- Warum Intellektuelle die Marktwirtschaft hassen
Ausgerechnet diejenigen, die sich als kritische Vordenker inszenieren, verhindern eine echte Debatte über Wohlstand, gesellschaftlichen Zusammenhalt und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Schon Joseph A. Schumpeter warnte vor ihrem destruktiven Antikapitalismus.
Woher kommt eigentlich das Ressentiment vieler Intellektueller gegen eine freie Gesellschaft und liberale Wirtschaftsordnung? Warum ist der Großteil von ihnen fasziniert von sozialistischen, „gelenkten“, letztendlich unfreien Gesellschaftsmodellen – die der Öffentlichkeit als progressive Formen einer solidarischen, klimagerechten und bullerbü-mäßig nivellierten Zukunft verkauft werden?
Anders gefragt: Wie kann es sein, dass Autoren wie die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann mit ihrer reichlich undurchdachten Forderung, wir müssten zur Rettung von Natur und Klima unseren Lebensstandard um 80 Jahre zurückdrehen und eine „Kriegswirtschaft“ einführen, seit Jahren ein Dauer-Abo in den TV-Talkshows hat? Woher kommt der Messianismus der Bestsellerautorin Maja Göpel, die das Ringen um den richtigen wirtschaftlichen Weg als „Scheindebatte um Wachstum versus Nichtwachstum“ abtut, „die alte Erzählung“ von Fortschritt und Entwicklung für überholt erklärt und einen umgedeuteten „Liberalismus 2.0“ propagiert? Warum arbeitet sich – in bestem Habermas-Jargon – der Berliner Soziologe Philipp Staab in seinem aktuellen Suhrkamp-Buch „Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus“ am angeblich „liberalen Paradigma“ ab, das für unsere Probleme verantwortlich sei?
Fingerzeige, woher dieser Typus des antikapitalistischen Intellektuellen kommt und was ihn auszeichnet, gab der große Nationalökonom Joseph A. Schumpeter bereits in den 1940er Jahren. In „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ schreibt er, dass im reifen Kapitalismus, in dem das öffentliche Leben mehr und mehr bürokratisiert sei, ein wachsendes Heer von Intellektuellen entstehe, das dem Kapitalismus gegenüber feindlich gesinnt sei und eine entsprechende Atmosphäre schaffe. Zur „Entwicklung einer solchen Atmosphäre“ brauche es Gruppen, in deren Interesse es liegt, den „Groll“ zu steigern und zu organisieren, ihn zu hegen, zu pflegen und zu lenken.
Die „kapitalistische Zivilisation“ subventioniert ihre Feinde
Ein Hauptmerkmal dieser Gruppen ist nach Schumpeter ihre Unabhängigkeit von unmittelbarer praktischer Verantwortung: Sie reden, schreiben und polemisieren, treffen aber keine Entscheidungen in Unternehmen und stehen lediglich am Spielfeldrand des wirtschaftlichen Handelns.
Joseph Schumpeter ahnte, dass der Kapitalismus und mit ihm die liberale, bürgerliche Gesellschaftsordnung durch die Fundamentalkritik von links in existentielle Gefahr geraten. Interessanterweise beobachtete er schon Anfang der 1940er Jahre den sich abzeichnenden paradoxen Trend, dass die „kapitalistische Zivilisation“ ihre Feinde regelrecht „subventioniert“. Denn Kritik, selbst das Infragestellen ihrer bloßen Existenz, entspreche der Logik liberaler Marktwirtschaften. Selbstkritik gehöre zum Wesenskern des Kapitalismus, ebenso ein liberales Menschenbild. Allerdings mache dieser Umstand die bürgerliche Gesellschaft letztlich hilf- und wehrlos gegenüber jenen, die keine konstruktive Kritik üben, sondern das kapitalistische System selbst überwinden wollen.
