Jongen-Auftritt in den USA - Linke Angst um die Deutungshoheit

Kolumne: Grauzone. Dass der AfD-Chef-Denker Marc Jongen am Hannah Arendt Center in New York einen Vortrag zur Krise der Demokratie halten durfte, empörte die akademische Linke. Ironie der Geschichte: Mit ihrem Protest bestätigte sie seine Thesen unfreiwillig

„Nicht der Populist ist undemokratisch, sondern die politischen Repräsentanten, die Alternativlosigkeit suggerieren“ / picture alliance

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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Von Hannah Arendt stammt das wunderschöne Diktum, es gäbe keine gefährlichen Gedanken – das Denken selbst sei gefährlich. In Zeiten des intellektuellen Kleinmuts ziehen viele daraus die Konsequenz, das Denken lieber gleich einzustellen. Wer weiß, was am Ende dabei herauskommt.

Sehr viel sicherer ist es, altbewährte Phrasen und abgestandene Begriffe hin und her zu schieben. Da gibt es keine bösen Überraschungen, und man kann sich in der schönen Gewissheit wiegen, schon immer die richtige Meinung vertreten zu haben.

Universitäten und akademische Forschungseinrichtungen haben jedoch einen anderen Auftrag. Ihre Aufgabe sollte es sein, Denkmuster infrage zustellen, liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen und zumindest hin und wieder neue Perspektiven auf alte Probleme zu eröffnen. Deshalb sollte im akademischen Betrieb ein gewisser Pluralismus herrschen: der Meinungen, der Interpretationen, des verwendeten Vokabulars. Insbesondere die Geisteswissenschaften leben von einer Vielfalt der Methoden und Perspektiven.

Umstrittener Vortrag

Insofern sollte es selbstverständlich sein, dass das am New Yorker Bart College beheimatete Hannah Arendt Center zu seiner Tagung „Crisis of Democracy: Thinking in Dark Times“ Marc Jongen einlud: Dozent für Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, ehemaliger Assistent von Peter Sloterdijk, Landessprecher der AfD Baden-Württemberg und seit kurzem Bundestagsabgeordneter. 

Hintergrund der Tagung: die Diagnose, dass die liberale Demokratie in vielen Ländern durch linke und rechte Parteien infrage gestellt wird. Die repräsentative Demokratie und ihre Institutionen gelten vielen als undemokratisch, ineffizient und abgehoben. Daraus ergab sich die Leitfrage der Konferenz: Wie kann man die Krise nutzen, um die Demokratie zu stärken? Zu diesem Zweck sollte auch über das Verhältnis von Demokratie und Populismus gesprochen werden.

Was ist Populismus?

Das nun unternahm Marc Jongen. Denn Jongen bringt im gewissen Sinne eine Doppelkompetenz mit: als Politiker einer populistisch titulierten Partei und als Geisteswissenschaftler, der in der Lage sein sollte, sein eigenes Tun und Handeln zu reflektieren. 

Jongens Vortrag, halb Erfahrungsbericht, halb Einordnung, geriet weder besonders komplex noch übermäßig theoretisch. Seine Kernthese war klar: Er bekannte sich zu einem recht verstandenen Populismus. Darunter versteht Jongen, dass das Volk, also der Populus, an gravierenden Entscheidungen wie der Bankenrettung oder der Grenzöffnung für hunderttausende Migranten beteiligt wird. Nicht der Populist sei undemokratisch, sondern die politischen Repräsentanten, die Alternativlosigkeit suggerierten.

Selbstverständlich, so Jongen weiter, sei die Demokratie keine Ethnokratie, doch das Wir, auf das eine Demokratie baue, sei durch gemeinsame Geschichte, Vergangenheit und Traditionen verbunden. Die Demokratie sei dann in der Krise, wenn die Gesellschaft in verschiedene Blasen zerfalle.

Heftige Gegenreaktion

Das war weder besonders neu noch aufreizend. Über jeden einzelnen Punkt kann man nüchtern und sachlich diskutieren. Doch daran sind nicht alle interessiert. Also dauerte es nur ein paar Tage, und es erschien ein offener Brief, gerichtet an Roger Berkowitz, Leiter des Hannah Arendt Centers, und Leon Botstein, Präsident des Bart College.

Tenor des Briefes: Es sei ein Fehler gewesen, Jongen die Chance einzuräumen, Hannah Arendts Namen zu benutzen, um seine Ideologie zu legitimieren. Jongen habe Migrantenguppen verunglimpft, etwa durch die Aussage, es gäbe einen enormen Verlust an innerer Sicherheit in Deutschland und eine neue Form des Terrorismus.

Worum es wirklich geht

Man braucht kein Fan von Marc Jongen zu sein, um einzusehen, dass die in dem Brief vorgebrachten Vorwürfe an der Sache vorbeigehen. Schlimmer noch. Sie bestätigen seine Analyse unfreiwillig: Als Spalter gelten jene, die auf die Spaltung der Gesellschaft aufmerksam machen, und als Angstmacher diejenigen, die den Ängsten der Menschen Ausdruck verleihen.

Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass es hier wirklich um das bessere Argument geht, um mögliche Deutungsmuster oder alternative Interpretationen. Tatsächlich geht es um Macht und Einfluss. Die akademische Linke wehrt sich gegen den Verlust ihrer Diskurshoheit, die sie de facto zumindest in den Geisteswissenschaften Europas und Nordamerikas hat. Dem drohenden Verfall dieser linken Diskurshegemonie versucht man mit Ächtung und Isolierung zu begegnen. Dass man damit die Analyse der so gern Geächteten nur bestätigt, muss als Ausdruck intellektueller Agonie gedeutet werden.