenn einer, wie man sagt, sein Handwerk versteht.

Der Barista mit dem feierlichen Ernst

Aus diesem Grund steuerte ich während meines letzten Berlinaufenthalts ein für Handwerkskunst berühmtes Kaffeehaus an. Schwarzer Marmorboden, strenge Holzregale, sakrale Atmosphäre. Der Kaffee dort - man hatte mir gesagt, von welchem ruandischen Feld er stammte - war scharf im Abgang, ich mochte ihn nicht recht. Aber ein Blick auf den Barista, der den verchromten Siebträger mit feierlichem Ernst in die Maschine einhängte, als sei er ein Schmiedemeister oder ein Schriftsteller, der die perfekte Novelle schreibt, machte mir klar: Für ein Geschmacksurteil konnte ich mich nicht auf meine unterentwickelten Knospen verlassen!

Um sie zu trainieren, kam ich am zweiten Tag meines Aufenthaltes wieder. Am dritten Tag hatte ich starkes Sodbrennen, weshalb ich einen weißen Tee bestellte, dessen Zubereitungszeit zwanzig Minuten dauerte. Weil ich nach dem Servieren nur noch zehn Minuten Zeit hatte, fragte ich den Barista nach Eiswürfeln. „For this?“, er deutete auf das Teegeschirr aus Jenaer Glas, lachte lauf auf und sagte „No way!“. Warum dafür Eiswürfel im Kaffee meiner Partnerin schwimmen durften, wollte er mir nicht erklären. Im Zug zurück nach München drückte ich die verbrühte Zungenspitze gegen meine Schneidezähne. Von nun an wollte ich nur noch guten alten Filterkaffee trinken, klassisch und schmackhaft.

Der entschleunigende Krups-Druckbrühautomat

Seit Jahrzehnten schwört meine Schwiegermutter auf Dallmayr-Kaffee und ihren Krups-Druckbrühautomaten, mit dem sie einen vollendet veredelten Spitzenkaffee zaubert, über dem man stundenlang beisammen sitzen und quatschen kann. Auf diesen entschleunigenden und gemeinschaftsstiftenden Akt wollte ich mich zurückbesinnen. Dafür brauchte ich nur einen Krups-Druckbrühautomaten. Um mir einen solchen leisten zu können, musste ich für fünfzig Tage auf einen Kaffeehausbesuch verzichten, was mir in Anbetracht der jahrzehntelangen Haltbarkeit des ersehnten Druckbrühautomaten nicht allzu schwer fiel.

Allerdings waren sich die Amazon-Rezensenten über die Qualität des neusten Modells uneinig. Es baue weniger Druck auf als frühere Maschinen, durch den neuen Permafilter würde der Kaffee nicht mehr so sanft schmecken. Als ich im hiesigen Mediamarkt stand, räumte der Fachberater meine Zweifel aber schnell aus. Ich solle „nicht alles glauben, was die Leute im Internet schreiben.“ 

Dallmayr-Kaffee, erstanden im Stammhaus

Durch den matten Kunststoff, der nun statt dem weißen für das Gehäuse verwendet wurde, wirkte die Maschine tatsächlich weniger klassisch als die Maschine meiner Schwiegermutter. Trotzdem machte sich der Druckbrühautomat ausnehmend gut auf unserer Küchenzeile aus. Vor dem ersten Brühgang ließ ich die Maschine dreimal mit Wasser durchlaufen und nutzte die Zeit, um Freunde für das bevorstehende Wochenende zu einem Kaffeekränzchen auf meinem Balkon einzuladen.

Dann mahlte ich den Dallmayr-Kaffee, erstanden im Stammhaus mit der gelb-weißen Fassade, wo eine Verkäuferin in weißer Schürze ihn aus einem mit Alpenblumen verzierten Porzellanspender in eine goldene Tüte gefüllt hatte. Ich klopfte das Pulver im Permafilter fest und lauschte dem Tröpfeln des Kaffees, der wie sanfter Sommerregen in die Glaskanne ging. Den Tisch deckte ich mit dem Porzellanservice meiner Großeltern, das mir meine Eltern, italophile Kaffeekränzchenverächter, vermacht hatten, ohne den natürlichen Gang der Erbfolge abzuwarten.

Kamillentee statt Kaffee

Den ersten Schluck spuckte ich sofort auf die Untertasse. Er schmeckte bitterer als aus jeder verrosteten Espressokanne. Ich goss die gesamte Charge in den Ausguss, kochte eine weitere, die noch schlimmer schmeckte als die vorherige. Meinen Freunden konnte ich auf keinen Fall schlechten Kaffee servieren. Ihre Ausladung begründete ich mit Magenschmerzen, was keine Lüge war. In den folgenden Tagen konnte ich nur Kamillentee trinken, von dessen beruhigender Wirkung und dessen blumigem Geschmack ich sofort angetan war. 

