Das Magazin - Jugend ist Trunkenheit ohne Wein

«Was nützt die Liebe in Gedanken»: Ein wunderbarer deutscher Film über eine Schülertragödie

Eine wahre Geschichte und ein Remake: das sind schlechte Voraussetzungen für einen Film. Im Sommer 1927 erschütterte die so genannte «Steglitzer Schülertragödie» das Land. Auf eine Aufsehen erregende Tat folgte ein ebenso spektakulärer Prozess, der für Schlagzeilen sorgte. Zwei Primaner hatten Mord und Selbstmord aus Liebe geplant und beschlossen. Am Ende eines alkoholträchtigen Wochenendes erschießt der eine den Liebhaber seiner Schwester, der andere kommt zur Besinnung, überlebt und wird vor Gericht gestellt. Sein Verteidiger zitiert in seinem Schluss-Plädoyer Goethe: «Jugend ist Trunkenheit ohne Wein.» 
 
Der 18-jährige, aus kleinen Verhältnissen stammende Paul Krantz wird freigesprochen, studiert Germanistik in Frankfurt a.M., beginnt journalistisch zu arbeiten – und schreibt Romane unter dem Pseudonym «Ernst Erich Noth». Das wird nach der Flucht vor den Nazis in den USA auch sein bürgerlicher Name. Der begabte Literaturwissenschaftler macht Karriere erst beim NBC, später an der Universität. Er lehrt in Amerika, in Frankreich, am Ende seines Berufslebens an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a.M. 1983 stirbt Ernst Erich Noth. Zuvor hatte er in seiner Autobiograe ausführlich über die große Tragödie seiner Jugend geschrieben.
 
Zwei Primaner verzweifeln an der Liebe und dem Sinn des Lebens. Der eine reagiert erregt auf einen sinnlichen Koch, der andere auf die jüngere Schwester seines Freundes. Der Berliner Autor Arno Meyer zu Küingdorf hat über diese Schülertragödie einen Roman («Der Selbstmörder-Klub») geschrieben. Da geht es um die erotisch aufgeladene Atmosphäre, die Verwirrung der Gefühle, um die sozialen Unterschiede, die verzweifelte Langeweile des einen und die Unsicherheit des anderen Jungen. Nach Motiven dieses Romans entstanden Drehbuch und Film des (1968 geborenen) Regisseurs Achim von Borries: «Was nützt die Liebe in Gedanken». 
 
Es ist nicht die erste Verlmung dieser wahren Geschichte. 1929 ging Regisseur Carl Boese mit dem realen Stoff sehr frei um. In «Geschminkte Jugend» standen die lasterhafte Atmosphäre der zwanziger Jahre, die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen im Mittelpunkt; dreißig Jahre später spielte Christian Doermer in einem aktualisierten Remake von Max Nosseck einen unglücklichen, grübelnden Protagonisten, der an der Oberflächlichkeit seiner Zeit verzweifelt und – unverstanden von den Twist tanzenden Freunden und den biederen Eltern – mit seiner Tat ein Zeichen setzen will. Die Freiwillige Selbstkontrolle zog den Film damals aus dem Verkehr.
 
Die Eltern kommen in der neuen Kinoversion von Achim von Borries und seinem Drehbuchautor Hendrik Handloegten nicht vor. Die beiden erzählen die alte Geschichte neu, belassen sie aber in den zwanziger Jahren. Man erkennt das an der Mode, am Fahrrad, an der Eisenbahn, jedoch nie an den Figuren, an ihren Gefühlen oder Handlungen. Die sind ganz ohne Modernisierung ebenso heutig wie zeitlos. Es geht um die Unabdingbarkeit der Jugend, um die erste große Liebe, die auch die letzte sein soll, weil man sich nicht vorstellen kann, dass ihr eine nachfolgt. 

Und es geht auch um das, was damals (und in dem Roman) undeutlicher blieb, nämlich die verzweifelte homosexuelle Liebe des einen zu seinem Opfer. Die beiden Primaner werden von August Diehl und Daniel Brühl auf wunderbare Weise gespielt. Sie sind nicht nur jugendschön und sehnsüchtig, mit Blicken und Gesten vermögen sie den Gefühlen jener Jahre virtuos Ausdruck zu verleihen: der schwer erträglichen Klugheit und entschiedenen Hoffnungslosigkeit der besonders Begabten, der Verzweiflung einer Generation ohne große Ziele und Herausforderungen.

In keinem Augenblick stehen in diesem Film die Dialoge zwischen den Zuschauern und ihren Helden. Zwei Jungen fahren aus der Stadt aufs Land, die Eltern sind verreist, eine Party wird gefeiert, mit dem Schicksal wird gespielt. Alle halten sich für schrecklich klug. Paul schläft mit Elli, ist aber verliebt in Hilde, die will jedoch Hans, den auch ihr Bruder liebt. Hans aber ist ein narzisstischer Spieler, der nicht mehr hat als seinen Körper. Das macht ihn überlegen, denn er grübelt nicht. Das Spiel mit der Liebe ist schrecklich kompliziert und schrecklich einfach.

Eine wahre Geschichte und ein Remake: ein schöner, trauriger und wahrhaftiger Film ist dabei herausgekommen, der in den Gesichtern und Bewegungen seiner Schauspieler entdeckt, wovon er erzählen will. Das ist im deutschen Kino immer noch und immer wieder ein großes Wunder. Wir sehen, wohin die Liebe in Gedanken führen kann – und staunen über diesen wehmütig stimmenden Film.



Was nützt die Liebe in Gedanken
Deutschland 2004  Regie: Achim von Borries Mit Daniel Brühl, August Diehl, Anna Maria Mühe u.a. 106 Min.
 
Arno Meyer zu Küingdorf Die Liebe in Gedanken.  Roman Aufbau TB, Berlin 2004.  224 S., 7,95 €
 
Ernst Erich Noth Erinnerungen eines Deutschen Claassen, Hildesheim 1982.  435 S., 14 €

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