- Jan Wagner: Probebohrung im Himmel
Das dürfte angehen: ein einziges so erstaunliches Gedicht, dass wir seinem Urheber alle Durchschnittlichkeiten nachsehen. Zumal sich sogar die Werke der größten Dichter auf einen Nukleus von kaum mehr als zehn Gedichten zusammenschrumpfen lassen. Schon im Debüt des 30-jährigen Jan Wagner findet sich eine Hand voll solch überdurchschnittlicher Gedichte, was man ihm nicht hoch genug anrechnen kann. Wagner hat James Tate und Charles Simic aus dem Amerikanischen übertragen.
Das dürfte angehen: ein einziges so erstaunliches Gedicht, dass wir seinem Urheber alle Durchschnittlichkeiten nachsehen. Zumal sich sogar die Werke der größten Dichter auf einen Nukleus von kaum mehr als zehn Gedichten zusammenschrumpfen lassen. Schon im Debüt des 30-jährigen Jan Wagner findet sich eine Hand voll solch überdurchschnittlicher Gedichte, was man ihm nicht hoch genug anrechnen kann. Wagner hat James Tate und Charles Simic aus dem Amerikanischen übertragen. Er ist Mitherausgeber der international aufgeschlossenen Literatur- und Kunstanthologie «Die Außenseite des Elements», die als Schachtel mit losen Blättern erscheint (www.aussenseite.de). Er schreibt auch Literaturkritik, und es scheint, als sei es nicht zuletzt diese Dreifelderwirtschaft, die seine Lyrik begünstigt. Das Gedicht, von dem zuerst gesprochen werden muss, trägt den einfachen Titel «Was der General sagte». In ihm lässt Wagner tatsächlich einen Potentaten sprechen. Kein ganz unverfängliches Sujet. Aber wie präzise die Rede gemacht ist, verraten schon die ersten drei Verse. Der erste: «schachfiguren sind aus knochen geschnitzt:». Ein Gedicht, das so anhebt und dann den Mut aufbringt, auf jene Schachfiguren in den folgenden elf Versen nicht mehr einzugehen, hat bereits als Vorleistung eine erhebliche geistige Strecke zurückgelegt. Die auf den Doppelpunkt folgenden Verse konzentrieren das Verhängnisvolle des Redenden aufs Äußerste: «ich werde vorrücken lassen bis sich die welt / in den messingknöpfen meiner uniform spiegelt.» Liest man diese Exposition in einem Rutsch, hat man auf drei Zeilen alles, was man von der jüngeren deutschen Lyrik wirklich nicht gewohnt ist: ein großer Stoff, klare Bilder und ein Ton, der unbehelligt ist von allen postauthentischen Modernitätsbemühungen. Aber Wagner kann auch anderes, z.B. ein Liebesgedicht mit einem ebenfalls berückenden Titel: «Forsterstraße». Sollten nicht alle Liebesgedichte die Namen der Straßen im Titel führen, auf die sie verweisen? Was für Stadtpläne würden das! Andernorts widmet sich Wagner unbekümmert, aber immer mit Sinn fürs Erhebliche den verschiedensten Gebieten: «Fenchel», «Gruselfilmen aus den 40ern» oder «Champignons», die man sich, so heißt es, an den Stielen drehend an die Ohren hielt, «wartend auf das leise knacken im innern, / suchend nach der richtigen kombination». Jan Wagners Gedichte, die besten davon, sind ertragreiche Kombinationen aus Sprache, Bild und Ton. Oder, um noch mehr zu zitieren: «alles was gut ist …/ füllt man mit weniger mehr als mit sich selbst.»
Jan Wagner
Probebohrung im Himmel
Berlin Verlag, Berlin 2000. 78 S., 19,80 DM
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