Jan Böhmermann - „Ich bin Getriebener meiner eigenen Unzulänglichkeit“

Satiriker, Talkmaster, Hörbuchautor: In zwei Worten: Jan Böhmermann! Die Talkehe mit Charlotte Roche hielt nur kurz. Doch zum Trauern bleibt keine Zeit. Böhmermann ist bereits wieder solo auf Sendung. Im Interview spricht er über die Untiefen des deutschen Bildungssystems, den Jesus-Effekt und seine neue alte Sendung auf EinsPlus

Jan Böhmermann
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Autoreninfo

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Herr Böhmermann, Sie haben zusammen mit Klaas Heufer-Umlauf ein Hörspiel herausgebracht. Der Titel: Förderschulklassenfahrt. Das pädagogisch wertvolle Eventhörspiel. Darin prangern Sie marode Zustände im deutschen Bildungssystem an. Ihr Vorschlag: Schule noch weiter untergliedern, z. B. für Kinder, die gar nicht zur Schule gehen, oder nur für hässliche Kinder, damit die schönen nicht mit den hässlichen zur Schule gehen müssen
Genau. Uns reicht nicht, das Schulsystem nur in Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Förderschule zu unterteilen. Es sind noch mehr Kasten möglich. Mehr Kasten für mehr Bedürfnisse. Wir müssen die Leistungsfähigen von den Leistungsschwachen separieren, damit die Leistungsstarken und deren Eltern - recht schaffende Rechtsanwälte und Zahnärzte - nicht mit den Kindern der Leistungsschwachen in Kontakt kommen.

Ein ursozialdemokratisches Programm also.
Genau, das ist eine Mischung aus Sozialdemokratie und kommunistischem Ansatz nordkoreanischer Prägung.

Zur Geschichte Ihres Hörspiels: Die Klasse 9c der Claudia-Nolte-Förderschule in Vechta geht auf große Fahrt nach Berlin. Die Klassenlehrerin und selbst ernannte Vollblutpädagogin der Inklusionsklasse, Sybille Rettkowski, blättert in der Landlust, kocht Rezepte von Henssler und Lichter nach, reist viel, hört auch gerne mal was jüngeres wie Aerosmith und bekommt in Stresssituationen hektische Flecken. Eine Lehrerin wie aus dem Leben gegriffen.
Ja, hart an der Wirklichkeit entlang geformt. Das ist der Schlag Lehrer, mit dem ich mich in meiner Schulzeit in Bremen Nord rumschlagen durfte. Ein ganz besonderes Milieu. Ich war beispielsweise auf derselben Schule wie der Maskenmann, der gerade verurteilt wurde. Er war zwei Klassen über mir.  Er ist dann Serienmörder geworden und ich quasi so etwas ähnliches, nur strafrechtlich weniger relevant.

In Ihrem Hörspiel finden sich Kinder, deren Hobbys Butter, Pizza und Internet sind. Da gibt es den Spätaussiedler Boktan Rosentreter, der Gigant, der keine Freunde hat, sondern nur Opfer und von sich selbst sagt: In der Schule bin ich nicht gut und auch nicht so oft.
Viele haben uns im Vorfeld kritisiert: Mensch, ihr macht euch über Förderschüler lustig. Wir haben dann immer gesagt: Wenn Förderschüler sich über uns lustig machen könnten, sie würden es ohne zu zögern tun. Die Schulzeit und überhaupt das deutsche Schulsystem sind fantastisch. Und was macht eigentlich die Bundesbildungsministerin? Das ist auch eine Frage, die wir am Ende des Hörspiels aufgeworfen haben. Bildung ist doch Ländersache. Vielleicht ist sie so etwas wie ein liebenswertes Maskottchen, wie Captain Iglo, Goofy oder Edmund Stoiber bei ProSiebenSAT1. Übrigens haben wir Annette Schavan am Ende des Hörspiels in weiser Voraussicht gegrüßt. Zur Zeit der Produktion war noch nicht klar, ob sie gehen muss. Wir haben das quasi in prophetischer Art und Weise vorausgeahnt.

Könnte es sein, dass Ihr Hörspiel ihr vielleicht sogar letztlich politisch das Genick gebrochen hat, aufgrund der Art und Weise, wie Sie darin den Finger in die bildungspolitische Wunde legen?
Jetzt wo Sie es sagen, fällt mir ein, dass das eventuell die bessere Antwort gewesen wäre. Natürlich. Wir haben die Bundesbildungsministerin mit unserem Hörspiel zum Rücktritt bewegt.