Heute kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Echte Diskurse finden kaum mehr statt. Vielmehr wiederholen sich die ideologischen Selbstvergewisserungen mehr und mehr in getrennten Schützengräben. Das sogenannte „Canceln“ unliebsamer Meinungen ist mittlerweile Alltag geworden. Bei dieser „Diskurslenkung“ spielt der NGO-Komplex – ein deutungsmächtiges Geflecht aus Academia, Lobbygruppen und aktivistischen Medien – eine wichtige Rolle. Viele spannende Sachbücher liegen in den Buchhandlungen nicht mehr aus, weil ihre Autoren oder Verlage als „rechts“ desavouiert werden. Die großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig schirmen sich gegen publizistische „Schmuddelkinder“ ab; diese organisieren ihr eigenes Branchentreffen in Halle. Zur Monotonie der Meinungskultur und zur Debattenarmut gehört auch die jammervolle Einseitigkeit in der Auswahl von Talkgästen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Ressentiment und Alltagsferne
Schumpeter bietet auch eine Begründung dafür an, warum die wachsende Gruppe der Intellektuellen an Hochschulen, in politischen Vorfeldorganisationen und in den Medien ein immer größeres Ressentiment gegen den Kapitalismus hegt. Denn es sei nicht logisch, dass die, die einerseits vom Kapitalismus leben, ihn andererseits überwinden und zerstören wollten. Schumpeter verweist auf die starke Ausdehnung des Bildungssektors, also die unverhältnismäßige Aufblähung sozialwissenschaftlicher Studiengänge: was zu Heerscharen von akademisch Ausgebildeten führe, die sich nicht selten in unterbezahlten, prekären und dadurch „unbefriedigenden Arbeitsbedingungen“ wiederfinden.
Viele dieser Hochschulabgänger entwickelten einen „Groll“ und große „Unzufriedenheit“ – vor allem solchen Menschen gegenüber, denen sie sich intellektuell überlegen fühlen, die aber erfolgreicher und bessergestellt sind. Und deren Leben sich besser entwickelt.
Mit jedem innovativen Schub und jeder neuen Leistung des kapitalistischen Systems nehme die Feindseligkeit gegen die kapitalistische Ordnung eher zu statt ab. Das beinahe nietzscheanische Ressentiment der Intellektuellen müsse unweigerlich auf eine „moralische“ Ablehnung der kapitalistischen Ordnung hinauslaufen, so Schumpeter. Darin liege auch einer der Gründe dafür, dass man ihrer politischen Fundamentalkritik nur schwer mit rationalen Argumenten begegnen könne. Denn die tiefere Ursache ihres Ressentiments liege nicht in der Sache, sondern in ihrem gesellschaftlichen Status und ihrer Überzeugung, nicht genügend Anerkennung zu erfahren.
Alle totalitären Menschheitskatastrophen waren Kopfgeburten von Intellektuellen
Joseph Schumpeter war nicht sehr optimistisch, was die Überlebensfähigkeit des entwickelten Kapitalismus anbelangt. Er sah ihn früher oder später in einen Sozialismus übergehen, schon aus Gründen breiter Wohlstandsverwahrlosung sowie eines übermächtigen Bürokratismus. Dem Fatalismus des großen Ökonomen sollte das liberale Bürgertum nicht folgen, sondern vielmehr Strategien entwickeln, Marktwirtschaft und liberale Demokratie zu verteidigen: Ein erster Schritt zur Wiederherstellung des demokratischen Diskurses könnte darin bestehen, den Resonanzverstärker „NGO-Komplex“ zurückzuschneiden, indem man zweifelhafte politische Lobbygruppen nicht mehr mit dem Geld der Steuerzahler alimentiert. Ein zweiter Schritt wäre, die ideologische Schlagseite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu korrigieren und auf Perspektivenvielfalt zu bestehen.
Denn mittlerweile wissen wir, wohin Unfreiheit und das Verleugnen anthropologischer Grundkonstanten führen. Alle totalitären Menschheitskatastrophen waren letztlich Kopfgeburten von Intellektuellen. Darauf wies bereits 2002 der liberale Publizist Roland Baader in seinem Buch „Totgedacht. Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören“ hin. Daran sollte man sich erinnern und die Forderungen mancher linker Intellektueller zu Ende denken – und sich ihre alternativen Gesellschaftsentwürfe ganz plastisch und möglichst konkret vor Augen führen. Dass beispielsweise eine Kriegs- und Mangelwirtschaft wirklich gut fürs Weltklima ist, darf man bezweifeln. Ähnliches gilt für einen bürokratisch gelenkten Gesinnungsstaat.
Verteilungskämpfe in Gesellschaften, die schleichend verarmen, sind weder besonders menschenfreundlich noch lassen sie Raum für technischen Fortschritt oder die Lösung von Umweltproblemen. Einen Hinweis darauf, dass Kommandowirtschaft nicht die Antwort ist, gibt der jährliche Umwelt-Index der Yale-University. Demnach performen die demokratischen Länder mit Abstand am besten.
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Intellektuelle...? - Eine absolut ernst gemeinte Frage.