Sobald ich wieder Geld auf dem Konto habe, will ich zu Dallmayr gehen und mir statt der Ja!-Teebeutel die echten, duftenden Blüten aus einem der alten Holzschränke besorgen. Oder ich kapsele mich endlich vollständig von der Genussindustrie ab und ziehe das Heilkraut einfach auf meinem eigenen Balkon. Dafür bräuchte ich nur den richtigen Topf, die richtige Erde, das richtige Werkzeug, den richtigen Dünger, die richtigen Samen, und vermutlich müsste ich alle Stühle bis auf meinen eigenen in den Keller räumen. Es spricht also nichts dagegen.

Rainer Mrochen | So, 18. Oktober 2020 - 17:14

Alter Melitta Kaffefilter ( gibts fast umsonst ), Mutters Kaffekanne ( kostet auch nichts ), Kaffemühle ( Flohmarkt ).
O.K. Kaffe, ganze Bohnen, bei guter Arabica Qualität nicht ganz billig. Alles andere ist Geschmacksache. Wie wusste schon Oscar Wilde zu sagen:" Ich bin immer nur mit dem Besten zufrieden". Modernen Bullshit braucht dafür kein Mensch.

Bohnenkaffee war für meine Großmutter etwas exklusives. Ich habe für sie als Kind die Bohnen in einer Holzhandmühle gemahlen - nur für 1 Tasse! - und dann kam das Kaffeemehl in einen Blechfilter mit einer Prise Salz. Ohne Filtertüten gibt das zwar immer einen kleinen Bodensatz, aber es ist ein Geschmackserlebnis. So muss m. E. Kaffee schmecken.
https://www.martermuehle.de/blog/bekoemmlicher-geschmack-mit-salz-im-ka…

Bernd Muhlack | So, 18. Oktober 2020 - 20:04

Wolfgang Ambros
Früher klasse, dann abgedriftet, wie so viele; jeder auf seine Art.

Kaffee ist ein Lebenselixier!

In 2017 war ich ne Weile stationär im KH.
Die Frau meines genialen Zimmernachbars brachte täglich eine edle Thermoskanne dieses Wundermittels mit.
Voll nach meinem Gusto!
Schwarz, ohne Zucker, ohne Wasser - ein etwaiger Löffel wäre lotrecht in der Tasse gestanden!
Wenn man diesen Trank in die Pathologie gebracht hätte, wären alle wieder wach geworden!

Herr Hoffmann, ich folgte Ihrem Link zu den "Third-Wave-Cafés", interessant.
In 1993 war ich mit zwei Kumpels in Prag, eine absolut tolle Stadt. Dort gibt es wahrhaftig noch diese schrillen, edlen Cafés.
Am Dingeskirchenplatz ein Mega-Eck-Cafè.
Lüster, Kronleuchter, rote Plüschsofas, Sessel und solch Gedöns - Klasse!
Teuer? Damals für Westler peanuts.

Ich habe noch Omas Kaffeemühle, von Braun; sehr zuverlässig.
Milch, Zucker? - NIEMALS!
Espresso? no pro
Meine Nachbarn sind Italiener! Perfekt!

Balkon, Heilkräuter?
OHA! ✌

gabriele bondzio | So, 18. Oktober 2020 - 20:37

kam ich am zweiten Tag meines Aufenthaltes wieder.“... Herrlich, ich beginne mich zu amüsieren, überteuerte Sachen, die nicht schmecken. Was haben Sie davon, Herr Hoffmann? Warum essen und trinken Sie nicht das was ihnen schmeckt? Nur damit sie, unter manch selbst ernannten Gourmet´s, die das Zeug womöglich auch schrecklich finden, prahlen können.

“Schmeckt dir der Kaffee?” “Nicht die Bohne!”

Lassen sie ihre Geschmacksknospen so wie sie sind.
Ich bereite Kaffee in einer preiswerten Quetsch-Kanne zu (trinke ehe lieber Tee) Die Uralt- Methode, Kaffee zu brühen. Mit genannter Kanne trennt man aber die Flüssigkeit vom Satz. Der sonst in der Tasse landet.

„Drei Dinge gehören zu einem guten Kaffee: erstens Kaffee, zweitens Kaffee und drittens nochmals Kaffee.“
Alexandre Dumas

Christoph Kuhlmann | Mo, 19. Oktober 2020 - 11:23

Eine Zeitlang habe ich morgens dann Mate-Tee aus Argentinien getrunken. Er hat jetzt ein EU-Umweltsiegel. Inzwischen bin ich auf die Energiedrinks aus dem Discounter umgestiegen. Spart Zeit.

ist das Sarkasmus pur oder nur noch Verzweiflung? Mit dem Zeitargument haben sie allerdings recht. Selbige ist das Wertvollste was wir haben. Wie schön, daß jedes Individuum ein ganzes Leben lang Zeit hat, darüber nach zu denken. Ich wünsche ihnen eine Energie geladene Woche.

Brigitte Simon | Mo, 19. Oktober 2020 - 21:13

Dallmayr bringts. 1 Pfund Dallmayr in einer schicken kleinen weißen Papiertasche mit dem schwarzem Hauslogo erregt "Aufsehen". Was Sie kaufen bei Dallmayr ein? Der ist doch ziemlich teuer! Mag durchaus stimmen. Aber ich gehöre nun zur Münchner Schickeria.

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