Vision Amerika - "Ich höre Amerika singen"

Walt Whitmans Gedicht-Zyklus "Leaves of Grass" ist die literarische Gründungsakte der Vereinigten Staaten. Und ein ganz gegenwärtiges Stück Populärkultur

() "Ich höre Amerika singen"

Es gebe da in Kalifornien einen Kult, so meldet ein US-Blogger, der den Dichter Walt Whitman zu seinen Göttern zähle. Der Blogger kommentiert das nüchtern: «I don’t completely disagree with that assessment» – gänzlich widersprechen möchte er dieser Einschätzung nicht. Und er tut gut daran. Denn was dieser Walt Whitman, 1819 im Staat New York als Zimmermannssohn geboren, mit seiner schließlich gewaltigen, über fast vierzig Jahre ständig erweiterten und umgearbeiteten Gedichtsammlung «Leaves of Grass» gewagt hat, das ist kaum weniger als eines jener unglaublichen Werke, die man einst nur den Göttern zutraute. Oder deren irdischen Stellvertretern. Zehn Jahre, bevor Abraham Lincoln – von Whitman mit «O Captain! My Captain!» geehrt – den vom Bürgerkrieg zerrissenen Staatenbund zu einem Nationalstaat einte, hatte Whitman begonnen, die neue Mythologie dieser Nation buchstäblich aus dem amerikanischen Boden zu stampfen. Nicht völlig allein, aber unbedingt federführend.

Dass dieser nationalmythologische Gründungs-Akt nach gut deutscher Romantik, nach Novalis oder gar nach Wagner klingt – also nach dem «Alten Europa» –, ist dabei so richtig wie nebensächlich. Darum ging es nämlich gerade nicht. Die amerikanische Mythologie musste eine neue sein, entstanden aus jener Welt, die sich als «Neue Welt» zu begreifen versuchte. «I stand in my place with my own day here»: Etwas überrascht, ein wenig stolz und seltsam wohlgemut besinnt sich da einer auf sich selbst, auf seinen Wirklichkeits- wie auf seinen Möglichkeitssinn. Und dieser eine: der ist schon in dem großen Reflexionspoem «Aufbruch von Pau­manok» (1860), aus dem dieser Vers stammt, ein anderer als die Person Walt Whitman. Er ist das, was man heute prosaisch als eine Symbolfigur kultureller Identität bezeichnet.


Der Superman von nebenan

Wenn Whitmans «Leaves of Grass» bis heute immer wieder als eine Gründungsurkunde, ja, als die «New Bible» der amerikanischen Kultur interpretiert werden, dann nicht nur, weil sie mit frischem Patriotismus die USA selbst als «the greatest poem», das «großartigste Gedicht» feierten, sondern auch deshalb, weil Whitman darin das Grundproblem jeder kulturellen Identität sympathisch einfach gelöst hat: Dass die Menschen verschieden sind, nirgendwo schien es offensichtlicher als in diesem offenen, immer noch anschwellenden Gebilde aus vielen Nationalitäten, aus dem eine Nation werden sollte. Wo aber die Herkunft keine kollektive Identität zu stiften vermag, da muss eine gemeinsame Tätigkeit her. Man könnte zum Beispiel zusammen eine Nation gründen – oder auch nur ein wenig singen. Whitmans Gedicht «Ich höre Amerika singen» ist die emphatische Sozialutopie einer solchen Nation, die sich im gleichberechtigten Gesang der vielen vereinigt.

Von Anfang an war diese Idee einer amerikanischen Kultur damit die Idee einer Populärkultur – nicht einer vergangenen, etwa aus Volksliedern und -märchen zu rekonstruierenden, sondern eines gerade hier, gerade jetzt stattfindenden Lebens und dessen möglicher Zukunft. Für den Dichter bedeutete dies: in die satte Wirklichkeit greifen, ins Gedicht nehmen, was dort draußen im Land geschah, wo sich die frontier noch bis 1893 verschob. Die Helden dieses Mythos entstammen nun nicht mehr der Vorzeit, sondern wohnen wie Clark Kent alias Superman womöglich nebenan: working class heroes, von Whitmans homoerotischem Blick liebevoll zu den Heroen eines neuen Mythos stilisiert, Handwerker, Bauern, Pioniere – und Sänger, die diese Helden begleiten und deren Mythen singen.

