Engagement für die Rechte der Frauen - Jetzt retten die Männer den Feminismus

Junge Frauen wie Ronja von Rönne profitieren von den Errungenschaften, für die frühere Frauenrechtlerinnen gekämpft haben, und verurteilen sie zugleich. Die Netz-Feministinnen schaden mit Shitstorms eher dem Ruf ihrer Bewegung. Allein die Männer brechen noch eine Lanze für den Feminismus

die Feminismus-Kritikerin Ronja von Rönne
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Der Feminismus ist, so scheint es mir, in letzter Zeit ein bisschen in Verruf geraten. Darüber mag sich freuen wer will, ich gehöre jedenfalls nicht zu denen, die das bejubeln. Denn im Prinzip verhält es sich mit dem Feminismus wie mit den Gewerkschaften: Deren Spitzenleute wirken auch nicht immer so, als wolle man mit ihnen den nächsten Sommerurlaub verbringen; allzu oft strahlen sie eine Mischung aus Humorlosigkeit und Rechthaberei aus, die es einem schwer macht, sein Herz zu verlieren.

Aber weder Gewerkschafter noch Feministinnen oder Feministen geht es ja darum, gemocht zu werden. Vielmehr soll man sie fürchten, weil sie vehement für ihre Rechte eintreten – wir sind hier schließlich nicht bei Germany`s next Topmodel. Es existiert zum Glück noch eine gesellschaftliche Realität außerhalb von Castingshows und Infotainment. Und in dieser Realität leisten Gewerkschaften eine wichtige Rolle, genauso wie es der Feminismus tut.

Der übliche Einwand lautet: Es ist doch alles erreicht. Wozu brauchen wir noch Gewerkschaften, wenn es den deutschen Arbeitnehmern, zumindest im internationalen Vergleich, so gut geht? Und wozu braucht es noch den Feminismus, wo doch Frauen heute dieselben Rechte genießen wie Männer? Aber erstens trifft beides nicht zu, denn in beiden Bereichen existieren Defizite – ob es jetzt um die miese Bezahlung von Kita-Personal geht oder um die immer noch bestehenden Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen.

Um Sympathie geht es dem Feminismus nicht
 

Und außerdem ist ja längst nicht ausgemacht, dass einmal errungene Siege für immer Bestand haben. Die Gewerkschaften wie auch der Feminismus werden also allein schon wegen ihrer Wächterfunktion gebraucht. Um Sympathiepunkte geht es da nicht.

Natürlich gibt es diesen sogenannten Netz-Feminismus, der mit seinen teilweise grotesken Übertreibungen das ganze Projekt in Verruf zu bringen droht; erinnert sei da nur an die zur Staatsaffäre aufgebauschte Geschichte um den einstigen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Aber solcherlei Aufwallungen haben weniger mit dem Feminismus zu tun, sondern viel mehr mit dem Medium, in dem sie stattfinden.

Denn dass es in den Shitstürmen des Internet kein Halten gibt, das gilt ja erwiesenermaßen für jedes politische Thema, über das dort mit selbstgerechter Häme und anonymem Hass diskutiert wird (wenn dafür der Begriff „Diskussion“ überhaupt noch angemessen ist). Wer den Netz-Feminismus für das Maß aller Dinge hält, der hält wahrscheinlich auch Donald Trump für einen seriösen Politiker.

Mit „Warum mich der Feminismus anekelt“ war das Stück überschrieben, mit dem die bis dahin völlig unbekannte Autorin Ronja von Rönne im April Furore machte. Ihr Beitrag ist zweifelsfrei gut geschrieben, und die 23-Jährige – in diesem Alter gewissermaßen eine Nachgeborene – ist schlau genug, ihren möglichen Kritikern von Anfang an den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie nennt sich nämlich selbst eine „Egoistin“, die es einfach „noch nie erlebt“ habe, „dass Frausein ein Nachteil ist“.

Das mag schon sein, und so viel Ehrlichkeit ist selten, wenn es um dieses Thema geht. Aber als empirischer Befund ist diese Feststellung ein bisschen schwach. Ich selbst kenne übrigens etliche Frauen, die als Mütter nur halbtags arbeiten können, in dieser Zeit aber praktisch genauso viel erledigen müssen wie zuvor in ihrem Ganztagsjob. Hat mit Frausein wahrscheinlich nichts zu tun.

Jeder Kampf für Gerechtigkeit soll für Aufmerksamkeit sorgen
 

Aber das ist Ronja von Rönnes Problem zum Glück nicht, zumindest noch nicht. Natürlich ist etwas dran an ihrer These, der Feminismus kämpfe zwar „an allen Fronten, aber nicht mehr für Gerechtigkeit, sondern um Aufmerksamkeit.“ Nur klingt das eben so, als ob das eine das andere ausschlösse. Dabei ist es doch eher so, dass jeder Kampf für Gerechtigkeit nur dann erfolgreich sein kann, wenn er auch die entsprechende Aufmerksamkeit findet. Oder waren Martin Luther King, Harvey Milk, die Leipziger Montagsdemonstranten und alle anderen, die sich öffentlichkeitswirksam für eine gerechte Sache eingesetzt haben, bloß selbstverliebte Ego-Shooter?

Mal ganz davon abgesehen: Selbst Alice Schwarzer, die sonst keine Gelegenheit auslässt, hat unlängst den britischen Wissenschaftler und Nobelpreisträger Tim Hunt gegen die wahnwitzigen Sexismusvorwürfe verteidigt, die gegen ihn wegen einer humoristischen Tischrede erhoben worden waren. Ganz so vernagelt, wie Ronja von Rönne ihn darstellt, ist der Feminismus also offenbar nicht – nicht einmal in der Schwarzer‘schen Variante. Es ist auch ein bisschen billig von ihr, eine Art vulgärliberales „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ zu propagieren – und gleichzeitig von den Errungenschaften zu profitieren, die vor ihr von engagierteren Frauen erkämpft wurden. Aber Dankbarkeit ist halt so was von démodée.

Vor ein paar Tagen hat der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke in einem Interview mit Der Freitag erstaunlich deutlich und mit allem Nachdruck eine Lanze für den Feminismus gebrochen, den er „eine sinnvolle Haltung“ nennt. Darin fallen Sätze wie: „Es gibt immer noch viele Autoren, die ihre Texte damit schmücken, dass sie beschreiben, wie sie einer Frau auf den Arsch gucken und das toll finden. Auch deshalb ist der Begriff Mann für mich ein Schimpfwort.“ Wie nicht anders zu erwarten, werden deshalb über Meinecke jetzt im Internet Kübel voller Dreck ausgeleert. Vielleicht ging es ja auch ihm nur um Aufmerksamkeit. Wenn nicht, wäre es eine Ironie der Geschichte, dass der Feminismus ausgerechnet von einem Mann gerettet werden muss.

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