Wahlkampf 1932
Wahlkampfhelfer der NSDAP, KPD und der DNVP in Berlin, 06.11.1932 / picture alliance / SZ Photo | Scherl

„Im Zwischenreich“ von Ute Daniel - Wenn Weimar aktuelle Politik begründen soll

Ute Daniel blickt mit „Im Zwischenreich“ postmodern in den Abgrund der Weimarer Republik. Mit pädagogischem Gestus will sie politische Schlüsse für heute ziehen. So degeneriert Geschichtswissenschaft zur bloßen Begründungsinstanz für aktuelle Erfordernisse.

Autoreninfo

Lothar Machtan ist Historiker und lehrte bis 2015 an der Universität Bremen. 2021 erschien sein Buch „Der Kronprinz und die Nazis. Hohenzollerns blinder Fleck“. 

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Seit geraumer Zeit schon erlebt die Beschwörung der Weimarer Republik eine Konjunktur, die das Historische geradezu ins Gleichnishafte zwingt. Die Retrospektive auf die deutsche Zwischenkriegszeit lockt mit der Verheißung, die aktuellen Verwerfungen unserer eigenen politischen Kultur womöglich besser zu verstehen. 

Drei eher literarische Sachbücher haben dieses Bedürfnis nach zeitgemäßer Orientierung zuletzt bedient: Harald Jähners „Höhenrausch“, Jens Biskys „Die Entscheidung“ und Volker Ullrichs „Schicksalsstunden“. Die Autoren, allesamt im deutschen Feuilleton beheimatet, lieferten kaleidoskopische Collagen einer Epoche, deren Befindlichkeit sie als zerrissen und ambivalent, manisch und depressiv, irrend und wirrend ins dramatische Bild setzten. Gezeigt wurde die agonale Tragik einer Zeit, die mit sich selbst im Unreinen blieb, ohne damit zwangsläufig dem Untergang geweiht zu sein.

Nun hat die Neuzeithistorikerin Ute Daniel von der Universität Braunschweig nachgelegt; mit einem akademischen Buch. Das soll uns endlich Gewissheit schaffen „darüber, worum es sich denn nun bei der Weimarer Republik handelte und warum sie endete, wie sie endete“. In meinungsstarker Absicht, denn die Autorin will damit zugleich eine neue, „überfällige“ Weimar-Debatte anstoßen. Wer die Erwartungshöhe derart massiv nach oben schraubt, muss liefern – und zwar jenseits dessen, was die ohnehin opulente Forschungsliteratur bereits (aus)erzählt hat. Das braucht neue Quellen, unverbrauchte Bilder, frische Narrative. Doch bietet Daniel das?

Vertraute Kost

Zunächst zum Positiven: Vieles, was sie thematisiert, ist zwar dem Fachhistoriker geläufig, wird von ihr aber pointierter umrissen. So, wenn sie den „Streit um den Staat“ als fiskalischen Überlebenskampf liest, oder Matthias Erzbergers Finanzreformen als äußerst wagemutig bezeichnet, der den mörderischen Hass der konservativen Eliten gleichsam zwangsläufig auf sich ziehen musste. Schön eingefangen ist auch das Dilemma der Reparationen, das die Steuervermeidung zum „patriotischen Kampfsport“ degradierte; oder die fatale Deflationspolitik von Reichskanzler Heinrich Brüning, die sich in der Tat als Sargnagel der parlamentarischen Demokratie entpuppen sollte. Schließlich sind ihre Einbettung Weimars in die europäische Krise des Parlamentarismus und das toxische Karussell internationaler Schulden durchaus appetitlich angerichtete, wenngleich vertraute Kost. 

Das Problematische an dieser Veröffentlichung beginnt dort, wo Daniel über die originell kommentierte Rekapitulation des Bekannten eigensinnig hinausgeht. Hier betreibt sie nämlich so etwas wie eine „Ideologie-Impfung der Empirie“, welche die historische Aufgeschlossenheit gegenüber dem Überraschenden, dem Kontingenten bereits im Keim erstickt. Anstatt sich den eklatanten Ungereimtheiten der Weimarer Geschichte konkret zu stellen, ist sie bemüht das Geschehen geradezuziehen. 