...also nicht nur selbsternannte welche... 🤔
Ich habe mir diese Frage in den letzten Jahren immer wieder und wieder gestellt: Warum zerstören wir uns schon wieder selber? Schumpeter's Argument in Ihrem Artikel, Herr Hackeschmidt, ist offensichtlich einer der Bausteine. Danke dafür. Dieses Mal betrifft es nicht nur D, sondern praktisch den gesamten Westen - und Ihre Analyse gilt dort tatsächlich überall. Die beschriebenen menschlichen Eigenschaften stecken in uns drin - sie haben auch das Dritte Reich und die DDR ermöglicht und stabilisiert. Die Vorstellung, daß eine freiheitliche, bürgerliche Gesellschaft nach einiger Zeit zwangsläufig diesen Weg geht, ist ziemlich ernüchternd. Die zentralen treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung sind immer politische Parteien. Politische Parteien waren und sind potentiell die größte Gefahr für eine Demokratie. Wie müßte ein politisches System aussehen, daß diese Tatsache berücksichtigt und sich selbst stabilisieren kann? Mehr direkte Demokratie?
selbst in Philosophie machen noch niemanden zum Intellektuellen... Dabei handelt es sich höchstens um 'gebildete Eliten' aber nicht um Intellektuelle.
Ein Intellektueller bildet sich seine eigene!! Meinung zu Sachverhalten unabhängig von äußeren Vorgaben und Trends u.a. auch anhand eigener und fremder Erfahrungen und unterschiedlicher Sichtweisen. Das kann unter Umständen Jahre dauern oder auch zu keinem konkreten Ergebnis in der Beurteilung führen.
Deshalb kann auch kein wirklicher Intellektueller in einer politischen Partei auf Dauer wirken ohne gegen programmatische Vorgaben grundsätzlich aufzubegehren - sie schrenken sein (freies!) Denken ein.
Wovon der Autor hier spricht sind KEINE Intellektuellen, mMn. Es sind politische Eliten welche einer linken Ideologie und deren Denkansätzen folgen und diese im! vorgegebenen!! Rahmen! ergänzen. >> Deshalb auch die erwähnte Monotonie in der Debatte und in den Talkshows... 🤔
... danke, dass Sie sich mit dem Begriff "Intellektuelle/r" befassen, auch wenn mir eine wirkliche Trennschärfe fehlt. Ist halt schwierig, weil´s eben AUCH Geschmackssache ist: Sloterdijk, Habermas, Hannah Arendt, Precht - die einen sagen so, die anderen so. Und könn(t)en Intellektuelle z.B. auch in Diktaturen, im Kommunismus oder Faschismus systemkonform reüssieren?
Was den guten Artikel und Herrn Schumpeter angeht: Da wird natürlich viel dran sein. Ich persönlich bin im Studium und als Werkstudent in der "Süddeutschen" mit Maoismus in Kontakt gekommen und fand da besonders faszinierend: alle geben ihr Bestes fürs Ganze - eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg.
"Tja", sagen sie im Dorf zu mir, "das WÄRE ja auch das Beste, aber so sind die MENSCHEN nicht!" "Genau", sag ich dann, "für diese Erkenntnis habe ich 7 Jahre gebraucht."
Auch das Christentum hat ein Heilsversprechen: Jeder liebt seinen Nächsten wie sich selbst. Sorry, warum muss ich jetzt da an Trump denken?
Kein Gesellschaftssystem ist das Paradies auf Erden. Es gibt immer Kritiker, die Systeme in Frage stellen. Karl Marx beschrieb einen Sozialismus, der bis heute nie eingetreten. Deshalb die ständig erfolgreichen Renaissancen der sozialistischen Idee. Die bürgerliche Revolution in Frankreich gebar Guillotine und Tyrannei für und durch das Volk. Die niederländische, bürgerliche Blütezeit bestand aus übelsten Kolonialismus und Rassismus. Die erste deutsche Marktwirtschaft liess sich treiben, weil man an Marktwirtschaft nicht wirklich glaubte. Derzeit betreibt ein US-Präsident Kraft seines Amtes persönliche Marktwirtschaft. Dass Marktwirtschaft keine Kopfgeburt sei, ist religiöse Verklärung.
Meine Entwicklung verlief fast umgekehrt.
Ich wurde gefüttert mit Wissen und dessen Bedeutung, bzw. dessen Gefahr.
Deshalb habe ich mich geweigert, sobald ich etwas nicht verifizieren oder meinte, beurteilen zu können.
Das Motto dafür setzte Heines Angst davor, dass seinem Denken ein "Scharfrichter" folgen könne oder so ähnlich.
Das Ungefähre wurde mir immer lieber und sei es als Urteil der edlen jungen Dame in einem Gedicht Heines zum Konfessionsstreit, der die Kontrahenten schlicht zuviel schwitzten.