Die Klassenfahrt geht also ziemlich in die Hose: Schüler Jerome trinkt zu viel Redbull, die autoaggressive Autistin Gabriele klettert im Wachsfigurenkabinett auf Hitler herum, das Betäubungsgewehr kommt zum Einsatz, Bogdan ist mit einem Kofferraum voller Plutonium auf dem Weg nach Minsk und der Klassenbluter stirbt durch zu viel Eierloch. Lassen Sie uns über die Metaebene reden. Gibt es eine?
Ja, es handelt sich um ein mit vielen Ebenen, Parallelen und übereinanderliegenden Schichten versehenes Hörspiel. Vieles hat sich uns selbst als Autoren auch noch gar nicht erschlossen. Das ist der sogenannte Jesus-Effekt. Man muss das 2000 Jahre lang liegen lassen, erst dann wird die eigentliche Deepness, die völlige Nachhaltigkeit sichtbar werden. Wir sind auf jeden Fall schon sicher, dass es einen zweiten Teil geben wird: „Die vier Förderschüler und der Proletenhund“, in schamloser Anlehnung an „Die drei ??? und den Karpatenhund“. Wir werden im zweiten Teil alle Protagonisten wieder zum Leben erwecken und komplett bei Null anfangen – einer der billigsten dramaturgischen Tricks, um irgendwie den Ball hochzuhalten.

Sie sprachen vom Jesus-Effekt. Auch ein politischer Trick, Scheiße so lange liegen zu lassen, bis sie zu Gold wird
Auch in der Comedy. Nur muss man hier gar nichts so lange liegen lassen. Formate wie „RTL Samstag Nacht“ oder „Sketchup“ wurden ja schon zehn Jahre später vergöttert. Auch wir setzen auf die schnelle Verklärung dieses Hörspiels, damit es seine volle Wirkung entfalten kann.

Irgendwann kommt dann der Begriff Kult ins Spiel. Dann ist die höchste Stufe der Romantifizierung erreicht.
Aber Kult gibt es seit 1999 nicht mehr. Wir, die in den 1980ern geborenen sind, sind rein genetisch gar nicht mehr in der Lage, Kult zu produzieren. Im Jahre 2013 ist Kult out. Kult ist unkultig geworden.

Und doch hat Ihre letzte und bereits eingestellte Sendung das Talkformat Roche und Böhmermann wie unterm Brennglas eine Art Kultstatus erreicht.
Das haben wir dann wohl Kommissar Zufall zu verdanken. Der unterstellte Kultstatus beschämt mich und das Team der Produktionsfirma Bildundtonfabrik zutiefst.

Roche und Böhmermann war die etwas andere Talksendung. Stets eine Gratwanderung, auch mit peinlichen Momenten, aber doch immer auch so, dass man dachte: Ja, so könnte Talk heute funktionieren. Ich erinnere an die erste Sendung mit der Nachmittagstalkerin Britt Hagedorn, die Sie knallhart und investigativ mit dem Vorwurf konfrontierten, Sie würde Menschen in Ihrer Sendung vorführen.
Der Trick ist, investigativ und hart nachzufragen, aber unfundiert. Also quasi beim kleinsten Gegenwind sofort umzufallen.

Sie fallen, reißen Ihr Opfer aber mit.
Was soll man mit Britt auch über Sinn und Unsinn ihres Produkts diskutieren? Das macht sie seit 15 Jahren, jetzt zum Glück mit Happy End bei QVC und dem Verkauf von Diätpulver. Aber trotzdem kann man mal die Frage stellen, die einen als empathischen Realschüler eben so interessiert. Das habe ich gemacht und mich dann schnell wieder ins Comedyschneckenhaus zurückgezogen. Da wird im Nachhinein viel reininterpretiert. Ich bin Getriebener meiner eigenen Unzulänglichkeit. Wie man an diesem Satz merkt.

In einer anderen Sendung verlässt der Musiker Max Herre kurzerhand das Studio, weil er mit den Fragen nicht einverstanden schien. Sie fühlten sich danach sichtlich unwohl.
Das war natürlich sehr gut geschauspielert von mir und hatte mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Das war durch und durch berechnet, kalkuliert und mit Max Herre und seinem Management abgesprochen.