Sie sucht den Fluchtpunkt ihrer Erzählung im Grundsätzlichen. Indem sie aus der Asservatenkammer der politischen Begriffsgeschichte das Buchtitel gebende Konstrukt eines „Zwischenreiches“ reaktiviert. Dass Daniel ausgerechnet diesen Kampfbegriff des Radikalnationalisten Arthur Moeller van den Bruck – der die Republik damit schon 1923 zum bloßen „Wartesaal“ der deutschen Geschichte degradierte – zur analytischen Kategorie adelt, ist methodisch wie inhaltlich nicht in Ordnung. Was damals als rhetorisches Gift zur Unterminierung der Demokratie injiziert wurde, lässt sich nicht post festum zur wertneutralen wissenschaftlichen Prämisse für ein tieferes Verständnis Weimarer Befindlichkeiten objektivieren. Vor allem dann nicht, wenn dies so apodiktisch geschieht wie hier.

Erhabenheit gegenüber den Quellen

Ebenso wenig einleuchtend ist ihre Übertragung von Ernst Fraenkels rechtswissenschaftlichem Modell des „Doppelstaates“ auf das politische System der späten Republik. Was der politische Intellektuelle vor fast 90 Jahren in der Emigration zur Kennzeichnung der NS-Willkürherrschaft entwickelte, wird hier zum analytischen Prokrustesbett für die Ära der Präsidialkabinette. Wo genau Daniel in der Regierungspolitik jener Jahre die schrankenlose Willkür eines „Maßnahmenstaates“ zu erkennen glaubt, bleibt ihr Geheimnis.

Wie weit die Erhabenheit der Autorin gegenüber dem Veto-Recht der Quellen reicht, zeigt sich dann besonders krass an ihrer Deutung der Politik der Reichswehr. In Daniels Narrativ agierte dieser Staat im Staate die ganze Zwischenkriegszeit hindurch als machtbesessener Wegbereiter eines Umsturzes in Richtung Diktatur. 

Die historische Realität zeigt etwas anderes, nämlich: dass die Reichswehrführung vor allem unter Schleicher bis zum Januar 1933 mit allen – wenn auch oft fragwürdig autoritären – Mitteln versuchte, eben jenen Staatschef Hitler zu verhindern, den Daniel als denknotwendige Folge eben jener Reichswehr-Strategie suggeriert. So sieht sie Zwangsläufigkeit ausgerechnet dort, wo die Akteure mühsam um heute verschüttete Alternativen zum Nazi-Führer rangen. (Und selbst ein Nichtdemokrat wie Hindenburg den „böhmischen Gefreiten“ bis zum 29. Januar 1933 partout nicht in den Schaltraum der Staatsmacht lassen wollte.)

Pädagogischer Gestus

Diese Engführung hat System. Daniels (präparierte) Landkarte zur Erkundung ihres Terrains soll – so die Prätension – bereits das Messtischblatt der ganzen Landschaft sein. Folgerichtig findet sie auf ihrer Entdeckungsreise nach Weimar nur das, was ihre Vorannahmen spiegelt. 

Und dann noch der pädagogische Gestus, den ihre historische Abhandlung am Schluss mit Blick auf die Gegenwart einnimmt. Will die Verfasserin uns doch tatsächlich glauben machen, aus dem fatal kurzlebigen Weimar-Projekt die relevanten politischen Schlüsse für die Stabilisierung unserer heutigen Demokratie zu ziehen. Das geht bis hin zu einem Katalog von (gut gemeinten) Verhaltensvorschlägen für die politische Klasse, die sie ermahnt, den Kontakt zur Lebensrealität nicht zu verlieren oder die Resilienz demokratischer Institutionen zu stärken. Hier kippt die geschlossene Argumentationsschleife ihres Ansatzes definitiv ins Teleologische. Wenn die Historie am Ende zur bloßen Begründungsinstanz aktueller politischer Erfordernisse degeneriert, verliert sie ihre Tiefe – und wir die Fähigkeit, aus ihren harten Widersprüchen und Kippmomenten zu lernen. Ein klassischer Kategorienfehler. 

Wir können der Weimarer Republik nicht gerecht werden, wenn wir sie als Laborversuch mit bekanntem Ausgang behandeln. Doch die „überfälligen“ Debatten über diese erste deutsche Demokratie werden unser politisches Bewusstsein wohl erst dann wieder schärfen, wenn wir sie kontroverser und ergebnisoffener führen, als dies bislang geschehen ist. Vorhang auf. 