Epochale Merkwürdigkeiten

Whitman hat, das macht die Modernität seines Mythos aus, zugleich mit dem Entwurf einer amerikanischen Kultur auch seine eigene Rolle erfunden: «Song of Myself» heißt ein frühes Gedicht, das vom Selbst eines möglichen Amerika ebenso handelt wie vom Selbst seines amerikanischen Sängers. Und auch dieser Sänger musste sich unbedingt etwas Neues einfallen lassen; die Sache mit der Poesie ließ sich, hier und jetzt, immer noch besser machen. Als wild style wurde mitunter charakterisiert, was Whitman in dieser Situation und für sie entwickelte: eine scheinbar völlig freie Form des Verseschreibens, ohne metrische Bindung, ganz dem Rhythmus der amerikanischen Sprache ausgesetzt, dabei zugleich kunstvoll durchkonstruiert, voller rhetorischer Tricks und katalogartiger Aufzählungen. Zur epochalen Merkwürdigkeit der «Leaves of Grass», zu ihrem Avantgardismus gehört auch: dass da jemand Gedichte schreiben konnte, als schriebe er Prosa; und das klappte auch noch. Kaum weniger merkwürdig, vielleicht aber etwas amerikanischer wird dies angesichts der Tatsache, dass diese «New Bible» von einem geschrieben wurde, dessen Beruf für lange Zeit der Journalismus war.

Allen euphorisch-pathetischen Mythisierungen der Demo­kratie, der Religion, der Selbstbestimmung, des Aufbruchs, des Amerikanischen zum Trotz lag in dieser journalistischen Schreibhaltung ein Realitätssinn begründet, der Whitman zur steten Korrektur, zu Verwerfungen und Ernüchterungen trieb. Der amerikanische Bürgerkrieg, in dem er jahrelang als Sanitäter diente, Lincolns Tod, die anhaltenden Indianerkriege, fehlende Gleichberechtigung allerorten und dazu immer noch die nur schleppend und weithin widerwillig verlaufende Abschaffung der Sklaverei – über die Jahre, in denen Whitman seine «Leaves of Grass» immer weiter ergänzte und überarbeitete, bekam der darin formulierte Mythos Amerikas eine Geschichte, die besser hätte verlaufen können. Auch diese US-Geschichte fügte der Humanist und überzeugte Demokrat Whitman, teils in Form langer Gedichtzyklen, seiner wachsenden Sammlung hinzu, bis zu deren neunter und letzter Ausgabe, fertiggestellt 1892 auf dem Totenbett.

In der Publikationsgeschichte, in der sich wandelnden Textgestalt der «Leaves of Grass» wurde auf diese Weise erkennbar, als was der darin formulierte Mythos einer amerikanischer Kultur gelten könnte: als eine Aufforderung an die Wirklichkeit, ihre Möglichkeiten zu nutzen. Dass damit gleichermaßen ein Versprechen gegeben wie ein Anspruch formuliert war, dafür steht kaum etwas so umfassend ein wie das Bild der «Open Road», der «offenen Straße»: «The long brown path before me leading wherever I choose.» Ein Weg ist schon einmal da; und er ist frei. Man sollte losgehen.

Diese Denkfigur gehört seitdem zum Inventar amerikanischer Selbstverständigung. Zum Gründungsvater, mitunter selbst zum Hausgott mythisiert, verkörpert Walt Whitman inzwischen einen Anspruch, dem sich noch der Erste unter den Amerikanern stellen muss. Als im letzten November die Wahl des künftigen Präsidenten anstand, legte ein bloggender Literatur­professor aus Princeton schon einmal die Messlatte vor: Barack Obama habe die Chance, neben dem Erbe Abraham Lincolns und John F. Kennedys auch dasjenige Walt Whitmans anzutreten. Das wäre viel. Und nicht zuletzt dank Whitman ist es eine bemerkenswert amerikanische Hoffnung, so etwas nicht für unmöglich zu halten.

 

Peer Trilcke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Philologie an der Göttinger Georg-August-Universität.

  

Walt Whitman
Grasblätter
Erstmals vollständig aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Brocan.
Hanser, München 2009. 840 S., 34,90 €
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Biographie

Walt Whitman, geboren 1819 auf Long Island, war Drucker und Journalist, bevor er Dichter wurde. 1892 starb er in New Jersey

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