Ein inszenierter Tabubruch.
Ja, das ist so üblich im Fernsehen. Ich habe auch nicht glauben wollen, dass Fernsehen so funktioniert, aber so ist es nun mal.

Warum versteckt das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen solch erfrischende Formate wie Roche und Böhmermann? Was stimmt hier nicht?
Was Fernsehen betrifft, bin ich dankbarer Mitarbeiter des gebührenfinanzierten Rundfunks, habe aber natürlich keine Scheuklappen, was das Privatfernsehen angeht. Aus welchen Gründen sollte man das Privatfernsehen auch meiden?

Ich wollte auch gar nicht aufs Privatfernsehen hinaus, ich trauere einfach noch um Ihre Sendung im Öffentlich-Rechtlichen.
Trauern sie nicht. Es geht irgendwie weiter. Das ist beim Fernsehen nun mal so. Wenn jemand in der Gruppe angeschossen wird, dann wird er liegen gelassen und die anderen ziehen weiter. Das war hier auch so. Das Format ist zu Ende, es verreckt jetzt im Dschungel und wir müssen weiter, der Feind schläft ja nicht. Da kommt es zu Kollateralschäden.

Bleibt zu fragen, wer geschossen hat, in der Ehe Roche/ Böhmermann?
Das weiß man nicht. Kann sein, dass es friendly fire war, kann sein, dass die Kugel von draußen kam. Im ganzen Kugelhagel ist das im Nachhinein nicht mehr genau auseinanderzupflücken. Aber die Haltung muss sein, dass derjenige, der mit Beinschuss zu Boden geht, dann sagt: „Lauf ohne mich weiter und sag‘ Jackie und den Kindern, dass ich sie liebe.“ Und dann wird weitergekämpft, um mal in nordkoreanischer Friedensrhetorik zu bleiben.

Ihr Format wird versteckt und schon nach kurzer Zeit eingestellt und stattdessen laufen andere Weichspühl-Talkformate munter weiter. Früher mal interessante Politsendungen sind heute nur noch PR, mit Moderatoren als schlechtere Stichwortgeber
Ich tue mich schwer damit, die Arbeit anderer zu interpretieren. Machen Sie das lieber. Stellen Sie lieber eine andere Suggestivfrage und ich gebe Ihnen dann folgende Blankoantwort: Naja, wenn Sie meinen. Aber was ich auf jeden Fall noch sagen wollte, Joko und Klaas sind perverse Sexschweine, die im ehrenwerten Privatfernsehen nichts zu suchen haben. Das können Sie gerne so schreiben.

Am Donnerstag beginnt Ihre Neue Show, eine nach eigener Aussage zweistündige gebührenfinanzierte Fernsehanarchie. Das müssen Sie uns erklären.
Die Radiosendung mache ich im Grunde schon seit drei Jahren. Und nun haben sich die Verantwortlichen der ARD gedacht, es wäre lustig, jetzt mal Kameras dazuzuschalten, weil man weiß, Radio im Fernsehen ist wahnsinnig sexy. Und ich sage, das stimmt. Deswegen gibt es ab Donnerstag die Sendung alle zwei Wochen auf Eins Plus. Sozusagen als großes Entertainmenttrainingslager, damit die Kameramänner in den Sommerferien nicht einrosten.

Eins Plus? Muss ich den Sender kennen?
Nee, ich kenne ihn ja auch nicht. Ich glaube, dass ist so etwas wie ZDFneo für ARD-Freaks. Es lohnt sich aber mal reinzuschauen. Da gibt es tolle frech zusammengeschnittene Best-Ofs aus dem ARD Buffet.

Wieder eine Sendung, die versteckt wird?
Aber das Schöne ist doch: Wer braucht lineares Fernsehen, wenn es das Internet gibt? Und Cicero-Online-Leser wissen ja sowieso, wo man die geilen Inhalte findet.

Herr Böhmermann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Timo Stein

Lateline live in EinsPlus: 11. April, 25. April, 9. Mai, 23. Mai, 6. Juni, 20. Juni und 4. Juli 2013 Infos zu Tickets auf den Webseiten der jungen Programme der ARD und unter www.lateline.de.

Förderschulklassenfahrt: Eventhörspiel, von Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf, Verlag: Roof Music

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