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Markus Michaelis | Di., 3. März 2026 - 11:09

Weltsicht passt. Ja, den Eindruck hat man oft. Mir kommt das nicht glaubwürdig vor, allerdings bin ich Laie. Einerseits unterstreichen die vor Rechts mahnenden Kräfte die Weltoffenheit und dass Deutschland durch universelle Werte im GG definiert sei, oder durch eine Geschichte, die durch eine andauernde Migration, Offenheit und Austausch bestimmt gewesen sein soll.

Und dann sind doch immer wieder alle kritischen Punkte der Geschichte und Gegenwart durch Kaiserreich, Weimar und die Nazis bestimmt. Das sind die Bezugspunkte an denen sich alles messen muss. Und natürlich positiv das GG des parlamentarischen Rats von 1948/49.

Passt das dazu, dass wir heute Millionen neue Mitbürger, Gedanken, Zusammenhänge in D haben, plus Einbindung in EU - aber unser Verständnis heute (und auf ewig?) soll durch die rein und sehr deutsche Zeit der Vergangenheit gegeben sein? Passt das richtig zusammen? Klammert sich Frau Daniel damit nicht an ein Deutschsein, das oft gerade abgelehnt wird?

beides sind Extreme, zu denen der Deutsche im allgemeinen neigt, und hier ist des "Pudels Kern" zu suchen.
Übrigens, mehr Gelassenheit und Humor, aber weniger Dogmatik, das würde dem Land auch nicht schaden, im Gegenteil.

Hans Süßenguth-Großmann | Mi., 4. März 2026 - 09:44

der Geschichtswissenschaft, dass die Historiker als Erzähler die Geschichte durch ihre Brille betrachten und das sie wissen wie es ausgegangen ist, was die Akteure nicht wussten.. Das Goethe Zitat aus Faust " „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, / Das ist im Grund der Herren eigner Geist, / In dem die Zeiten sich bespiegeln“ trifft eben auch heute zu. Dazu kommt, dass die Zunft der Historiker etwas "Nützliches" liefern muss, wenn sie Geld haben will. Deshalb können und müssen "wir aus der Geschichte lernen", ob das möglich ist, weiß ich nicht.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi., 4. März 2026 - 10:17

in der ZEIT hat mir gut gefallen.
Dieser Artikel hier aber auch, denn es gibt schon kleine Zuordnungen in dem Interview, ab denen ich bedachter, aber nach wie vor mit Interesse lese.
Als da wäre "Komplizenschaft der SPD mit der Reichswehr"?
Das ist nicht mein Blickwinkel auf die Weimarer Republik.
Ich nehme eher an, dass sich das Deutsche Reich insgesamt in den Versailler Verträgen teils zu Unrecht beschuldigt sah.
Dieses Narrativ machte sich besonders die NSDAP zu eigen, aber war, wie heute auch an der Migration etc., etwas daran?
Im Interview liest sich die Weltwirtschaftskrise fast so, als wäre sie das Ergebnis der Politik des Deutschen Reiches?
Das hielte ich dann doch für übertrieben.
Wo waren die Alternativen zur NSDAP und vor allem zu Hitler?
Da ist dann aber doch das Interview sehr aufschlussreich und entsprechend würdigt der Autor das Buch von Frau Prof. Ute Daniel.
Man hätte weitsichtiger agieren können und sollte es besser sowieso.
Informationen zu Frau Daniel ff. s. Wiki

durchaus auch in der NSDAP selbst, z.B. Ribbentrop, Göring ff.
Hitler "überzeichnete" sich evtl. selbst sehr stark, wurde aber auch durch seine Parteileute medial überzeichnet, weil sie dessen mediale Präsenz und Wirkung wohl richtig einschätzten.
Nach einer Weile meinten viel, nicht mehr zurück zu können, so dass dann Gefolgstreue ins Spiel kam, in anderen Kreisen Müdigkeit?
Lese ich das richtig, die Versailler Verträge waren schon vor Hitlers Machtergreifung auch seitens der Alliierten vom Tisch?
Transparenz ist jedenfalls keine kleine Sache...