Kurz und Bündig - Joachim Gaertner: Ich bin voller Hass - und das liebe ich!

Eine schaurige Vorstellung: Während der Amokläufer von Winnenden schon im Schul­gebäude wütete, setzte der Schulleiter eine Durchsage für alle ab, die die Situation noch nicht begriffen hatten: «Frau Koma kommt.» «Frau Koma» – das klingt nach einem bösen, aber wohlbekannten Geist, einer Heimsuchung, die wie aus einer anderen Sphäre kom­mend und doch nicht über­raschend in die Welt der Lebenden tritt.

Eine schaurige Vorstellung: Während der Amokläufer von Winnenden schon im Schul­gebäude wütete, setzte der Schulleiter eine Durchsage für alle ab, die die Situation noch nicht begriffen hatten: «Frau Koma kommt.» «Frau Koma» – das klingt nach einem bösen, aber wohlbekannten Geist, einer Heimsuchung, die wie aus einer anderen Sphäre kom­mend und doch nicht über­raschend in die Welt der Lebenden tritt. Dass der Schulleiter den Satz als Teil eines Präventivplans parat hatte, in den auch die übrigen Lehrer eingeweiht waren, liegt daran, dass Amokläufer Serienkiller im doppelten Sinne sind: Tim K. hat nicht nur 15 Opfer auf dem Gewissen, er wusste wohl auch von einer ganzen Reihe vorangegangener Amokläufe; und darauf bezog sich seine Tat. Der einflussreichste dieser Fälle fand am 20. April 1999 an der Columbine-Highschool in Littleton, Colorado, statt. Ganz in Schwarz gekleidet, töteten die Schüler Dylan Klebold und Eric Harris dort 13 Menschen. Das Besondere an gerade diesem school shooting – und wohl auch ein Grund dafür, dass Klebold und Harris so viele Nachahmungstäter produzierten – ist eine umfassende Dokumentation von Schriftstücken aus der Feder der Mörder, die, wie in Amerika üblich, unzensiert veröffentlicht wurde. Kalendernotizen, Kassenbons und Einkaufs­zettel, Briefe, E-Mails, Schul­aufsätze und literarische Etüden: Auf einer CD-Rom, die sich der Fernsehjournalist Joachim Gaertner vorgenommen hat, ergeben sich daraus nicht weniger als 946 Seiten Text. Nun hat Gaertner aus diesem Material eine Textcollage erstellt – ganz ohne begleitende Kommentare, bloß durch ein kurzes Nachwort ergänzt. «Ich bin voller Hass – und das liebe ich!!» ist unverkennbar ein Sachbuch; warum also nennt es der Autor im Unter­titel einen «dokumentarischen Roman»? Zum einen, weil sein Buch erklärtermaßen von Hans Magnus Enzensbergers «Der kurze Sommer der Anarchie» inspiriert ist, einer ebenfalls als «Roman» titulierten Textmontage, die die Biografie des spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti ergibt. Zum anderen, weil die von Klebold und Harris hinterlassenen Texte ihr Verbrechen als blutige Kippfigur literarischer und filmischer Fiktionen ausweisen. Die beiden kamen, wie Tim K., nicht nur aus gut situierten Elternhäusern – sie waren aufgeschlossene und ehrgeizige Schüler, die sich insbesondere im creative writing hervorgetan hatten. Ihre von Lehrern oft hochgelobten Schulaufsätze handeln von Shakespeare und Cyrano de Bergerac, Nietzsche, Schiller und H. P. Lovecraft. Literarische Versuche und Tagebücher dokumentieren indessen ein auffälliges Interesse an körperlicher Gewalt und Schusswaffen. Und verweisen schon im Vorfeld auf die geplante Tat: Dass daher ein im Schulunterricht gedrehtes Video un­bemerkt blieb, erscheint angesichts dieses Dialogs zwischen den beiden ungeheuerlich: «Dylan: ‹Regisseure werden sich um diese Geschichte reißen. Ich weiß, wir werden Nachahmer haben, weil wir so verdammt gottähnlich sind.› Eric: ‹Wer soll den Film über uns machen? Steven Spielberg oder Quentin Tarantino?› Dylan: ‹Tarantino.›» Spielberg oder Tarantino? Diese Frage beschäftigt Millionen friedfertiger Kinogänger. Je mehr Ähnlichkeiten der film- oder literaturinteressierte Leser in diesem Buch zwischen den Killern und sich selbst findet, desto gründlicher verschlägt es ihm den Atem. Plötzlich mit sich allein, steht er vor den Abgründen der eigenen Fantasie. Und hört die Stille vor dem Schuss.    

 

Joachim Gaertner
«Ich bin voller Hass – und das liebe ich!!». Dokumentarischer Roman
Eichborn Berlin, Berlin 2009. 188 S., 16,95 €

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