Aber deshalb ist Öffentlichkeit gerade in Bezug auf "Kopfgeburten" wichtig.
Deshalb "denke" ich doch viel öffentlich.
Aber mein großer Vater wurde in meinen Augen ganz klein, als er meine Mutter, mit fünf kleinen Kindern, fragte, "Was machst du eigentlich den ganzen Tag?"
Als ich feststellen konnte, dass meine große Familie auch aus CDU´lern ff. bestand, habe ich sie mitgedacht.
Für mich verabschiedete ich jede autoritäre Politik von oben, als ich die Dimension ALLER bedachte.
DEMOKRATIE
die als Kind für mich mit einem Kaufmannsladen begann und wohl dem Umstand, dass eine Urgroßmutter Kauffrau war.
Ich weiss nicht, warum Marx von Linken evtl. gerne "rigide" gelesen wird.
Sein Vater war doch wohl, Hoppla, er war laut Wiki Rabbiner, ich dachte immer Banker. Das war wohl Helmut Schmidt:)
Das erklärt aber evtl. die eine oder andere "Kopfgeburt" von Marx und die ökonomischen Fähigkeiten von Helmut Schmidt und meine frühere Lieblingsgewerkschaft "Handel, Banken, Versicherungen", jetzt Ver.di
Ich würde auf Intellektuelle nicht verzichten wollen, aber sie sollten heutzutage Allrounder sein.
Deshalb ist Precht für mich eigentlich mehr Intellektueller als Philosoph.
Er ist ganz breit aufgestellt, sehr reflektiert und im Denken kreativ.
zutreffender Artikel. Bitte das politische Berlin damit fluten.
"Parlamente sind mal voller, mal leerer, aber immer voller…Juristen".
Selbstständige und Handwerker sind mit der Lupe zu suchen. Die Geringschätzung wirtschaftlicher Kompetenz führt zu der vom Autor gut beschriebenen "Schlagseite". Erst der Krieg in Europa und "America first " führte (partiell) zu einem Umdenken. Kennzeichen des "modernen Kapitalismus" sind oligarchische Strukturen, auf die sich die "Großen Drei" Trump, Putin und Xi Jinping gleichermaßen stützen. Und das wirksamste Disziplinierungsinstrument sind die sozialen Medien, die immerfort "Truth" verkünden.
Zunächst einmal: ich habe an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln studiert, diese war eher konservativ. Nicht alles, wo wiso steht, ist also schlecht.
Warum diese "intellektuellen" es fordern? Weil sie irgendwelche Geisteswissenschaften oder Philosophien a la Butler studiert und von Wirtschaft keine Ahnung haben. Weil sie im Mathematikunterricht nicht aufgepasst haben und nicht verstehen, dass bei einem kontinuierlichen Wirtschaftswachstum von 2% ohne Inflation sich der Lebensstandard innerhalb einer Generation verdoppelt (1,02 hoch 30 ausrechnen). Weil sie keine Ahnung haben, wie ( technischer) Fortschritt und Strukturbrüche sich auswirken. Selbst ich habe mich in vwl im Grundstudium mit der arbeitswertlehre von Marx beschäftigt, die mathematischen modelle dahinter sind nicht komplett verkehrt. Diese intellektuellen haben von Ökonomie noch weniger Ahnung als fratzscher. Und das ist schon schwer.
Kurzum, diejenigen, die Mathematik, Psychologie, Biologie und andere Wissenschaften außer Acht lassen, das sind in Wahrheit keine Intellektuellen, sondern Ideologen.
Und in der Tat kommt noch Sozialleistungen dazu, weil sie nur brotlose Kunst betreiben.
Und zu Ulrike Hermann: wie Wachstum ist auch degrowth exponentiell. Wir erleben diesen Abstieg gerade. Und die Konsequenzen sehen. Diese Frau ist halt komplett verbohrt. Sie will das fliegen verbieten, braucht Ulrike nicht, aber das Internet behalten (braucht Ulrike).
Da werden sich aber alle unsere Einwanderer aus Japan, China, USA,Venezuela, pakistan, Indien, Türkei freuen, wenn Ulrike es ihnen im Rahmen einer wirren Ideologie verbieten will, ihre Angehörigen zu besuchen.
Und mich interessiert das auch nicht, natürlich fliegen ich. Es ist halt eine frage der Fortbewegung und nicht der albernen deutschen klima- und gesinnungsmoral.
Tritt Ulrike eigentlich auch für die Arbeitszeiten wie vor 80 Jahren und die gleichen Arbeitnehmerrechte ein.
Kurz und knapp: Ulrike Hermann ist ein ökonomischer Scharlatan.
